Autorinnen-Projekt von Alexandra Grant

Empowerment oder Egotrip?

Die US-Künstlerin Alexandra Grant wollte vier deutschen Autorinnen mit ihren Bildern "Gehör verschaffen". Doch bei ihrer Ausstellung in Nürnberg stellt sich die Frage, wer dabei von wem profitiert. Über den schmalen Grat zwischen Solidarität und Vermarktung

Das marketingwirksame Storytelling hätte funktionieren können: Alexandra Grant, Künstlerin und zufällig auch die Lebensgefährtin von Hollywood-Star Keanu Reeves, lädt vier der wichtigsten feministischen deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen zu einer künstlerischen Kooperation ein. Den "weiblichen Stimmen", so steht es auf der Seite des Neuen Museums Nürnberg, will sie damit "Gehör verschaffen". Die Geschichte hat jedoch einen kleinen Haken. Denn wer empowert hier eigentlich wen? 

Alexandra Grant zeigt in Nürnberg großformatige Papierbahnen, auf denen Texte von Schriftstellerinnen mit gemalten Ornamenten und Farbflächen verschmelzen. Die Schrift, so heißt es auf der Museumswebsite, will "ebenso gelesen wie gesehen werden". Aber handelt es sich hier tatsächlich um Synergien, bei denen Übersehenes ans Licht gebracht wird? Oder hofft hier eine Künstlerin, dass ein wenig literarischer Ruhm aus Deutschland auf sie selbst zurückstrahlt? 

Liest man die Namen der ausgewählten Autorinnen, die um historische weibliche Positionen ergänzt wurden, beschleicht einen das Gefühl, dass Letzteres der Fall sein könnte. Strategisch betrachtet hat Alexandra Grant mit der Wahl der Autorinnen einen Volltreffer gelandet. Vier der Schriftstellerinnen sind renommierte Positionen der deutschen Gegenwartsliteratur. Fatma Aydemirs zuletzt erschienener Roman "Dschinns" stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2022 und ist offizielles Abiturthema im Fach Deutsch in Hamburg 2027 und in Niedersachsen 2028. Aydemir, deren Großeltern als kurdisch-türkische Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ist außerdem Kolumnistin der europäischen Ausgabe des "Guardian".  

Rasha Khayat machte sich unter anderem mit ihrem 2016 erschienenen Roman "Weil wir längst woanders sind" einen Namen. Die saudi-arabisch-deutsche Schriftstellerin schreibt für die "Zeit" und betreibt den Literatur-Podcast "Fempire". Olivia Wenzel, Dramaturgin, Performerin und Schriftstellerin, feierte mit ihrem Roman "1000 Serpentinen Angst" ein für den Buchpreis nominiertes Debüt. Äußerst erfolgreich ist auch Pauline Füg, die mehrfach Finalistin bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry-Slam war und – wie ihre Kolleginnen – eine beeindruckende Liste an Preisen und Stipendien aufweisen kann.  

Diese Schriftstellerinnen müssen nicht erst entdeckt werden 

Man kann also gut verstehen, warum sich Alexandra Grant für dieses Quartett interessiert. Bedenklich ist jedoch die Kommunikation. So erzählt die Künstlerin in der "Vogue", sie sehe sich "zu einem großen Teil als 'Publisher', also Verlegerin beziehungsweise Veröffentlicherin des Schaffens anderer". Dabei mag sie übersehen haben, dass in einem solchen Fall das Werk der anderen im Vordergrund steht – und nicht das eigene.  

Es irritiert deshalb, dass in der Nürnberger Ausstellung mit dem Titel "Ein Stern genügt, um an das Licht zu glauben" die Texte der Autorinnen bislang nur in verschlungen-abstrahierter Form auf Grants Bildern zu finden sind. Nachlesen ließen sie sich bis dato nirgends. Und das auf ausdrücklichen Wunsch der Künstlerin, so das Museum auf Nachfrage von Rasha Khayat. An diesem wenig empowernden Umstand ändert auch die Nennung der Namen der Autorinnen in den entsprechenden Bildtiteln nichts. 

