Eine Frau erzählt aus dem Off von einer stürmischen Eroberung und dem Gefühl, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Es ist die Stimme von Sandra Hüller, die am Anfang nicht aus dem Schwärmen herauskommt – fast so, als würde sie dieser Beziehung noch immer nachtrauern. Erst allmählich kippt der Ton. Dann berichtet sie von der gekündigten Altersvorsorge, vom Umzug aufs Land, vom Hausbau und Abbruch aller sozialen Bindungen.
Der Mann, der ihr die Ehe versprach, wollte es so. Er könne schließlich ohne sie nicht existieren und ertrüge es nicht, sie mit anderen zu teilen. Sie übersah diese frühen Warnzeichen der irrationalen Kontrolle, ließ sich manipulieren und irgendwann auch wegen lächerlicher "Vergehen" schlagen. Auf die Gewalt folgte da noch regelmäßig eine Entschuldigung. Und dann erneute Gewalt. Ein toxischer Teufelskreis, den die Nachbarn zwar irgendwann bemerkten, aber ignorierten, um nicht selbst hineingezogen zu werden.
Manchmal wirken die Tanzeinlagen deplatziert
In diese auf den Erfahrungen mehrerer Frauen basierende Leidensgeschichte montiert Regisseurin Alina Cyranek statische Einstellungen von Häuserfassaden oder Luftaufnahmen einer Vorstadtsiedlung. Dazwischen schiebt sie Szenen aus einer Bühnen-Blackbox, in der die Performer Gesa Volland und Damian Gmür die Phasen zunehmender Abhängigkeit und Verzweiflung mit den Mitteln des zeitgenössischen Tanzes darstellen.
Diese ätherischen, mit luftigen Stoffbahnen arbeitenden Bewegungseinschübe treffen mitunter emotional ins Schwarze. Manchmal wirken sie jedoch deplatziert – vor allem im Kontrast zu den nüchternen Schilderungen der Expertinnen und Experten, die das Ausmaß der Gewalt sachlich aus ihrer professionellen Perspektive beschreiben. Zu Wort kommen Sozialarbeiterinnen, Polizisten, Psychologinnen, Ärzte und Rechtsanwältinnen.
Gesa Volland und Damian Gmür im Film "Fassaden"
Aus den detailreichen Aussagen verdichtet sich auf erschütternde Weise eine Typologie von Gewalt und Scham. Sie macht nachvollziehbar, warum viele Frauen oft Jahre brauchen, bis sie Anzeige erstatten und eine Konfrontation mit ihrem Peiniger wagen. Und selbst dann sind die Aussichten auf eine nennenswerte Verurteilung gering.
Häufig schützt das Rechtssystem den Mann
Eine Ärztin berichtet von misshandelten Frauen, die ihren Zustand verharmlosen. Ein Polizist von eingeschüchterten Opfern, die ihre Männer verteidigen. Eine Sozialarbeiterin weist wütend auf rassistische Zuschreibungen gegenüber muslimischen Frauen hin, die Gewalt angeblich "gewohnt" seien. Die Psychotherapeutin zählt die Spätfolgen der Traumatisierung auf, während die Anwältin von suggestiven Angriffen auf die Opfer im Gerichtssaal berichtet und diese mit fortbestehenden patriarchalen Strukturen erklärt. Häufig schützt das Rechtssystem den finanziell stärkeren Mann, der die Vorwürfe bestreitet.
Warum hat sie sich diesen Partner überhaupt ausgesucht? Diese vorwurfsvolle Frage müssen misshandelte Frauen im Gerichtssaal oft beantworten. Man spricht dann vom "Auswahlverschulden" der Frau – als sei sie selbst schuld daran, einem Psychopathen verfallen zu sein.
Cyranek verzichtet in ihrem angesichts der steigenden Femizid-Zahlen hochaktuellen Essayfilm gänzlich auf Nachinszenierungen von Gewalt und verwendet nur wenige Bilder von Blutergüssen. Konkrete Fälle des Femizids lässt sie aus. Die vielen hasserfüllten Beleidigungen und Todesdrohungen, die Sandra Hüller stellvertretend ausspricht, reichen aus, um sich die potenzielle Lebensgefahr vorzustellen, die von Seiten der ehemaligen Traummänner ausgeht.