Atelierbesuch bei Ai Weiwei

"Ich mache Probleme"

Ai Weiwei hat sich für einen Baumarkt ein Do-it-Yourself-Kunstwerk ausgedacht. Bei der Präsentation in Berlin schimpft der chinesische Künstler wieder, diesmal vor allem auf die Kunstwelt. Seine Kooperation mit Hornbach sieht er als Ausweg aus dem elitäten Zirkel

Ähnlich wie ein Kind in der Spielzeugabteilung fühlen sich Kunstliebhaber beim Betreten des tief in den Kellern ehemaligen Brauereigeländes Pfefferberg gelegenen Berliner Studios von Ai Weiwei, in das er sonst nur sehr selten die Öffentlichkeit eintreten lässt: All die rätselhaften schönen Objekte in den Regalen, Recherchematerial an den Wänden, und dann Ai Weiwei persönlich, der dasitzt und Insta-Stories macht.

Für Ai Weiwei selbst entsteht dieses Kind-in-der-Spielzeugabteilung-Gefühl im Baumarkt. Und darum hat sich Ai Weiwei, ehemals in Berlin lebender, jetzt auf Berlin schimpfender bekanntester chinesischer Künstler der Welt, für den Baumarkt Hornbach ein Do-it-Yourself-Kunstwerk ausgedacht und es am heutigen Dienstag präsentiert.

"Safety Jacket Zipped the Other Way" besteht aus sechs Schutzjacken, die an den Reißverschlüssen miteinander verbunden sind. Sie kosten knapp 40 Euro pro Stück, auf den Boden gelegt und an ihren Reißverschlussleisten mit der jeweiligen Nachbarjacke verbunden ergeben sie einen Kreis. Das Kunstwerk sieht vor, die Jacken an den Kapuzen auf gekreuzten, mit Kabelbindern befestigten Alurohren aufzuhängen wie an Haken. Aufgerichtet, wird ein leicht kreuzigungshaftes Arbeiterdenkmal daraus.

Kunst helfe zu verstehen, wer wir sind

Wie so oft bezieht sich Ai Weiwei auf Marcel Duchamp – Stichwort: Readymade – und zugleich winkt er mit Reflektor-Ärmeln zu Andy Warhol und Joseph Beuys herüber. Sich selbst zitiert Ai auch: Bereits in den 1980-Jahren machte er in New York eine Arbeit aus fünf miteinander über ihre Verschlüsse verbundenen Regenmänteln, durch die Ärmel geschobene Stäbe ergaben einen fünfzackigen Stern.

Er liebe Werkzeuge, sagt Ai Weiwei. Sie reflektierten die Menschheit. Heute sehe man ihnen nicht mehr an, wozu sie gut seien – Aufnahmegeräte, Telefone, Kameras. Er zeigt ins Rund der Journalisten, die ihm konzentriert ihre Werkzeuge entgegen halten. Alten Werkzeugen sähe man an, für welches Problem sie zuständig seien. Und dann zitiert er Duchamp, den Erfinder des Readymade: "Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt."

Das heiße umgekehrt, dass man Probleme schaffe, um sie zu lösen. "Ich weiß wovon ich spreche. Ich bin ein Troublemaker, ich mache Probleme", sagt der geniale Kommunikator Ai Weiwei, der immer zum Punkt kommt. Gerade hat er in der "Berliner Zeitung" über die Verlogenheit der deutsch-chinesischen Beziehungen gesprochen. Aber darum gehe es bei Kunst eben, dass man mutig und passioniert versuche, zu verstehen, wer wir sind.

Selbstvertauen ist das Wichtigste beim Urteil über Kunst

Soll man also dieses Kunstwerk kaufen, dessen Preis wenige hundert Euro beträgt und das mit einem Zertifikat als Ai-Weiwei-Werk ausgewiesen wird, das in der Bauanleitung enthalten ist? "Man muss sich selbst vertrauen", sagt Ai Weiwei. Das sei das Wichtigste beim Urteil über Kunst. Man könne zum Beispiel ruhigen Gewissens den Windelinhalt seines Babys für bedeutender halten als ein Gemälde von Gerhard Richter. Die kleinere Version von "Safety Jacket Zipped the Other Way" für die Wand mit vier bis sieben Jacken sieht auf jeden Fall sehr gut aus, nur ein bisschen weniger gut als ein Richter.

Er sei ziemlich müde von der Kunstwelt, sagt Ai Weiwei. Immer diese Museumsshows, immer den nächsten Rekord brechen. In der Kooperation mit Hornbach verlässt er die Kunstwelt, diesen kleinen Zirkel, die ihm vorkommt wie gekochter Reis: Es kann nichts mehr wachsen.

Ob Kunst die Welt ändern könne, wird er zum Schluss gefragt. "Kunst ist die Welt", sagt Ai Weiwei, nickt und schaut wieder auf sein Telefon.