Alice Maher, woran arbeiten Sie gerade?
Ich befasse mich mit großformatigen Zeichnungen zum Thema der Sibyllen, den weiblichen Figuren der Antike, die die Zukunft vorhersagen konnten. Die Menschen suchten sie in unsicheren Zeiten auf und fragten sie um Rat. Genau diese Figuren betrachte ich jetzt, denn wir leben in einer Zeit der Unruhe. Es ist gerade wieder viel Unsicherheit in der Welt.
Ihre Sibyllen haben sehr viel überlanges Haar, so viel, dass sie es zu meterhohen dunklen Türmen geknäuelt haben. Frauenhaar ist in Ihrem Werk sehr präsent, fast wie ein Leitmotiv. Was fasziniert Sie daran?
Ich sehe es als eine Art Kraftmaterial, das eng verbunden ist mit Identität, Macht, Überschuss und Gefühlen. Es liegt an der Grenze zwischen Körper und Nicht-Körper und an der Grenze zwischen Leben und Tod. Haar führt fast eine Art Eigenleben. Schon in den 1990er-Jahren habe ich damit gearbeitet. Damals tobte noch der Krieg in Nordirland. Ich bin zwischen Belfast im Norden und Cork im Süden gependelt, den zwei Enden der irischen Insel. In beiden Städten habe ich bei Friseuren Haare gesammelt. Die habe ich zu einer Art langen dunklen Zöpfen geknotet und geflochten und daraus einen Turm mit dem Titel "Keep" gebaut. Es ging darum, Unvereinbares zu verbinden. Haar hat sehr viele Assoziationen für mich. Das Erste, was Menschen tun, um andere zu entmenschlichen, ist, es ihnen abzuschneiden. Und dann haben wir schon viele Frauen gesehen, die sich als Zeichen des Widerstands die Haare abgeschnitten haben.
Wie die iranischen Frauen 2022. Oder Ihre Landsfrau Sinéad O’Connor, die sich aus Protest gegen die Sexualisierung durch die Musikindustrie kahl rasierte. Wie politisch weibliches Haar ist, sieht man auch an den MAGA-Frauen. Sie verlängern ihr "republican hair" mit Extensions und legen es in überkontrollierte Spiralen, in Bejahung weiblicher Schönheitsnormen und Rollen.
Sinéad O’Connor ist eine große Heldin für Frauen in Irland. Haare gelten als Zeichen weiblicher Schönheit. Wie Sie es mit dem republikanischen Haar beschrieben haben, kann es eine bestimmte Art von Weiblichkeit symbolisieren. Ein Übermaß an Kopfhaar dagegen gilt in vielen Kulturen als gefährlich. Dann bewegt es sich in eine andere Richtung, in die Welt der monströsen Weiblichkeit. Volkssagen und Märchen erzählen von Haaren, die überhandnehmen, man denke nur an Rapunzel. Bei Mélisande wächst das Haar in der französischen Version so stark, dass es die ganze Stadt bedeckt und alle erstickt. Ein solcher Berg von Haaren in meinen Zeichnungen symbolisiert für mich dieses Übermaß, aber auch die damit verbundene Last, die Bürde, es zu tragen. Auch die Figur der Maria Magdalena hat in meinem Bewusstsein eine große Rolle gespielt, die katholische Kirche in Irland hat sie uns als eine Figur der Buße aufgezwungen. Das ist eng mit Haar verbunden, mit ihrem leuchtenden Haar, das mit Übermaß, mit übermäßiger Sexualität, übermäßigen Emotionen und Trauer assoziiert wird.
Alice Maher "The Sibyls" (Detail), 2025
Maria Magdalena ist auch die zentrale Figur ihrer riesigen Textilskulptur "The Map" von 2021, die Sie zusammen mit der Künstlerin Rachel Fallon geschaffen haben. Ihr fülliges Haar lodert in roten Tönen über einer fiktiven Landkarte.
Rachel und ich haben sie über drei Jahre hinweg handgefertigt, alles bestickt und genäht. Wir beschäftigen uns darin mit dem Leben und Vermächtnis von Maria Magdalena und ihrer Vereinnahmung durch die Kirche, insbesondere die katholische Kirche in Irland. Sie machte Maria Magdalena, die ursprünglich eine Heilige und Gelehrte war, zur Hure. Dabei wurde das Bild der Jungfrau Maria als Gegenpol geschaffen – als zwei Seiten einer Medaille: die Jungfrau und die Hure. Diese beiden Figuren wurden vereinnahmt, um Frauen zu erniedrigen, einzusperren und ihr Verhalten, ihren Körper und ihre Sexualität zu kontrollieren und Gesetze zu erlassen, die sie beherrschten.
Sie meinen unter anderem die Magdalene Laundries und Heime der katholischen Kirche, für sogenannte "gefallene" Frauen und Mädchen.
Die Figur der Maria Magdalena ist in unserer Kultur sehr präsent. Frauen und Kinder wurden in den Wäschereien inhaftiert und es gab zahlreiche Frauenhäuser, in denen unverheiratete schwangere Frauen eingesperrt wurden und Zwangsarbeit verrichten mussten. Ihre Kinder wurden ihnen weggenommen und oft an reiche amerikanische Familien verkauft. Sie konnten einfach kommen und ein Kind mitnehmen, das war auch ein Geschäft. Und das wurde vom Staat, vom Gesetz und von der gesamten Gesellschaft hier voll und ganz unterstützt.
