Kunsthändler im Film

Gangster oder Galerist?

© David Appleby / STUDIOCANAL GmbH
© David Appleby / STUDIOCANAL GmbH

Johnny Depp als Charlie Mortdecai

Der Kunsthändler taugt im Kino meist nur zur Randfigur. Dabei ist er selten ein harmloser Geselle, wie die Filmgeschichte zeigt

Charlie Mortdecai ist ein Kunsthändler mit feinen Umgangsformen und rohen Instinkten, er liebt die Kunst, das Geld, versaute Witze und teuren Alkohol. Der Sohn eines noch weitaus mächtigeren Kunsthändlers wehrt sich stur gegen die ästhetischen und moralischen Zumutungen der 70er-Jahre und lebt einfach so, als wäre das Empire noch nicht untergegangen. Er fährt einen Rolls-Royce Silver Ghost und ist stolz auf den Höflichkeitstitel The Honourable. Mortdecai hält sich einen Hausdiener und drückt sich gern antiquiert aus. Andererseits weiß er auch ein deftiges Wrestling-Match zu schätzen, er mag Gewalt, "gut bestückte" Amerikanerinnen und überrascht mit Flüchen im Londoner Cockney-Dialekt – "gorblimey!". Dieser Mann mit dem nach Tod und Verfall (mort, decay) klingenden Namen ist ein Kind mit dem Konto eines Millionärs, er wird aufgerieben in der Erosion des britischen Klassensystems und hat – vielleicht als Reaktion darauf – zehn Jahre vor der eisernen Premierministerin den Thatcherismus bereits verinnerlicht. Schon in der Schule ist ihm aufgefallen, dass "jedermann einen Kampf gewinnen kann, wenn er nur bereit ist, seinen Daumen tief in das Auge des Gegners zu drücken".

 

Dieses unsympathische, aber interessante Schlitzohr, eine Romanfigur des britischen Schriftstellers Kyril Bonfiglioli aus den 70ern, war kurz davor, sich in die ewigen Jagdgründe der Literatur zu verabschieden, da kommt eine Verfilmung der Thriller-Trilogie in die Kinos. Den kriminellen Kunsthändler, der als Trampel beschrieben wird, effeminiert Johnny Depp zu einer Art von gewaschenem und parfümiertem Captain Jack Sparrow, dem "Fluch der Karibik" entflohen. Regisseur David Koepp verlegt die Handlung in die Gegenwart – und erinnert so daran, dass das Zeitalter der exaltierten Kunstmagnaten und Galeristen längst nicht vorbei ist.

Die Skandale um Kunsthändler, -berater, -diebe und -fälscher, die sich in den vergangenen Jahren aneinanderreihten, haben das ganze Milieu erneut in zwielichtigen Dämmer getaucht. Egal, ob es um den Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt ging, um den angeklagten Art-Consultant Helge Achenbach, um den Fälscher Wolfgang Beltracchi oder um die Geschäfte des New Yorker Galeristen Hillel "Helly" Nahmad – immer war in der Presse von "Kunstkrimis" die Rede.

In der Tat: Die Kunstszene ist ein großes Stoffreservoir für das Genre, denn sie funktioniert nach unüberschaubaren Regeln, in ihr prallen soziale Schichten aufeinander, Leidenschaft, Geld, Schönheit, und manchmal blitzt eben kriminelle Energie auf. Die vielen "Tatorte", die im Kunstmilieu angesiedelt sind, zeugen von der Faszination: Den Menschen, die sich in Galerien rumtreiben, traut man offenbar alles zu – also auch gern einen Mord. Am Ende war es dann meistens aber doch nicht der wilde Maler, sondern irgendein Spießer von nebenan. Wie in der realen Welt.

Dass mit Charlie Mortdecai ein Kunsthändler als Hauptfigur auftritt, ist dennoch eine Überraschung. Denn ob Krimi, Komödie oder Biopic: Vor allem der Künstler ist als Protagonist attraktiv. Seine Geschichte lässt sich gradlinig inszenieren, und jeder kann sich mit ihm identifizieren. Er glüht und verglüht, er liebt und scheitert, er stirbt und hinterlässt Ewigkeit. Aber der Kunsthändler? Er bleibt ambivalent, denn er steht der Kunst und den Menschen nicht direkt, sondern diskret, vermittelnd und verhandelnd gegenüber. Dramatisch verdichtet ist der Kunsthandel lediglich in der Auktion zu haben, die tatsächlich in einigen Spielfilmen, von Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" (1959) über "James Bond 007 – Octopussy" (1983) bis zu Danny Boyles "Trance – Gefährliche Erinnerung" (2013), in Szene gesetzt wurde.

 

Der Kunsthändler taugt zumeist nur zur Randfigur im Künstlerfilm, er ist Verlockung für den Künstler, Schlüssel zum Ruhm, aber zugleich der Weg zum Ausverkauf und Burnout. Julian Schnabel, selbst bildender Künstler, zeigt mit seinem Film "Basquiat" (1996), wie entscheidend der Galerist auch in der
vermeintlichen Nebenrolle ist, indem er sie prominent besetzt: Dennis Hopper verkörpert Bruno Bischofberger als distinguierten und dennoch aufgeschlossenen Menschen. Bischofberger beobachtet seinen Star Andy Warhol und dessen Umfeld – und zieht die richtigen Schlüsse. Der noch unbekannte Jean-Michel Basquiat will in einem Restaurant Warhol kleinformatige Bilder verkaufen, der Pop-Papst leiht sich das bisschen Bargeld von seinem Galeristen und kauft einige Arbeiten. Dann aber sagt der geschäftstüchtige Bischofberger: "Das sind jetzt meine, denn das ist mein Geld." Basquiats verhängnisvoller Weg ins Establishment hat begonnen.

