Die Familie, die sich in einer Ruine versteckt, Angst im Gesicht, eine Puppe unterm Arm. Bewaffnete Polizisten vor einer Gruppe von Männern, die auf einem Dach ausharren. Menschen, die sich mit Kindern auf dem Arm durch Stacheldraht schieben. Eine Mutter, die ein Lied singt. Ein Junge, der im offenen Zelt schläft. Wer sind diese Menschen eigentlich, die da nach einem lebenswerten Leben suchen? Nach einer Zukunft für ihre Kinder?
Zwischen 2019 und 2025 hat sich der Fotograf Alejandro Cegarra, 1989 in Venezuela geboren, auf die Suche gemacht und Menschen im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA begleitet. Er traf dort etwa Ruben Soto aus seinem Heimatland und Rosa Bello aus Honduras. Ruben und Rosa lernten sich in Mexiko kennen und verliebten sich auf ihrem Weg in die Vereinigten Staaten. Cegarra fotografiert sie auf dem Dach des Zuges, der als "die Bestie" bekannt ist – eine endlose Reihe von Güterwaggons, die von vielen Menschen auf der Flucht genutzt wird, um in die USA zu gelangen. Das Transportmittel wird so genannt, weil dabei bereits hunderte von Menschen starben oder sich verletzten.
"Alle nur erdenklichen Emotionen vermischten sich auf der lebensfeindlichen Reise dieser Menschen", sagt der Fotograf. Er traf Eltern, die ihre Kinder auf den Schultern tragen, Flüsse überwinden, endlos lange auf eine Asylanhörung warten. In seiner Schwarz-Weiß-Serie macht er Schlagzeilen zu echten Gesichtern, zu Menschen mit nachvollziehbaren Lebenszielen.
Auf der Suche nach einem Ort, den man Zuhause nennen kann
Sein Interesse für Lebensrealitäten hat ihm schon früh Anerkennung eingebracht. 2014 hat er für seine Serie "The Other Side of the Tower of David" über einen besetzten Hochhausrohbau in Venezuelas Hauptstadt Caracas den Leica Oskar Barnack Newcomer Award gewonnen. Elf Jahre später bekam er nun, im 45. Wettbewerbsjahr der Auszeichnung, den Hauptpreis für sein Grenz-Projekt "The Two Walls" verliehen. Damit ist er der erste Fotograf, der in beiden Kategorien geehrt wurde. Als Gewinn gibt es nicht nur 40.000 Euro, sondern auch eine Leica-Kamera, auf der sein Name eingraviert ist. Außerdem sind seine Bilder aktuell im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar zu sehen.
2024 hat Cegarra für "Two Walls" bereits den Global World Press Photo Award in der Kategorie "Long Term" bekommen. "Ich möchte ihn allen Migranten und Asylsuchenden widmen, die auf den Fotos zu sehen sind," schrieb er damals dazu auf Instagram. "Auch denen, die ich getroffen habe, die nicht darauf zu sehen sind. Danke, dass ihr mir Einblick in euer Leben gewährt habt, während ihr auf der Suche nach einem Ort wart, den ihr euer Zuhause nennen könnt."
Seit 2012 arbeitet Cegarra als Fotojournalist. Begann bei "Últimas Noticias", einer großen venezolanischen Zeitung. Anschließend arbeitete er freiberuflich und veröffentlichte in vielen internationalen Magazinen. In den vergangenen Jahren hat er vor allem Migranten und Asylsuchende begleitet, deren Situation zuletzt immer schwieriger wurde. Er folgte ihnen auf ihren Tagesmärschen, in den provisorischen Lagern, beobachtete Razzien mexikanischer Grenzbeamter.
Der alltägliche Moment des Nichtalltäglichen
In seinen Bildern ist oft der alltägliche Moment des Nichtalltäglichen zu sehen. Das Warten, das Ruhen, das Zweifeln. Aber eben auch die Hoffnung der empfundenen Liebe zwischen den Menschen, der Schutz der Eltern für ihre Kinder. Aber da sind auch die Insignien eines politischen Machtapparats, der sich nicht an Bedürfnissen der Menschen orientiert, sondern an seiner eigenen Erhaltung und Legitimation.
Cegarra dokumentiert bei seiner Arbeit auch die sich wandelnde Politik der Region und deren reale Auswirkungen auf Menschen. Denn Mexiko, wo der Fotograf inzwischen lebt, hat seine Einwanderungsregeln stark verschärft und kooperiert mit den USA, anstatt Menschen auf der Flucht aufzunehmen. Mexiko lasse die, die am meisten Schutz brauchen, zurück, sagt Cegarra. Der Fotograf ist dort unterwegs, wo die Mauer höher, der Stacheldraht dichter wird. Und dort, wo organisierte Kriminelle oder korrupte Behörden versuchen, Geld mit dem Leid der Leute zu machen. Schauen wir doch mindestens hin.