Zum Tod von Alexander Kluge

Erzähler der Ausnahmezustände

Alexander Kluge in Wien, 2026
© Georg Hochmuth/APA/dpa

Alexander Kluge in Wien, 2026

Der Filmemacher, Autor und Künstler Alexander Kluge ist tot. Kaum jemand erklärte die Katastrophen der Moderne so beharrlich wie er – als Denker der "unwirklichen Realität"

Wen rufen wir jetzt an, wenn etwas Epochales über uns hereinbricht? Anrufen im Sinne von: Telefon, Skype, Zoom. Aber auch in der Bedeutung von Bitte um Hilfe an eine höhergestellte Instanz. Egal ob 9/11, Fukushima-Katastrophe, Pandemie, Überfall auf die Ukraine: Angerufen von Journalisten für Interviews bettete Alexander Kluge das Unfassbare in einen historischen und philosophischen Kontext und machte es damit greifbarer. Ihm war klar, dass Disruption "zu den Tatsachen in der Welt" gehört, was die Ausnahme zwar nicht normalisierte, aber was doch eine größere Akzeptanz für das Unvermeidbare herstellte. Das war das Tröstende an diesen Gesprächen mit einem Autor, der in Kindestagen die Apokalypse überlebt hat – und doch 94 Jahre alt wurde.

Die bittere Erfahrung des damals 13-Jährigen beim Luftangriff auf seinen Geburtsort Halberstadt prägte sein ganzes Leben und seine Arbeit: Die US-Bomber nahm der Arztsohn wahr als "eine fliegende Schwerindustrie ausgestattet mit Explosivstoffen", wie er 2020 im Monopol-Interview erzählte. "Antworten auf diese Herausforderung hatte ich als Kind nicht in meinem Gen-Katalog, in meinen Märchen und in meiner ursprünglichen Umgebung. Ich hätte doch nie gedacht, dass mir etwas passieren kann, außer hinfallen, Schnupfen oder andere Kleinigkeiten. Und jetzt sehe ich im Krieg, wie andere sterben und sitze dann selbst in einer unverständlichen Situation, im Luftschutzkeller." Verstanden habe er das erst, als er der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule begegnete.

Sein Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Marburg und Frankfurt am Main führte ihn als 24-Jährigen zu deren prominentesten Vertreter: Als er am Frankfurter Institut für Sozialforschung sein juristisches Referendariat machte, hatte er engen Kontakt zu Theodor W. Adorno. Der Philosoph der Frankfurter Schule erzählte ihm nicht nur seine Träume, sondern stieß bei dem jungen Studenten ein lebenslanges Nachdenken darüber an, wie so etwas wie der Bombenangriff auf Halberstadt, zu dem doch so viel Technik, Ingenieursklugheit und militärisches Geschick nötig ist, erklärt werden kann. Wie also Barbarei auf dem Gipfel der Zivilisation entsteht und wie man dem Faschismus, der zu diesem Luftangriff führte, entgegentritt. Alexander Kluges gesamtes Werk – egal ob Film, Erzählung oder bildende Kunst – umkreist diese Fragen und stellt "Strategien von unten" vor: Wie gehen konkrete Menschen mit einer Welt um, die es nicht gut mit ihnen meint?

Idee eines emanzipierten Aufklärers

Während Kluge sein Jurastudium mit einer Promotion zu Ende brachte, schrieb er erste Geschichten. Nach einer Assistenz bei Fritz Lang wurde er aber zunächst vor allem Film-Regisseur und -Produzent. 1962 schrieb er am "Oberhausener Manifest" mit, das "Papas Kino" für tot erklärte und die große Ära des westdeutschen Autorenkinos und des Neuen Deutschen Films einläutete. Viele von Kluges Filmtiteln wurden geradezu sprichwörtlich: "Abschied von gestern" (1966), "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (1968), "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod" (1974, der Titel geht wiederum zurück auf ein Zitat des Dichters Friedrich von Logau) oder "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" (1985).

