Albert Scopin kam 1969 nach New York, "mit circa 270 Dollar", wie er im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Michael Stoeber erzählt. Er zog sofort ins Chelsea Hotel, unterste Kategorie, "das war eine Art Dunkelkammer mit Wasseranschluss". Scopin war Anfang 20, hatte Fotografie studiert, wollte arbeiten, Geld verdienen, sich durchschlagen. Dass er dabei in einem der produktivsten sozialen Verdichtungsräume der damaligen Kunstszene landete, war weniger Strategie als Zufall.
Tagsüber arbeitete er als Assistent bei Bill King, einem Modefotografen, der für Magazine wie "Harper's Bazaar" fotografierte und für seinen schwierigen Charakter bekannt war. Abends machte Scopin Bilder im Hotel: von Nachbarn, Bekannten, Menschen, die ihm im Aufzug begegneten. "Ich suchte ja nach Menschen und Geschichten", sagt er rückblickend. "Es ging um das Erleben von Möglichkeiten."
Diese Haltung prägt die Fotografien, von denen über 180 in dem beim Kerber Verlag erschienenen Fotobuch "Scopin – Chelsea Hotel" versammelt sind. Sie sind weder glamourös noch demonstrativ roh. Vieles wirkt beiläufig, fast zufällig: Menschen sitzen auf Betten, stehen unsicher im Raum, lehnen an Wänden. Die Zimmer sind klein, oft vollgestellt, manchmal aber auch auffallend leer.
Scopin wollte Nähe, aber keine Inszenierung. Also bemalte er seine Kameras gelb – Modelle von Pentax und Kodak Instamatic. "Die Kameras sollten Spielzeuge sein", sagt er. Sie sollten sich nicht "wichtig machen" und sich nicht zwischen ihn und sein Gegenüber stellen. Eigentlich hätte er, so Scopin, "am liebsten ohne Kamera fotografiert".
Protokoll eines Ortes, an dem Menschen kamen und gingen
Das Buch folgt dieser Zurückhaltung auch formal. Es kombiniert Bildstrecken mit kurzen, eigens für das Buch verfassten Texten und einem ausführlichen Interview. Die Begleittexte sind keine Anekdotenfeuerwerke, sondern knappe, manchmal fast spröde Notizen: Wer war diese Person? Woher kam sie? Was blieb? Bei manchen taucht eine detaillierte Biografie auf, bei anderen nur eine Erinnerung – oder gar nichts. An einer Stelle schreibt Scopin zu einer Frau am Kamin: Er wisse nicht mehr, wer sie gewesen sei. Diese Leerstelle wirkt nicht wie ein Versäumnis, sondern wie ein realistisches Protokoll eines Ortes, an dem Menschen kamen und gingen.
Am prominentesten sind die Fotografien von Patti Smith und Robert Mapplethorpe, und das Buch macht daraus kein Geheimnis. Scopin lernte die beiden bei einem der abendlichen Nacktshootings im Studio von Bill King kennen. Mapplethorpe habe sich dabei, so erinnert sich Scopin, sichtbar unwohl gefühlt. Smith hingegen sei "voller Energie" gewesen, ihre Präsenz habe den Raum ausgefüllt, "als könne sie an den Wänden und an der Decke laufen". Diese Gegensätze ziehen sich durch die Bilder.
Als Scopin die beiden später in ihren Zimmern in der Dependance des Chelsea fotografierte, äußert sich der Eindruck ihres Charakters vor der Kamera auch im Interieur: Mapplethorpes Raum ist aufgeräumt, kontrolliert, Smiths hingegen chaotisch und überfüllt. Scopin beschreibt dieses Durcheinander als "kreatives Chaos", das dennoch stimmig sei.
Robert Mapplethorpe und Patti Smith im Chelsea Hotel
Ehrgeiz und Unsicherheit Tür an Tür
"Patti wollte nach oben", schreibt Scopin zu einem Bild der späteren Punk-Ikone, das sie in ihrem Zimmer im Chelsea mit einem Plüschtier im Arm zeigt, "sie wollte auf die Bühne, sie wollte gesehen und gehört werden." Darüber, dass sie Erfolg haben wollten, sprachen viele Gäste im Chelsea ganz offen. Scopin berichtet, dass Mapplethorpe und Smith bei allen Unterschieden eine Priorität teilten: to be a star. In dem heute legendären Hotel lebten Ehrgeiz und Unsicherheit Tür an Tür, oft im selben Zimmer.
Besonders eindrücklich sind deshalb vor allem auch die Porträts jener Figuren, die nicht Teil des gängigen Kanons geworden sind. Etwa Lola: Sie ist Scopins Zimmernachbarin und verlässt ihr Zimmer monatelang kaum, wie der Fotograf berichtet. Zweimal die Woche gehe sie raus: zum Psychiater und zum Einkaufen. Zu den Porträts, die sie in Samthose und lila Rollkragenpullover auf ihrem Bett zeigen, schreibt Scopin: "Sie schminkte sich stark, als würde sie auf jemanden warten, war aber immer allein."
Im Panorama des Fotografen tauchen neben Filmemachern wie Wim Wenders, Miloš Forman, Ivan Passer und Jonas Mekas auch etliche Künstlerinnen und Protagonisten aus dem Umfeld von Andy Warhol auf: Shirley Clarke, die Regisseurin mit dem Turm-Apartment; Stella Waitzkin, die spätere "Leather Queen" mit ihren Material- und Objektwelten; die australische Vagabundin Vali Myers; und aus dem Factory-Umfeld Candy Darling, Holly Woodlawn, Jackie Curtis und Tally Brown. Dazu kommen Namen wie Taylor Mead oder Richard F. Bernstein sowie – als institutioneller Möglichmacher dieses ganzen Durcheinanders – der langjährige Manager des Chelsea Hotel Stanley Bard.
Holly Woodlawn, Rosa von Praunheim und Shirley Clarke auf dem Dach des Chelsea Hotel
"Sie akzeptierten mich ohne Abstriche"
Im Interview mit Stoeber blickt Scopin mit einer Mischung aus Klarheit und Distanz auf diese Zeit zurück. Er spricht von einer "prägenden", nicht unbedingt von der besten Zeit seines Lebens, und von jenen Jahren als körperliche und geistige Grenzerfahrung. Aber er betont auch die Atmosphäre radikaler Akzeptanz, die ihn innerlich gestärkt habe: "Ich war ja ein Niemand aus einem Dorf im Süden von Deutschland", sagt Scopin, der eigentlich Schöpflin heißt. "Und diese Menschen hier im Chelsea akzeptierten mich ohne Abstriche."
Dass die Fotografien, die im Buch "Scopin – Chelsea Hotel" versammelt sind, selbst jahrzehntelang verschwunden waren, fügt sich dann bei aller Zurückhaltung doch wieder in das Bild des vom mythenumrankten Ortes. Nach einer Veröffentlichung im "ZEIT Magazin" Anfang der 1970er-Jahre galten sie als nicht auffindbar und tauchten erst 2016 durch Zufall wieder auf. Das Buch ist also auch ein Dokument des Verschwindens und Wiederentdeckens: von Bildern, von Kontakten, von Lebensentwürfen. Vielleicht erfahren wir also doch noch irgendwann, wer die Frau am Kamin ist?
Die geheimnisvolle "Frau am Kamin"