AfricaBurn-Festival

Probebühne für die Apokalypse

Anfang Mai trafen sich wieder tausende Traumtänzer in der südafrikanischen Wüste zum AfricaBurn. Der Ableger des Burning-Man-Festivals verkauft Antikapitalismus als Lifestyle. Doch Utopie ist nicht in der kolonialen Urlaubsversion zu haben

Vor einigen Tagen zog es wieder eine kunterbunte und zugleich erschreckend homogene Truppe von Hedonisten, Individualisten, Influencern, Startup-Gründern und anderen Traumtänzern in die von Berlin etwa 9.000 Kilometer entfernte Tankwa-Karoo-Wüste im westlichen Südafrika. Auch aus Europa nahmen Pilger die lange, harte, und emissionsreiche Reise in den heißen Sand auf sich, um zum 14. Mal das AfrikaBurn zu zelebrieren. Das letzte präpandemische Festival zog 11.500 Burner an, wie sich die Festivalbesucher und -besucherinnen selbst nennen, dieses Jahr ist deren Zahl auf 5000 Menschen limitiert gewesen. Nach Angaben der Veranstalters handelt es sich beim AfrikaBurn um "das spektakuläre Ergebnis des kreativen Ausdrucks der Teilnehmer", "Manifestation unserer kollektiven Vorstellungskraft und der Höhepunkt unserer gemeinsamen Bemühungen" das in dem Entstehen "einer temporären Stadt aus Kunst, Themencamp, Kostümen, Musik und Performance" kumuliert.

Das Festival will ein Zuhause für all jene schaffen, die sich nach einem Gefühl von Gemeinschaft sehnen – für alle, die sich angezogen fühlen von der Idee, "dass es keine 'die Anderen' gibt, sondern nur uns". Charakteristisch für das AfrikaBurn ist das Prinzip, dass alle Teilnehmenden jedes Objekt, das sie zum Überleben und Feiern in der Wüste brauchen, selbst mitbringen müssen. Vor Ort gibt es nichts zu kaufen, Geld darf auf dem Festivalgelände nicht verwendet werden. Wer etwas möchte, das eine andere Person besitzt, muss eben fragen oder einen guten Tausch eingehen. Die Gemeinschaft richtet sich nach zehn Prinzipien: gemeinsame Anstrengung, bürgerliche Verantwortung, Dekommodifizierung, Partizipation, Unmittelbarkeit, Schenken, keine Spuren hinterlassen, radikale Selbstverantwortung, radikaler Selbstausdruck und radikale Inklusion.

Das AfrikaBurn ist ein sogenanntes local event des Burning-Man-Festivals. Dessen Ursprungsort ist die Black-Rock-Wüste im nordöstlichen Nevada der Vereinigten Staaten, wo 2017 rund 78.000 Menschen zusammen kamen. Lokale Events gibt es auch in Spanien und Israel. Ganz offenkundig fühlen sich die Burner von Orten angezogen, die klimatisch einen Vorausblick auf das apokalyptische Szenario einer vier Grad heißeren Erde geben. Mit dem Voranschreiten der Klimakrise könnte nach dem AfrikaBurn vielleicht auch bald das TuvaluDrown und das GreenlandMelt geben, wer weiß.

Transformative Heldenreise

Die Wüste selbst wird dabei als ein leerer, fremder, toter Ort mystifiziert – also als Probebühne für die  Welt, in der die jungen Burner und ihre Nachkommen wahrscheinlich irgendwann wirklich leben werden müssen. Ein Satz, den die NASA-Forscherin Kate Marvel eigentlich auf das aktive Vorantreiben der Klimakrise durch den globalen Kapitalismus bezog, könnte auch die Reise zum AfrikaBurn beschreiben: "Wir schicken unsere Kinder auf einen fremden Planeten." Es lockt also eine Zeitreise mitten in die Apokalypse, die jedoch nicht als "Mad Max"-Dystopie imaginiert wird, sondern – ganz in der Tradition der monotheistischen Religionen, in denen die Wüste als Ort des Fastens und der spirituellen Erleuchtung gilt – als transformative Heldenreise.

Paradoxerweise treiben die Burner auf ihrer Reise in die Pseudo-Endzeit den Eintritt der echten Apokalypse voran. In Wahrheit ist die Wüste ja (noch) nicht tot; sie gehört vielmehr zu den fragilsten Ökosystemen der Welt. Und die Reise zum AfrikaBurn, das sich doch eigentlich als Konsum-Fasten inszeniert, hat einen geradezu aberwitzigen klimatischen Fußabdruck. Ganze Heerscharen von Pilgern fliegen aus dem globalen Norden an. Das Festival wirbt sogar mit einem eigenen Flugplatz: "Flying in? Lucky you!" Wer kein eigenes Flugzeug besitzt, wird ermutigt, sich mit anderen Pilotinnen und Piloten auf der "Share a Flight to AfrikaBurn"-Facebookseite zu vernetzen.

Gleichzeitig rühmen sich die Veranstalter der Burns damit, "die Natur im gleichen oder sogar besseren Zustand zu hinterlassen, als die Burner sie angetroffen haben". Das Publikum wird daran erinnert, den Wüstenboden nicht zu fegen und auch bei dem Import von Brennholz darauf zu achten, keine "fremden Schädlingskulturen" nach Tankwa Karoo zu bringen. Das Holz wird dann unter anderem dazu genutzt, jegliche Kunst und Bauprojekte der Burnergemeinschaft am Ende des Festivals zu verbrennen. Das Prinzip "Leave no Trace" scheint wortwörtlich genommen zu werden: Müll, der verbrannt wird, ist schließlich nicht mehr da. Ebenfalls einfach nicht mehr da ist der CO2-Rechner der Website; der Link scheint bis auf weiteres defekt. Die Treibhausgase, die vor, während und nach der Veranstaltung emittiert werden, bleiben also unsichtbar. Während die Natur vor Ort fein säuberlich hinterlassen werden soll, werden die globalen Klimawandelfolgen der antikapitalistischen Theaterprobe schlicht ignoriert.

