Unter Selbstzweifeln hat Ai Weiwei noch nie gelitten. Aber mit seinem Desinteresse an der Gattung Oper anzugeben und gleichzeitig die Neuinterpretation eines 100 Jahre alten Klassikers voranzutreiben, das schafft nur der omnipräsente chinesische Multikünstler. "Ich mache gern das, was ich nicht gut kann", gesteht er in seinem Vorstellungsgespräch amüsiert dem Team.
1983 trat er bereits in New York unter der Regie von Franco Zeffirelli als Statist in Puccinis letzter Oper "Turandot" auf, die von Unterdrückung und Widerstand handelt. Als ihn das Opernhaus in Rom 2020 ins Regiefach holte, aktualisierte er das in einem märchenhaften Peking angesiedelte Werk zuerst zum Flüchtlingsdrama, mischte dann Verweise auf die Studenten-Revolte in Hongkong hinein und ließ auch noch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in Videoeinspielungen hineinflimmern.
In dem nur 77-minütigen Dokumentarfilm "Ai Weiweis Turandot" von Maxim Derevianko, Sohn einer russischen Tänzer- und Dissidentenfamilie, lässt sich nun der Schaffensprozess des Regie-Autodidakten Ai im Kino nachvollziehen. Der Künstler hat für sein Bühnendebüt nicht nur einen professionellen Apparat samt erfahrenem Ensemble zur Verfügung gestellt bekommen, sondern auch die namhafte Choreografin Chiang Ching, die er von der New Yorker Inszenierung kannte.
Beweis für eine ungleiche Gesellschaft
Offenbar bedurfte es nicht nur Proben, sondern auch langer Diskussionen zwischen den Beteiligten, um das Ziel einer Variante zu erreichen, die die Krisen der Gegenwart aufgreift. Flankiert wird diese Ambition von banalen Weisheiten wie "Musik hat die Kraft, Hoffnung zu geben", zwischenzeitlichen Dirigentenwechseln und kurzen Clips, die in die weithin bekannte Biografie des chinesischen Dissidenten eintauchen.
Bühnenszenen sind dagegen Mangelware; bis auf die Eröffnung, in der das Gesetz der Prinzessin Turandot vom Mandarin verkündet wird. Adelige Männer sollen um ihre Hand anhalten, indem sie drei Rätsel lösen. Wer versagt, wird hingerichtet.
Ai Weiwei deutet das diktatorische Regime der Prinzessin wenig überraschend als Beweis für eine ungleiche Gesellschaft ohne freie Meinungsäußerung. Deshalb lässt er den Chor in Anlehnung an die Hongkonger "Umbrella Revolution" Regenschirme sowie Kutten mit einem aufgedruckten Mittelfinger tragen. Nach einer längeren Corona-Pause wird zu allem Überfluss auch noch die Pandemie mit ihren Vorschriften und Verboten in die Inszenierung mit aufgenommen, was den ursprünglichen Gehalt des Stücks immer weiter ad absurdum führt.
Ein durchgewirbeltes Puzzle
Immerhin schleicht sich die Kamera in die hintersten Winkel der Werkstätten vor und begleitet die ukrainische Dirigentin Oksana Laniv bei ihren Versuchen, den Musikern die Besonderheiten der Oper und ihre durch den Ukraine-Krieg beeinflusste Interpretation zu erklären. In Erinnerung bleiben die exaltierten Kostüme und das extravagante Bühnenbild einer dreidimensionalen Weltkarte, das mit den Projektionen wetteifern muss.
Am Ende ist das von der Tagespolitik durchgewirbelte Puzzle des Films komplett. Im Finale sieht man den Tenor Michael Fabiano "Nessun dorma" singen, die weltberühmte Arie des Prinzen Kalaf, der die drei Rätsel löst. Puccinis unvollendete Oper ist endlich bei sich selbst angekommen.