Ai Weiwei

"Seide trägt Geschichten von 3000 Jahren"

Zur Milan Design Week zeigt Ai Weiwei mit dem Traditionshaus Rubelli Textilobjekte. Im Gespräch erklärt der Künstler, warum Seide für ihn ein politisches Material ist, kritisiert die Designindustrie – und erzählt, weshalb ihn diese Zusammenarbeit dennoch überzeugt hat

Ai Weiwei, waren Sie jemals auf dem Salone del Mobile und dem Fuorisalone in Mailand? 

Ich war noch nie auf einer der beiden Veranstaltungen.

Wie stehen Sie denn zur Designwelt? 

Im Wesentlichen unterscheidet sich Design nicht so sehr von Kunst: Beide bedienen sich geeigneter Mittel und dem Handwerk, um Gedanken und Erfahrungen auszudrücken. Wenn Sie mich fragen, ob mir die Designwelt in ihrer heutigen Form gefällt, würde ich sagen, dass mich ihr Zustand nicht sonderlich erfreut. Zu oft kreist sie um den wiederholten Verkauf dessen, was ich als wegwerfbare Konsumprodukte bezeichnen würde. Ich verwende diesen Begriff, weil der Kapitalismus von Natur aus darauf ausgerichtet ist, den Gewinn zu maximieren, und das beruht oft auf Formen der Verführung oder Täuschung. Einem Großteil der Designindustrie und vieler ihrer Produkte mangelt es an Ästhetik, Ethik oder tieferer Reflexion, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit Philosophie. In vielerlei Hinsicht ist die sogenannte Designwelt kein Umfeld, das Anlass zu Optimismus gibt.

Was hat Sie dann dazu bewogen, der Zusammenarbeit mit der italienischen Firma Rubelli anlässlich des Salones zuzustimmen? 

Diese Zusammenarbeit war nicht unkompliziert. Ich arbeite auch nicht leichtfertig mit anderen zusammen. Ich hatte aber viele Gespräche mit dem Unternehmen und bin zu der Überzeugung gelangt, dass sie aufrichtig sind. Jede Begegnung hat einen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kannte einige ihrer früheren Materialien, konnte also die Möglichkeiten als auch die Errungenschaften der Firma erkennen und darüber nachdenken, was ich dazu beitragen könnte. Die Einladung war sorgfältig, leidenschaftlich und beharrlich, echtes Engagement. Im Unternehmen gibt es eine Hingabe an das Handwerk und auch an die Arbeit eines Künstlers. Das ist mein Bild von Rubelli.

Sie haben mit Porzellan, Holz, Marmor und Lego gearbeitet. Welche Rolle spielte Seide bislang in Ihrer Praxis?

Ich arbeite seit 40 bis 50 Jahren mit Seide, interessiere mich seit Langem auch für Baumwolle oder Leinen. Denn das sind Materialien, die durch menschliches Überleben und menschlichen Einfallsreichtum entstanden sind. Sie tragen reiche Geschichten, Kontinuitäten und Historien in sich. Materialien, die nicht künstlich hergestellt werden, sind tief mit menschlichen Emotionen und Wahrnehmungen verbunden. Ich bin auch ein Sammler antiker Seide, besitze Seidearbeiten, die etwa 3000 Jahre alt sind und zu den frühesten bekannten Objekten gehören. Dadurch habe ich ein gewisses Verständnis für die Techniken, Muster und die Entwicklung des Stoffes. 

Auf den Stoffen, die Sie für die Installation entworfen haben, sehen wir Handschellen, Überwachungskameras, Lamas.

Die Themen dieser Muster entstammen in erster Linie meinem Leben und meinem sozialen Umfeld. Sie beschäftigen sich mit Fragen der Freiheit und der Redefreiheit, mit Zensur und Überwachung, mit Gewalt und Erotik. Sie spiegeln also meine Erfahrungen der letzten fast zwanzig Jahre wider. 

Ai Weiwei "The Animal that Looks like a Llama but is Actually an Alpaca", neu interpretiert von Rubelli als Seidenlampas
Foto: Felipe Sanguinetti

Ai Weiwei "The Animal that Looks like a Llama but is Actually an Alpaca", neu interpretiert von Rubelli als Seidenlampas 

Es ist auch ein Twitter-Vogel eingestickt – in der Pressemitteilung wird er als Symbol der Meinungsfreiheit beschrieben. Ist diese Zuschreibung noch aktuell? 

Twitter wurde als Plattform für freie Meinungsäußerung konzipiert und hat mir in erheblichem Maße ermöglicht, meine Ansichten zu äußern und Formen des intellektuellen Widerstands zu leisten. Für mich war das ein wichtiges Werkzeug. Mittlerweile hat es viele Veränderungen durchlaufen, insbesondere im Kontext der künstlichen Intelligenz, die große Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben könnte. Identitäten können von Konzernen kontrolliert, und Einzelpersonen können bedroht werden, etwa wenn durch Plattformen Informationen an Regime oder Militärorganisationen gelangen. Die Welt bewegt sich in diese Richtung. Twitter bleibt ein Raum, in dem Einzelpersonen sich versammeln und Informationen teilen können, aber seine Macht hat abgenommen und wird zunehmend von Unternehmensinteressen verdrängt, die die ursprünglichen Möglichkeiten des individuellen Ausdrucks ersetzen.

"Freiheit bedeutet, dass man Hindernisse überwinden muss", sagen Sie in einem Video zu der Arbeit, was meinen Sie damit?

Der Umfang dieser Frage ist enorm. Heute nutzt die Menschheit Stoffe in einem noch nie dagewesenen Ausmaß, angetrieben durch die kapitalistische Produktionsweisen. Das führt zu erheblichen Umweltschäden und Verschwendung. Wir sind also weiter von Traditionen und einem Sinn für Ästhetik entfernt denn je.

Ich bin nicht ganz sicher, ob das eine Antwort auf die Frage war, aber probieren wir es mit der nächsten: Welche Botschaften vermittelt denn Seide für Sie? 

Seide wird von Seidenraupen produziert, deren Lebenszyklus ist sowohl geheimnisvoll als auch schön. Der Kokon, den sie erschaffen, dient als schützende Hülle. Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist, schlüpfen sie als Motten und legen Eier, womit sie den Kreislauf des Lebens fortsetzen. Dies ist ein eleganter Prozess der Fortsetzung. Schon früh erkannte die chinesische Kultur den Wert der Seide, gewann ihre Fasern und verwandelte sie durch Färben und Weben in horizontaler und vertikaler Richtung in Faden. Dies ist ein komplexer und schöner Prozess, nicht unähnlich der heutigen Produktion. Mein Vater, Ai Qing, schrieb einmal, dass Seidenraupen, wenn sie Seide produzieren, sich nicht vorstellen, dass sie die Seidenstraße erschaffen. Diese Zeile erzählt von der Beziehung zwischen Menschheit und Natur – oder allgemeiner von den Bedingungen der menschlichen Gesellschaft.