Zwei Filme hat Paolo Sorrentino früheren italienischen Ministerpräsidenten gewidmet: In "Il Divo" porträtierte der Filmemacher 2008 Giulio Andreotti, zehn Jahre später drehte er die Silvio-Berlusconi-Biografie "Loro – Die Verführten". In seinem jüngsten Film verkörpert Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo einen fiktiven Staatspräsidenten.
Die Amtszeit Mariano De Santis’ neigt sich dem Ende zu: ein müder, aber nicht gebrochener Mann. Ein Politiker der ehernen Gewissheiten. "Cemento armato", Stahlbeton, nennen sie ihn – hinter vorgehaltener Hand. Den Tod seiner geliebten Frau Aurora hat er nie verwunden. Aber ebensowenig ihren Seitensprung vor vier Jahrzehnten. Das Rätsel, wer sein Rivale war, treibt De Santis noch immer um. Wie immer und überall will er auch hier die Wahrheit wissen.
Deshalb schiebt er Entscheidungen auf: bei der Begnadigung einer Frau, die ihren brutalen Partner im Schlaf erstach und ihre Tat nicht bereut. Bei der Begnadigung eines Lehrers, der seine alzheimerkranke Frau "erlöste". Und schließlich müsste noch der Entwurf eines Euthanasiegesetzes unterzeichnet werden. Seit Monaten bastelt auch De Santis' Tochter, eine Juristin, daran herum. Und doch findet der Präsident noch Details, die ihm nicht präzise genug sind.
"La Grazia", 2025, Filmstill
"La Grazia" kann ins Deutsche übersetzt Gnade und Begnadigung bedeuten. Es kann aber auch die Grazie gemeint sein, jene echte Eleganz, mit der jemand wie absichtslos auf andere wirkt. Im Fall von De Santis: eine Anmut, die sich im Äußeren manifestiert, jedoch ethische Fragen berührt.
Was ist Zeit, wenn die Tage gezählt sind, das ist die Kernfrage von Sorrentinos magischem Film, der mit "La Grande Bellezza – Die große Schönheit" (2013) und "Ewige Jugend" (2015) eine Trilogie über alternde Männer bildet. "La Grazia" lebt durch eine Fülle zerdehnter Augenblicke: die flüchtigen Rauchwölkchen der täglichen Zigarette des Protagonisten; das Schweben einer einzelnen Träne in der Schwerelosigkeit des Alls (eine grandiose Szene zeigt eine Liveschalte zu einem Astronauten); die extreme Zeitlupe, in der ein greises Staatsoberhaupt mitsamt dem roten Teppich von einem Sturm beinahe davongeweht wird. Dem großen italienischen Regisseur Sorrentino gelingen hier Miniaturen über die Vergeblichkeit – und über die Unsterblichkeit.