Alain Bieber, die Vulva war in verschiedensten Ausstellungen der letzten Jahre ziemlich präsent, warum denn jetzt eine allumfassende Sex-Ausstellung im NRW-Forum?
Sex ist das größte, schönste, komplexeste Thema überhaupt. Wir wären alle nicht auf dieser Welt ohne Sex. Sex ist politisch. Sexualität definiert die Identität. Und Sex sorgt gerade wieder für Kontroversen. Etwa darüber, ob Regenbogenfahnen gehisst werden dürfen. Es wird wieder über Sexualmoral gestritten, und Errungenschaften werden zurückgenommen. Das sieht man auch daran, dass das NRW-Forum schon erste Hassbriefe bekommen hat.
Was steht da so drin?
Wir seien ekelerregend, man verachte mich und das ganze Team und so weiter.
Ist Sex politisierter als zuvor?
Wenn man sich anschaut, dass Pride-Paraden verboten werden, dann ist zumindest der konservative Backlash stark spürbar. Auch deswegen dient unsere Ausstellung der sexuellen Aufklärung, wir haben ein großes Vermittlungsprogramm, um zu zeigen, was es da draußen in der großen, wilden Welt so alles gibt. Und was ich im Kontext der aktuellen Entwicklungen als Slogan über der Ausstellung sehe, ist: "Make Love, Not War".
Thematisch geht es von Beate Uhse bis hin zur sexuellen Gewalt – ein ganz schön großer Umfang.
Wir haben versucht, einen großen Bogen zu spannen. Es geht darum, Räume für Gespräche zu öffnen, die selten geführt werden: über queere Identitäten, weibliche Lust, Machtverhältnisse, sexuelle Selbstbestimmung. Und auch über die Frage, wie Technologie unser Verständnis von Sexualität verändert. Dafür zeigen wir in zehn Kapiteln auf 1200 Quadratmetern ungefähr 400 Exponate: Kunst, Design, Alltagsobjekte. Aber ich habe nicht gezählt, wie viele Dildos es sind – allein das sind schon sehr viele.
Woher kommen solche Objekte wie der Glasphallus aus dem 16. Jahrhundert?
Der ist aus der Sammlung des Düsseldorfer Kunstpalasts, der hat eine sehr große und beeindruckende Glas-Sammlung, und der Kurator hat uns auf dieses Exponat aufmerksam gemacht. Wir zeigen auch Leihgaben von vielen Sammlerinnen, und als Partner haben wir zum Beispiel ein japanisches Sex-Toy-Unternehmen. Auch viele junge Sexspielzeug-Designerinnen sind dabei, zum Beispiel die Kölnerin Sanja Zündorf, die gerade einen Preis für ihr Reitkissen gewonnen hat.
Was ist ein Reitkissen?
Das ist so eine Art Sattel, auf dem man sitzen und Spaß haben kann. Das zeigen wir im Themenbereich "Sexual Wellness und Selbstbefriedigung".
Sie hatten im Vorfeld der Ausstellung einen Austausch mit Polizei und Staatsanwaltschaft, um zu klären, welche Exponate in den Bereich Pornografie fallen und was Kunst ist. Wie muss ich mir das vorstellen?
Man guckt sich morgens explizite Kunstwerke an, solche von Tom of Finland oder Miyö van Stenis' Metaverse-Arbeit, in der man Sex haben kann, und überlegt, ist das jugendgefährdend? Ist das ab 16? Ist es ab 18? Ist das künstlerisch? Es wurde anschließend auf jeden Fall die Empfehlung ausgesprochen, die Ausstellung erst ab 18 Jahren zugänglich zu machen.
Eine ganz gute Werbung, oder?
Das ist umstritten. Ich glaube das auch, aber viele Kollegen sagen, das wäre keine gute Werbung. Es gab ja einige Sex-Ausstellungen in der letzten Zeit, aber die meisten waren sehr brav. Es wurden selten explizite Inhalte gezeigt, aber wenn man über Sex reden will, ohne Sex zu zeigen, ist das vielleicht auch ein bisschen komisch. Deswegen ist der Zugang nur ab 18 Jahren erlaubt. Aber wir haben auch ein Awareness-Konzept. Es gibt zum Beispiel einen Raum zum Thema sexualisierte Gewalt, da arbeiten wir mit Trigger-Warnungen. Wir haben unsere Sorgfaltspflicht wahrgenommen.
Und sind getragene Socken jetzt polizeilich bestätigte Kunst?
Das sind Objekte aus dem Kink-Bereich. Wir zeigen ja nicht nur Kunst, sondern auch Design und Alltagsobjekte. Und diese Plattformen, auf denen getragene Unterwäsche verkauft wird, sind ein wahnsinnig faszinierendes Phänomen.
Sie haben auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Themen der Ausstellung geschult.
Auch die Sicherheitskräfte und die Menschen, die an der Kasse arbeiten oder in der Telefonzentrale, damit sie wissen, was alles passieren kann und wie sie damit umgehen. Etwa die Frage: Wer hat Zugang zu welchen Toiletten? Und es gab auch Kolleginnen, die gesagt haben, sie möchten bei der Ausstellung lieber nicht arbeiten, und das ist auch völlig okay.
Auch ein OnlyFans-Account gehört zur Ausstellung.
Den haben wir mit ein paar Künstlerinnen eröffnet, weil wir vieles auf Instagram und so weiter gar nicht zeigen können. Wir veröffentlichen da noch weitere Arbeiten.
Also ist die Ausstellung ein bisschen Provokation, ein bisschen Publikumspleaser und viel Aufklärung?
Es geht nicht um die reine Provokation, und es ist auf jeden Fall sehr viel Aufklärung dabei. Und alle, mit denen wir bisher geredet haben, sind erstaunt. Sie schmunzeln, und sie kommen mit einem großen Erkenntnis-Gewinn aus der Ausstellung.
Und wird man auch befriedigt rausgehen?
Intellektuell befriedigt auf jeden Fall. Wir haben auch schon die ersten Anfragen bekommen, ob man nackt in die Ausstellung gehen darf. Das geht leider nicht. Man sollte auch keinen Sex haben, und man sollte sich nicht selbst befriedigen. Aber ich glaube, der Anspruch könnte wirklich auch der Titel der Ausstellung sein: "Sex Now" – aber erst, nachdem man aus der Ausstellung kommt.