Schwarze Metallblätter, die sich über sechs Meter unter der Decke verzweigen. Sie bewegen sich sehr sanft, langsam, nur durch die Luftbewegung im Raum. Wie eine Baumkrone im Wind, ein Astgeflecht mit einzelnen, tanzenden schwarzen Blättern. Ein Blatt ist rot. "Rouge triomphant" (Rot triumphiert) heißt diese schwebende Skulptur von Alexander Calderaus dem Jahr 1963 im Eingangsbereich der Fondation Louis Vuitton in Paris. Sie steht für die Kunst, die den US-amerikanischen Bildhauer berühmt machte: für seine Mobiles, seine beweglichen, traumartigen Gebilde. Er war der erste Künstler, der die Skulptur aus ihrer bisherigen Form löste und mit Linien in den Raum einschrieb.
Die Ausstellung trägt den Titel "Rêver en Équilibre" – Träumen im Gleichgewicht –, einem Zustand, in dem sich Kräfte ausgleichen. Es ist ein labiles Gleichgewicht: poetisch wie ein Tanz und gleichzeitig ein Symbol für das Ausbalancieren in einer gesellschaftlich und politisch schwierigen Zeit. Mit der Ausstellung eröffnet die Fondation eine umfassende Retrospektive des einflussreichen amerikanischen Künstlers – 100 Jahre, nachdem er als 28-Jähriger im Jahr 1926 nach Paris kam und hier den Grundstein seines Werks legte.
Alexander Calder wurde 1898 in Pennsylvania in eine Künstlerfamilie geboren: Der Großvater und der Vater waren bekannte Bildhauer, die Mutter Malerin. Nach einem Ingenieursstudium arbeitete er als Zeichner, unter anderem für die "National Police Gazette". Er illustrierte Sportereignisse und Zirkusaufführungen, etwa die der Ringling Bros. and Barnum & Bailey, bevor er von New York aus als Schiffsheizer auf einem Ozeandampfer nach Frankreich fuhr, um in Paris Kunst zu studieren. Dort wurde er schnell Teil der Künstler- und Literatenszene um Piet Mondrian, Jean Miró, Pablo Picasso, Jean Arp, Marcel Duchamp und Jean-Paul Sartre. 1937 nahm er an der Pariser Weltausstellung teil und erhielt bereits 1943 eine erste Retrospektive im Museum of Modern Art in New York.
Mehr als 300 Werke
In Paris sind jetzt mehr als 300 Arbeiten zu sehen: neben den Mobiles auch die Figuren des "Cirque Calder", eine Leihgabe aus dem Whitney Museum, sowie teilweise wenig bekannte und noch nie öffentlich gezeigte Werke aus privaten Sammlungen. Dazu kommen Zeichnungen und Ölbilder sowie Schmuck, den er für seine Frau und Freunde entwarf.
Alexander Calder mit seinem "Cirque Calder" (1926-1931)
Die Ausstellung beginnt im Untergeschoss mit der "Schwarzen Witwe" von 1948, geschaffen nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Licht ist so eingestellt, dass die Schatten der blättrigen Formen zu einer Erweiterung der Skulptur werden. Daneben ist das Gemälde "Betonte Ecken" (1922/23) von Wassily Kandinsky zu sehen, dessen bunte Linien und Kreise sich ebenfalls zu bewegen scheinen. Kandinskys Überlegungen zu Bewegung und Dynamik waren wegweisend, ebenso seine Abhandlung "Punkt und Linie zu Fläche" über Form- und Farbkomposition. Dieter Buchhart, gemeinsam mit Anna Karina Hofbauer Co-Kurator der Ausstellung, erklärt, sie hätten zuerst zeigen wollen, wofür der Künstler steht: nämlich seine ins Unendliche zu wachsen scheinenden, beweglichen Skulpturen.
