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"The Mastermind" und die große Kunst des Kunstraubs

Kunstdiebstähle sind ein beliebtes Genre der Filmgeschichte. In ihrem neuen Werk "The Mastermind", das jetzt bei Mubi läuft, greift Regisseurin Kelly Reichardt diese Tradition auf, unterläuft die Erwartungen des Publikums jedoch auf clevere Weise

"Wäre ich beim lahmarschigsten Banküberfall aller Zeiten der Fahrer", sagte Sebastian Schipper einmal im Monopol-Interview, "würde ich mir trotzdem vor Aufregung in die Hose machen". Überfälle auf der Leinwand können spannungsmäßig nicht mit der Realität mithalten, weshalb Schipper dann "Victoria" ohne Schnitt und Nachbesserungsoptionen machte – und den fatalen Überfall in den Hintergrund rückte. Ein Dreh als Himmelfahrtskommando.

Auch Kelly Reichardt hat mit neun Spielfilmen immer wieder die Erkenntnis beherzigt, dass bewährte Geschichten nicht immer Garanten dafür sind, das Publikum bei der Stange zu halten. In "Meeks Cutoff" (2010) und "First Cow" (2019) stellte die US-Regisseurin Western-Traditionen auf den Kopf. "Night Moves" (2013) hob mit dem vermeintlichen Spektakel einer Staudamm-Sprengung durch drei Umweltaktivisten an, fokussierte dann aber auf die Gewissensbisse der Hauptfiguren, nachdem bei der Aktion ein Mensch ums Leben kommt. 

Reichardts jüngster Streich "The Mastermind", der nun bei Mubi im Stream Premiere feiert, beginnt wie ein Heist-Movie: mit den Vorbereitungen auf einen Kunstraub, mit der konspirativ-siegesgewissen Miene des Protagonisten JB Mooney (Josh O’Connor) und eleganter, vorwärtsdrängender Jazz-Musik. Der Plan, vier Gemälde aus einem kleinen Museum in Massachusetts zu stehlen, klingt lohnend, erweist sich aber als mangelhaft durchdacht. Vom Scheitern erzählt Reichardt allerdings mit ausgefuchster Präzision.

Reichhaltige Filmgeschichte der Heist-Movies

"The Mastermind" spielt in den 1970ern in Neuengland, die Szenerie wurde für den Film minutiös rekonstruiert (Production Design: Anthony Gasparro, Kostüme: Amy Roth). Clever weckt Kelly Reichardt mit dem Titel und der Exposition ihres Films Erwartungen, die sie am Ende nicht einlöst. 

Das Werk kann vor einer reichhaltigen Kinogeschichte der Heist-Movies um Kunstdiebstähle betrachtet werden. In William Wylers Komödie "Wie klaut man eine Million" (1966) stehlen Audrey Hepburn und Peter O’Toole eine wertvolle Statue aus dem Pariser Louvre. Mithilfe eines Bumerangs löst O’Toole mehrmals Fehlalarm aus, bis entnervte Museumsmitarbeiter das Warnsystem ausschalten – und das Paar zur Tat schreiten kann. 

Während es der Meisterdieb Steve McQueen in "Thomas Crown ist nicht zu fassen" (1968) vor allem auf Geld abgesehen hat, interessiert sich der von Pierce Brosnan gespielte Held des Remakes "Die Thomas Crown Affäre" (1999) für Kunst – speziell für ein Meisterwerk von Claude Monet: "San Giorgio Maggiore (Venedig) in der Dämmerung".

Böse Bauchlandung statt großer Coup

Für den Film musste das New Yorker Metropolitan Museum of Art im Studio nachgebaut werden, da für das echte Gebäude an der Fifth Avenue keine Drehgenehmigung erteilt wurde. Und auch "Gambit" ("Das Mädchen aus der Cherry-Bar", 1966), in dem Michael Caine eine weibliche Büste aus einer Privatsammlung entwendet, ist neu verfilmt worden: 2012 kam "Gambit – Der Masterplan" ins Kino. 

Wieder ist das Raubgut ein Meisterwerk von Monet, hier einer seiner berühmten Heuschober ("Les Meules") aus den späten 1880ern. Nach vielem Hin und Her gelingt es Darsteller Colin Firth, das Gemälde zu erbeuten. Interessanterweise erzählen viele dieser Kunstdiebstahl-Filme von gelungenen Coups, während die Raubzüge in klassischen Heist-Movies à la "Rififi" (1955, von Jules Dassin) regelmäßig im Desaster münden.

Kelly Reichardt bricht nun mit der Tradition des Gentleman-Kunstdiebs, indem sie einen "Helden" erfindet, der Eleganz und Raffinesse anstrebt – und trotz hochtrabender Pläne eine böse Bauchlandung erlebt. Den Maler Arthur Dove, auf dessen Bilder es die Hauptfigur Mooney abgesehen hat, hat es wirklich gegeben. Er starb 1945 im Alter von 66 Jahren. Neben Wassily Kandinsky zählte Dove zu den ersten US-Künstlern, die abstrakt malten.

Der Kontrollverlust im eigenen Leben

Mooney aber schrumpft vom Meisterstrategen – als der er sich offenbar selbst sieht – zum Stümper. Er hat drei Komplizen angeheuert, damit er selbst nicht vor Ort sein muss. Denn die Belegschaft des Museums kennt ihn gut. Doch der für die Flucht engagierte Fahrer springt am Tag des geplanten Diebstahls ab – eigentlich müsste Mooney sein Vorhaben jetzt abblasen. Doch er wird selbst aktiv, statt als Drahtzieher und "Mastermind" (der Titel ist natürlich ironisch gemeint) im Hintergrund bleiben zu können.

Der Überfall läuft anders als geplant. Mooney versteckt die gestohlenen Gemälde auf dem Dachboden einer Scheune, erregt den Verdacht der Polizei, überwirft sich mit seiner Ehefrau und bekommt es mit skrupellosen Mafiosi zu tun. Für die Halbwelt des Verbrechens interessiert sich Reichardt jedoch weniger als für den Alptraum des Kontrollverlusts über das eigene Leben, den Mooney erfährt. 

Ein Mann auf der Flucht, vor allem vor sich selbst. Im Hintergrund finden Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg statt. Sehr gut möglich, dass das militärische Fiasko der USA eine wichtige Inspirationsquelle für den Film war. Wie alle guten Erzähler lässt sich die Regisseurin aber nicht in die Karten schauen. "The Mastermind" ist ein unberechenbarer und schillernder Film. Sein Tempo ist gebremst, die kleinstädtische Stimmung verschnarcht. Wie sie die Spannung dennoch zu halten versteht – bleibt Kelly Reichardts Meisterinnen-Geheimnis.