Seine Vorstellung eines emanzipierten Aufklärers, der Autor, Produzent und Regisseur in einer Person ist, setzte Alexander Kluge mit dem Aufkommen des Privatfernsehens und der Gründung seiner Produktionsfirma DCTP fort: Ab 1988 brachte sie, mit einer Lizenz ausgestattet, Kulturfernsehen auf Sendeplätzen in den damals mit noch mehr Trash als heute beladenen TV-Stationen RTL und Sat.1, später auch bei Vox. RTL-Programmchef Helmut Thoma sah in dem DCTP-Chef "einen Quotenkiller" und "elektronischen Wegelagerer", wie ihn Kluge noch Jahrzehnte später stolz in seiner Vita zitierte.

Alexander Kluge führte in Sendungen wie "Prime Time/Spätausgabe", "10 vor 11" und "News & Stories" lange Gespräche mit so unterschiedlichen Menschen wie Heiner Müller, Niklas Luhmann oder Michael Gorbatschow, mit russischen Raketenforscherinnen, Militärstrategen, Mathematikerinnen. Helge Schneider gab als historische Persönlichkeiten verkleidet Quatsch-Interviews. Diese Inhalte wurden für den Autor, als den Kluge sich vor allem sah, zu einer Quelle immer neuer Texte.

Alexander Kluge in den 1980er Jahren, 1985
© dpa

Alexander Kluge 1985

Bei Adorno entdeckte Kluge den "Anti-Realismus des Gefühls", nämlich "dass es etwas gibt, außerhalb der direkt benennbaren Realität, die wir für wirklich halten", und dieser Anti-Realismus bestimmte Kluges Schreiben und Denken: "Man muss nämlich unterscheiden zwischen der unwirklichen Realität, in der wir alle leben, und dem Originalton der verlorenen Geschichte, die sich ungewöhnlich und erhaben äußert. In ihr sterben die Verbrannten und Ermordeten nicht, sondern stehen am Ende auf und brechen als Sturm los."

Solche Sätze und einiges von dem, was Kluge sagte und schrieb, klangen vielleicht zunächst selbst etwas "ungewöhnlich und erhaben", weil es aus dieser Sphäre außerhalb der direkt benennbaren Realität kam, doch in langen Argumentationsbögen fing er als Autor und Interviewpartner auch die haltlosesten Thesen ein, so dass am Ende alles Sinn ergab. Das Crossmapping, Verlaufen und Wiederfinden gehörte bei diesem Intellektuellen immer dazu.

"Frieden entsteht durch Großzügigkeit, Erfahrung und Erzählung"

Denn so sehr Alexander Kluge auch im Konjunktiv dachte, war er doch auch Pragmatiker: Er arbeitete erfolgreich als Jurist, Schriftsteller, Theoretiker, Professor, Interviewer, Filme-, Medien-, Hörspiel-, Ausstellungsmacher; der Anti-Realismus seines Gefühls machte ihn zu jemandem, der sich selbst viele Medien zutraute. In den vergangenen Jahren kooperierte er etwa immer wieder mit Künstlern wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer oder Katharina Grosse, arbeitete selbst als bildender Künstler und experimentierte dabei mit Künstlicher Intelligenz. KI war ein Werkzeug, mit dem er den "Konjunktiv der Bilder" durchdeklinierte.

Doch "mein Hauptwerk sind meine Bücher", sagte Kluge von sich selbst. Für seine Arbeit erhielt er viele Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Theodor-W.-Adorno-Preis, den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2019 den Klopstock-Preis der Stadt Halberstadt. Bis zuletzt veröffentlichte er mehrere Bücher im Jahr. Leben war Schreiben, Denken, Reden, mit dem Willen und der Energie eines Kindes, das knapp überlebt hat und das sein ganzes Erwachsenenleben der Aufgabe widmet, das eigene schreckliche Erlebnis zu verstehen und als Warnung davon zu berichten.

Im Dezember telefonierte er noch einmal mit der Monopol-Redaktion, es ging – als Ausblick aufs neue Jahr – um die Frage, wie Frieden möglich ist. "Frieden entsteht durch Großzügigkeit, Erfahrung und Erzählung", sagte er, "und die Künste können so etwas herstellen". Am Mittwoch, wenige Tage nach dem Tod seines Freundes Jürgen Habermas von der zweiten Generation der Frankfurter Schule und lange 81 Jahre nach dem Bombenangriff auf Halberstadt, ist Alexander Kluge nun gestorben.