Alexander Calder "Black Widow", 1948
Erst danach beginnt die Chronologie, und zwar mit den ersten filigranen, winzig gearbeiteten Drahtskulpturen und Zirkusfiguren, mit denen Calder satirische Vorstellungen für Künstlerfreunde gab. Kurz darauf folgt, angeregt durch Piet Mondrian, die Hinwendung zur Abstraktion und zu ersten beweglichen Objekten, die sein Freund Marcel Duchamp 1931 als "Mobiles" bezeichnete. In ihrer Form sind sie zunächst inspiriert von den Umlaufbahnen der Planeten und dem vom Physiker Niels Bohr entwickelten Atommodell. Auch der Zufall wird zu einem zentralen Teil des Werks: Die Bewegung etwa entsteht nicht mehr mechanisch oder durch einen Motor, sondern allein durch Luftzirkulation.
Natur, Politik, Kontraste
Nach seiner Rückkehr in die Heimat 1933 wird die Natur zum Modell des US-Amerikaners, insbesondere Bäume und Tierfiguren. Er lebt in Roxbury, Connecticut, in einem Atelier, aus dessen Fenstern er die Landschaft und Kühe sehen kann. 1937 kehrt er zur Weltausstellung nach Paris zurück – vor "Guernica" steht sein "Quecksilberbrunnen". "Eine wunderbare Arbeit", so Buchhart. Leider habe man sie wegen der Gefahr des Quecksilbers nicht aus Barcelona nach Paris transportieren dürfen. Der Brunnen entstand als direktes Gegenstück zu Picassos berühmtem Gemälde: als Würdigung des Widerstands der von Franco belagerten spanischen Stadt Almadén, dem Zentrum der größten Quecksilberproduktion, gegen den Faschismus. Parallel dazu stellte der Deutsche Pavillon von Albert Speer seinen Turm mit Reichsadler und Hakenkreuz aus.
Ab 1940 entstehen Calders erste Mobiles mit Gongs. Sie funktionieren gewissermaßen als Erweiterung der Bewegung durch Klang, verbunden mit Fragen nach Harmonie und Disharmonie. Etwa die dreiteilige Arbeit "Red Disc and Gong" (1940) mit einer runden Form aus Stoff, Schlegel und Metallgong. In dieser Zeit beschäftigt sich der Künstler erneut mit den Kompositionen Edgar Varèses, den er bereits 1931 aus Draht porträtiert hatte. Varèse verstand Musik als "befreite Klänge", als Klangfarben und Rhythmus, als "in den Raum geschallte Klänge". Auch er nutzte Gongs, etwa in seinem Werk "Ionisation" (1929–31).
Alexander Calder "Dispersed Objects with Brass Gong", 1948
Jean-Paul Sartre, der den Künstler 1946 in seinem Atelier in Roxbury besuchte, schrieb danach: "Calder gibt jedem Mobile eine allgemeine Bewegungsrichtung vor und überlässt es dann sich selbst. Es ist die Tageszeit, die Sonne, die Hitze, der Wind, die jedem einzelnen Mobile seinen Tanz vorgeben …"
Den Mobiles gegenüber stehen die sogenannten "Stabiles" – ein Begriff, den Calders Künstlerfreund Jean Arp bereits 1932 prägte: fest verankerte Skulpturen mit industriellen Formen aus Stahl, die er auch für den Außenraum entwarf. Mit sichtbaren Schweißnähten und großen Verschraubungen, die an das Schiff erinnern, auf dem er als Heizer nach Frankreich kam, bilden sie den Gegenpol zu den schwebenden, scheinbar schwerelosen Arbeiten. Oft nutzt er das für ihn charakteristische Orangerot, das auch als "Calder Rot" bezeichnet wird.
So lässt sich in den vier Etagen der Ausstellung in das gesamte Universum eintauchen, das die Befreiung der skulpturalen Form bis heute prägt. Von der Schwerelosigkeit zur Gravitation – und zurück, als Poesie des Unerwarteten.