In "The Map" setzen Sie sich aus feministischer Perspektive mit der Geschichte Irlands auseinander.
Es ist eine alternative Karte. In den Lowlands etwa sieht man einige der Gesetze, die zur Macht über Frauen erlassen wurden. Es gibt einen Ort namens Slag Island. "Slag" ist ein abwertendes Wort, das man hier benutzt, um jemanden als Schlampe zu bezeichnen. Hier haben wir alle kleinen Straßen und Wege nach angeblich bösen Frauen benannt, nach Hexen oder nach Frauen, die für ihr unweibliches, grenzüberschreitendes Verhalten berüchtigt sind. Es gibt auch eine Insel namens "The System", auf der man die Bereiche über und unter einer Wäscherei sehen kann. Oben sieht man die Grundrisse der verschiedenen Wäschereien, die sehr weitläufig waren. Es waren wirklich große Gebäude, die der Kontrolle dienten. Darunter, in einer Art Keller, sieht man viele kleine Frauenfiguren, die die Böden wischen und all die niederen Arbeiten verrichten, die nötig waren, um diese Systeme am Laufen zu halten.
Warum die Darstellung als monumentale Landkarte?
Wir haben die Kartografie als eine Art Struktur betrachtet, in der wir unsere Ideen über die Magdalenen-Heime präsentieren konnten. Karten wurden immer schon als koloniales Mittel zur Kennzeichnung von Eigentumsverhältnissen verwendet. Man erstellt eine Karte, um zu zeigen, was man besitzt, man benennt es, man identifiziert es – es geht um Expansionismus, Macht, Kontrolle, um Kolonialismus und Besitznahme. Deshalb haben wir die Kartografie als Spiegelbild der Kontrolle genutzt, die die Magdalenen-Heime und die Magdalenen-Wäschereien über die Körper der Frauen ausübten. Für "The Map" haben wir die besten Materialien wie Satin und Seide verwendet, wunderschöne Stickereien und Verzierungen. Wir nutzten Schönheit, Maßstab und Humor, um den Menschen zu ermöglichen, sich mit etwas zu verbinden, das eine tiefe Wunde hinterlassen hat – etwas, das so Schreckliches angerichtet hat, vor allem im Hinblick auf den weiblichen Körper. Wir wollten ihnen eine andere Sichtweise eröffnen, eine alternative Karte vorschlagen, einen alternativen Seinszustand.
Alice Maher und Rachel Fallon "The Map", 2021
In Irland hatte die katholische Kirche besonders großen Einfluss auf die Politik und die Gesellschaft, mit großen Folgen für die Frauen.
Sie hat eine schreckliche Wunde hinterlassen. Nicht nur die katholische Kirche, sondern viele, viele Kirchen, viele verschiedene Religionen, haben Frauen unterdrückt und kontrolliert. Diese Wunde reißt weltweit wieder auf. Es ist kaum zu glauben, dass so viele Länder sich in Richtung dieser Art des Umgangs mit Frauen zurückbewegen. In Irland war Abtreibung bis 2018, also bis vor wenigen Jahren, illegal. Aber ich weiß auch, dass sich das sehr schnell wieder ändern kann. Der Kampf ist nie vorbei, er geht immer weiter. Und genau darum geht es beim Thema Haare: um einen ewigen Kampf, sie zu kontrollieren, sie zu verbergen, sie zu enthüllen und alles, was mit ihnen zusammenhängt – immer und immer weiter. Und das geschieht immer noch, weltweit. Es ist ein andauernder Kampf.
Als kampfbereit könnte man vielleicht auch einige Ihrer Materialien für Ihre Skulpturen betrachten. Sie haben ein Kleid aus Bienen angefertigt, eine Jacke aus Brennnesselblättern und ein kleines Haus aus Rosendornen – aus organischen Dingen, die bewehrt sind, mit Stacheln, Brennhaaren oder Spitzen. Eine Halskette aus Lammzungen im Kurzfilm "Cassandra’s Necklace" von 2012 wirkt auch wie ein Abwehrmittel – gegen den Male Gaze?
Das ist eher eine Art trotziges Tragen, so nach dem Motto: "Wenn ihr mir die Zunge und die Stimme herausreißt, trage ich sie als Zeichen des Widerstands und suche mir meine Zukunft auf anderem Weg." Genau das ist mit der Figur der Kassandra in dem Film passiert, die die Zukunft voraussagen konnte. Ihr wurde aber nicht geglaubt – etwas, das Frauen immer wieder widerfährt. Ich habe daran gedacht, wie weibliche Stimmen zum Schweigen gebracht werden und natürlich an unsere eigene Sprache, das Irische. Unsere ursprüngliche indigene Sprache wurde uns vom Kolonialismus verboten. All diese Materialien, Dornen und Brennnesseln, habe ich einfach in den Gräben und Hecken meiner Umgebung auf dem Land gefunden. Für mich sind sie schon voller Bedeutung, bevor man sie überhaupt berührt. Sie gehören zum verachteten Teil der Materie. Ich habe mich schon immer zum Verachteten, zum Marginalen, zum Rand hingezogen gefühlt. Genau dorthin wurden Frauen über Jahrhunderte hinweg verbannt. Diese Randposition und diese verachteten, minderwertigen Materialien zu verwenden – das ist Teil dieses Widerstands. Widerstand gegen das Schweigen, Widerstand gegen die Ausgrenzung, Widerstand dagegen, im Graben und am Straßenrand gelassen zu werden.