Aus kunsthistorischer Sicht ist der laufende Wahlkampf in vielen Facetten aufschlussreich. Da wären zum einen die Kopfplakate der Parteien an den Laternenmasten. Zum politischen Verständnis tragen sie nichts bei, liefern aber Argumente gegen die vom Kulturstaatsminister geplante patriotische Porträtgalerie – durch ihre unsägliche Biederkeit, Langeweile und den nichtssagenden Stumpfsinn. Wozu brauchen wir ein Porträtmuseum, wenn wir doch regelmäßig mit einer Straßengalerie deutscher Köpfe konfrontiert sind? Auch das Merkel-Porträt, das trotz seiner dürftigen künstlerischen Qualität im Bode-Museum für Besucherströme sorgt, müsste den Gedanken an eine Versammlung von Kopf- oder Kniestücken und Büsten- oder Ganzfiguren kleiner und großer Deutscher obsolet erscheinen lassen.
Ein anderer Aspekt betrifft nicht die überbordende Image-Bildung einer "facialen Gesellschaft" (Thomas Macho), sondern eine auffällige und relevante Einzelheit: die weiße Perlenkette, die Alice Weidel, Co-Parteivorsitzende der AfD, als eine Art Markenzeichen bei ihren öffentlichen Auftritten zur Schau stellt – sei es im Parlament, auf Parteitagen oder im ZDF-Sommerinterview. Dieses Halsband, das offenbar Weiblichkeit und Treue einer im Übrigen harsch argumentierenden und oft ebenso abfällig wie verächtlich dreinblickenden Person signalisieren soll, ist unterdessen von einem Standesabzeichen zu einem politischen Symbol geworden.
Vormals galt die Perlenkette als Luxusgegenstand, in dem sich die Trägerinnen in Eitelkeit verloren haben sollen. Ein kunsthistorisches Dokument dieser Luxuria- und Superbia-Tradition stellt nach älterer Auffassung Jan Vermeers Gemälde "Junge Dame mit Perlenhalsband" (1663-1665) dar, das in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen ist.
Jan Vermeer "Junge Dame mit Perlenhalsband (1662–1665), Öl auf Leinwand
Ähnlich wie im Fall des ungefähr zur selben Zeit entstandenen anonymen Bildnisses "Mädchen mit dem Perlenohrring" aus dem Mauritshuis in Den Haag hat sich die postume Titelgebung der genannten Bilder auf die beiden Schmuckstücke kapriziert. Es handelt sich ohne Frage um auffällige Objekte, aber sie stellen jeweils nur einen Gegenstand unter vielen anderen modischen Elementen der Gemälde dar.
Von Eitelkeit, Selbstbespiegelung und Hochmut wird man als Eigenschaften bei Alice Weidel vermutlich auch sprechen können, aber es geht bei ihr in erster Linie um Tarnung. Während man noch über die tiefere Bedeutung der Perlenkette sinniert, springt einem, vom Google-Algorithmus gesteuert, eine Website bei und löst auf einen Tastaturschlag hin sämtliche ikonografischen Fragen, die noch im Raum standen: "Die Perlenkette von Alice Weidel: Ein glänzendes Statement in der deutschen Politik", heißt es nicht auf einer AfD-Website, sondern so lautet die Überschrift eines Beitrags der in Hongkong ansässigen Firma "Perlen Nation" (nomen est omen).
Mit seinem ausführlichen Kommentar, der am Ende auf eine Kaufempfehlung ("Klicken Sie hier") hinausläuft, setzt der Artikel in Erstaunen: "In der Welt der Politik sprechen nicht nur Worte und Taten Bände – manchmal ist es ein scheinbar unscheinbares Accessoire, das eine tiefere Botschaft vermittelt. Im Falle von Alice Weidel (…) ist es ihre Perlenkette, die die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat und zu einem faszinierenden Gesprächsthema geworden ist."
Und dann folgt ein Hinweis auf den historischen Kontext: "Perlenketten sind seit Jahrzehnten ein Symbol von Eleganz und Tradition in der konservativen Mode. Sie erinnern an Ikonen wie Jacqueline Kennedy Onassis oder Margret Thatcher (…). In Deutschland haben Perlen eine lange Geschichte als Ausdruck von Kultiviertheit und Beständigkeit – Werte, die in der konservativen Politik hoch im Kurs stehen."
Eine Lehrstunde in politischer Ikonografie
Anschließend an diese Allgemeinplätze erfährt die Leser- und potenzielle Käuferschaft, um welche Perlen es sich konkret handelt – hochwertige Süßwasserperlen, die Größe zwischen 7,0 und 8,0 mm, Perlengrad AAA+, rund und lupenrein. "Wenn Alice Weidel ihre Perlenkette trägt, sendet sie eine subtile, aber kraftvolle Botschaft. Die Kette symbolisiert: Tradition - Eine Verbindung zu konservativen Werten und Idealen; Seriosität - Ein Zeichen von Professionalität und Kompetenz; Weiblichkeit: - Eine Betonung ihrer Rolle als starke Frau in der Politik".
Von Zufall kann bei der Wahl eines solch beredten Schmuckstücks selbstverständlich keine Rede sein, suggeriert der Werbetext für die Perlen und zugleich die Politikerin: "Es ist (vielmehr) ein bewusstes Statement, das Weidels politische Positionierung unterstreicht und gleichzeitig ihre persönliche Identität zum Ausdruck bringt. (…) Die Perlenkette von Alice Weidel erinnert uns daran, dass in der Politik jedes Detail zählt. Schmuck kann ein mächtiges Instrument sein, um Botschaften nonverbal zu kommunizieren und eine Verbindung zum Publikum herzustellen. In einer Zeit, in der das Image eines Politikers oft genauso wichtig ist wie seine Policies, spielt ein gut gewähltes Accessoire eine nicht zu unterschätzende Rolle. (…) Die Perlenkette zeigt, dass manchmal die subtilsten Statements die lautesten Botschaften senden können."
Der Artikel liefert eine Lehrstunde in politischer Ikonografie in Bezug auf die Funktion von Dingsymbolen. Er könnte fast einem klassischen kunsthistorischen Handbuch entstammen. Das mehrfach verwendete Attribut "konservativ" verharmlost allerdings ein wenig die politische Brisanz. Schließlich werden mehrere Landesverbände der Partei vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Aber von Hongkong aus betrachtet mag die AfD arglos erscheinen oder gar willkommen sein.
Ein Fall für Julia Klöckner?
Spätestens an dieser Stelle des Website-Textes müsste die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner aufhorchen und umgehend eingreifen. Im Sommer des letzten Jahres hat sie aufgrund diverser Affären für den Parlamentssaal und die Büros der Abgeordneten das Anbringen oder Tragen von politischen Abzeichen und Symbolen – Anstecker, Aufkleber, Tücher, Schals und selbstverständlich auch Fahnen – verboten. Ausgenommen von diesem Verdikt sind der Bundesadler, die Nationalflagge und das Bundesverdienstkreuz – und bislang im Übrigen auch sichtbar vorgezeigte Tattoos.
Man könnte das Gefühl haben, mit dem oben in extenso zitierten Text seien alle Fragen nach dem Erfolg des populistischen Werbefeldzugs der AfD gelöst. Die Perlenkette, ein Halsband macht's. "You look like an angel", wusste Elvis Presley bereits 1963, "but I got wise / you are the devil in disguise."