Alexandra Grant kommentiert, das Museum und sie selbst hätten zu diesem Zeitpunkt nicht die Rechte für eine Reproduktion der Texte innegehabt. Dafür sei eine Bibliothek mit Publikationen der Schriftstellerinnen verfügbar gewesen. Allerdings bleibt die Frage, warum dieses Rechte-Problem nicht gelöst wurde. Grant argumentiert, "die große Chance und Faszination" liege darin, "Literatur und die Stimmen von Frauen durch meine Malerei ins Museum zu bringen: dass bekannte Schriftstellerinnen durch die Augen und das Werk einer Malerin und Leserin in neuem Licht erscheinen und das Publikum, das diese Schriftstellerinnen nicht kennt, sie auf visuelle Weise kennenlernt".  

Für die historischen Positionen mag das zutreffen. Die zeitgenössischen deutschsprachigen Autorinnen, die Grant zitiert, sind jedoch weit davon entfernt, erst entdeckt werden zu müssen. 

Feministische Solidarität als Einbahnstraße? 

Dass Künstlerinnen und Künstler sich Werke von anderen aneignen, ist nicht unüblich. Mit der Appropriation Art ist die Methode gar zur eigenen Kunstrichtung geworden. Mit dem Unterschied, dass Vertreter dieser Strömung ihr Konzept klar formulieren und sich nicht als Verstärker der Stimmen anderer profilieren. Bei den Werken in der Ausstellung in Nürnberg handelt es sich dagegen ganz konkret um Aneignung. Alexandra Grant nutzt die Texte anderer, um sich als Philanthropin zu inszenieren.  

Pauline Füg, Rasha Khayat und Olivia Wenzel berichten, dass das von Grant versprochene "Ping-Pong"-Prinzip oder ein Dialog über die Texte nie stattgefunden habe. Grant selbst bemerkt auf Nachfrage zum Arbeitsprozess per Mail, sie habe "das Privileg gehabt, mit den Autorinnen in Kontakt zu stehen". Aber bedeutet "Kontakt" tatsächlich Zusammenarbeit? Oder viel eher einen Alleingang? Rechtschreibfehler in der Umsetzung, die im Falle einer Kollaboration leicht hätten korrigiert werden können, lassen über den Grad des Austauschs spekulieren. 

Bei Grants Projekt erscheint einiges rätselhaft. Drei der Autorinnen berichten gegenüber Monopol, dass die Künstlerin von einem Low-Budget-Projekt sprach. Sie könne deshalb nur sehr geringe Honorare für die Nutzung der Texte zahlen. Die Angefragten sagten dennoch zu – unter den Vorzeichen einer feministischen Solidarität, die sich allerdings zunächst als Einbahnstraße erwies. 

Hollywood-Feeling statt Low Budget

Denn dem vermeintlich knappen Budget widerspricht der Umfang der Ausstellung ebenso wie ihre groß aufgezogene Inszenierung. So reiste zur Eröffnung Grants Lebensgefährte Keanu Reeves an und brachte Hollywood-Feeling und eine Menge Aufmerksamkeit nach Nürnberg. Dieses medienwirksame Spektakel trug allerdings wenig dazu bei, die Sichtbarkeit der Schriftstellerinnen zu erhöhen.  

Dafür rückte umso mehr Alexandra Grant als Person in den Mittelpunkt. Mit Carlier Gebauer wird die Künstlerin von einer etablierten Galerie vertreten. Ihr Werk "Gnaden Überlast / Grace Overload (after Christina Ebner, Der Nonne von Engelthal Büchlein von der Gnaden Uberlast, 1346, hrsg. von / edited by Karl Schröder)" wurde außerdem vom Förderverein des Neuen Museums Nürnberg angekauft. Low-Budget stellt man sich ein wenig anders vor.

Die gute Nachricht in dieser komplexen Gemengelage: Es gab unlängst Nachverhandlungen, in denen Alexandra Grant die Honorare der Autorinnen erhöhte und weiterführende Nutzungsrechte zu ihren Gunsten vereinbart wurden. Die schlechte Nachricht, die es trotz des Einlenkens gibt: Fälle wie dieser sind keine Ausnahmen. 

Das intransparente System Kunst begünstigt Aneignung und die ungleiche Verteilung von Ressourcen. Das Projekt von Alexandra Grant stellt exemplarisch eine grundsätzliche Frage: Wann kippt das Versprechen von empowerment, und wann ist Solidarität nur noch eine Maske der Eigenvermarktung?