Exotisierender Primitivismus

Hinter der Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit scheint sich ein tieferer Primitivismus zu verbergen. Die Website des AfrikaBurn deklariert, dass der Grundstein der Kultur immer die Unmittelbarkeit sein werde. Es gelte "Erfahrung vor Theorie, Rituale vor Symbolen (...) moralische Beziehungen vor Politik". Und wer trotz solcher Aussagen noch daran zweifelt, dass die Burner sich an exotisierenden Primitivismus orientieren, möge der Tribal-Musik lauschen, zu denen die Burner in ihren orientalistischen Kostümen ums Feuer tanzen. Dabei könnten einige dieser Unmittelbarkeitsfantasien auch von den Ökonomen Friedrich August von Hayek, Milton Friedman oder dem ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan stammen. Wie die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zeigt, war der zentrale Anspruch des Neoliberalismus immer, das durch den Markt aggregierte lokale Erfahrungswissen und traditionelle Moralvorstellungen gleichermaßen vor den Eingriffen der demokratischen Politik zu schützen.

Dem entspricht das komplette Fehlen von Plena und anderen demokratischen Räumen, womit sich die Utopie des AfrikaBurn etwa von der einer Waldbesetzung oder eines Klimacamps unterscheidet. Die Gemeinschaft der Burner basiert vielmehr auf einem Tauschhandel, der allerdings von Geld und damit von kapitalistischen Machtstrukturen befreit sein soll. Sie entspricht also bei genauerem Hinsehen weniger den demokratischen Idealen eines Michail Alexandrowitsch Bakunin als dem "freien Markt" eines Adam Smith. Das Gespinst eines anarchistischen Marktes spukt seit Jahrzehnten durch den Libertarismus insbesondere kalifornischer Prägung, der auch den gegenwärtigen Arbeitskontext vieler Burner bestimmen dürfte. Das auf dem Festival angerufene politische Subjekt lässt sich als der individualistische, unternehmerische, apolitische Survival-Prepper beschreiben, der einen "freien Markt" an der lebensfeindlichen frontier der Zivilisation etablieren soll.

Ein weiteres wesentliches Merkmal des so vorgestellten siedler-kolonialistischen Subjekts liegt dann auch auf der Hand: Die Bilder vom Festival zeigen quadratmeterweise weiße Haut. Der Leitspruch des Festivals, dass "aus nichts alles kreiert wird", verkennt, dass auch schon lange vor der Anreise der Burner Menschen und Ökosysteme die Wüste Tankwa Karoo beheimaten – und das nicht nur temporär. Die indigene Bevölkerung, die Khoi, als "nichts" zu beschreiben, klingt eher nach Bernhard von Bülow oder Hernan Cortez als nach einer Gemeinschaft, die gesteigerten Wert auf "radikale Inklusion" legt. Dass jede Utopie und jeglicher Anti-Kapitalismus zwangsläufig auch postkolonial und antirassistisch sein müssen, ist eine Erkenntnis, die viele weiße Menschen noch nicht verdaut zu haben scheinen.

Urlaubskommunismus

Es scheint paradox, dass sich selbst Priviligierte, die sich eine Reise zu einem Musikfestival nach Südafrika und Eintrittspreise von bis zu 237 Euro leisten können, nach Dingen sehnen, deren Entfaltung sich der Kapitalismus in den Weg stellt: Kommunitarismus, Dekommodifizierung, Teilhabe, Solidarität, unmittelbare Verbindung zu sich selbst und anderen. Es erinnert an Mark Fischers Verweis, dass Kapitalismus von Anti-Kapitalismus nicht bedroht wird, sondern sich in vielerlei Hinsicht auf diesen stützt. Viele Formen des Antikapitalismus sind zu Waren des kapitalistischen Wirtschaftssystems geworden – so auch die Erfahrung, eine Woche lang ohne Geld zu leben. Wer Antikapitalismus als Lifestyle adaptiert, darf sich fühlen, als würde er sich dem System widersetzen, und kann gleichzeitig unbeschwert weiter konsumieren – allein schon, um sich für das Überleben in der Wüste zu preppen.

Dass es die Utopie nicht in der kolonialen Urlaubsversion gibt, scheint bei den Burnern noch nicht angekommen zu sein. Utopien sollten keine bloßen Pausen vom Status Quo sein. Sie verlangen gemeinsame Anstrengung und Verantwortung, Partizipation, Unmittelbarkeit, und radikale Inklusion – alles ja auch AfricaBurn-Werte –, um in der Gegenwart ein Fundament für mögliche Alternativen zu bauen. Nach Erik Olin Wright sind solche Realen Utopien ausschließlich jene, die "in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften emanzipatorische Alternativen aufbauen und somit die Welt, wie sie sein könnte, vorwegnehmen und dazu beitragen, dass wir uns in dieser Richtung voranbewegen." Utopien können also auch im Hier und Jetzt entstehen. Aber wir sollten auf der Hut sein vor einen Urlaubskommunismus, der lediglich einen Beitrag zur Verfestigung des Systems leistet.