Schnabel führt den Galeristen aber nicht als Vertreter einer gefühlskalten Elite vor: Bischofberger ist selbst als Außenseiter gezeichnet und deshalb eine Spiegelfigur zu Basquiat. Hopper gibt dem Schweizer Galeristen einen leicht verhuschten, lauernden Charakter. Man merkt ihm seine Fremdheit an, am leichten Akzent, an seinen Fragen. Bischofberger fühlt sich unwohl im Kreis der New Yorker Boheme, er schwitzt, wenn die Situation außer Kon trolle gerät, er schaut immer wieder um sich, als erwarte er einen Dolchstoß. Zu Recht: Seine jüngere Konkurrentin Mary Boone (Parker Posey) will ihm Basquiat ausspannen und stellt sich viel geschickter an als der große Bischofberger.

 

Dabei snobbt sie den noch unbekannten Basquiat zunächst ab, als er als Assistent in ihrer Galerie arbeitet. Am Ende kriegt sie ihn doch. Doch Hochmut kann auch tödlich enden: Im Horrorfilm "Driller Killer" (1979) bohrt der Künstler, von Regisseur Abel Ferrara selbst gespielt, seinem Galeristen, der ihm keinen Vorschuss mehr gewährt, mit einer Schlagbohrmaschine das Herz auf – als wollte er nachschauen, ob da überhaupt irgendwas schlägt. Künstler brauchen keinen Vermittler, wenn der nicht in schlechten Zeiten trotzdem an sie glaubt. Doch Galeristen im Kino und Fernsehen sind oft so prätentiös, dass sie sich vor dem eigenen Dünkel ekeln. Die US-Komikerin Amy Poehler hat in einem Werbespot für Old-Navy-Jeans die Rolle dermaßen überzeichnet, dass ihr Auftritt wie die Karikatur einer Karikatur wirkt. Sie trägt einen schwarzen Rollkragenpulli und eine Bobfrisur wie "Vogue"-Chefin Anna Wintour. Und redet Müll: "Dieses Werk ist so töricht, dass es schwer zu verstehen ist." Zum Glück steht ihr eine junge Jeansträgerin gegenüber, die von solchem Jargon noch nicht ganz abgestumpft ist und sie aus der Eröffnungshölle befreit.

 

Nach diesem Muster funktionieren viele Parodien auf die Kunstwelt: Ein milieufremder Besucher mit "gesundem Menschenverstand" gerät zufällig in die Gummizelle namens White Cube und erkennt, dass der Kaiser angeblich keine Kleider trägt. Axel Foley (Eddie Murphy), einer notorischen Plaudertasche, verschlägt es in "Beverly Hills Cop" (1984) die Sprache, als er eine Galerie betritt und den Preis für die ausgestellte Installation hört. Der Pfleger Driss (Omar Sy) empfiehlt in "Ziemlich beste Freunde" (2011) der steifen Galeristin, den Preis für das abstrakte Gemälde noch mal nachzuschauen, denn das könne ja wohl nicht sein. Die Galeristin kommt zurück und gibt zu, dass sie sich geirrt habe. "Na also", sagt Driss. Doch das Bild, so die Galeristin, koste noch viel mehr.

Der reiche Philippe, den Driss betreut, kauft es dennoch – und damit entkommt "Ziemlich beste Freunde" der Anklage ("Der Kaiser ist nackt!"), die längst selbst zum Klischee geworden ist. Es ist eben nicht so, dass Galeristen immer neue Verblendungs- und Verblödungszusammenhänge schaffen, wie ihnen von marktkritischer Seite vorgeworfen wird. Vielmehr erfinden sie ständig aktuelle Anlässe, neue Strategien, Winkelzüge und Hinterhalte, sowohl wirtschaftlicher, philosophischer als auch ganz lebenspraktischer Art. Dieses Wissen und Wirtschaften hat seinen Preis. Weil das Geschäft Persönlichkeit benötigt und formt, ist es nicht verwunderlich, dass es eng verbunden ist mit den Gründern: Galerien tragen häufig den Namen ihres Eigentümers und lösen sich nach dessen Tod nicht selten auf. Galeristen und Kunsthändler dürfen schillern, aber müssen – anders als ihre Künstler – immer einen Rest Bodenständigkeit behalten. Sie müssen die Sprache ihrer häufig prekär arbeitenden Künstler genauso sprechen wie die ihrer wohlhabenden Kunden. Sie bringen ferne Welten miteinander in Verbindung, durch Großzügigkeit, Suggestion und Geschmack.

Antonio Banderas hat als Galerist in Woody Allens "Ich sehe den Mann deiner Träume" (2010) alle diese Eigenschaften. Aber Allen blendet die Kehrseite eines solchen Verführers nicht aus: Der Galerist spielt mit seiner Mitarbeiterin (Naomi Watts), die sich in ihn verliebt, und entscheidet sich schließlich für seine Parallelaffäre, die, na klar, Künstlerin ist. Die Verschmähte rächt sich und startet ihre eigene Galerie.

Die Balance zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Galeristendaseins lässt sich gut in diesem schwierigen, manchmal eben auch amourösen Verhältnis zwischen Galerist und Galeriedirektorin darstellen. Eine solche Beziehung steht im Zentrum der britischen Komödie "Boogie Woogie" (2009). Der Galerist Art Spindle, der äußerlich an Jay Jopling von Londons White Cube erinnert, ist clever und kalt. Er lacht zu laut, drückt die Hand des Kunden zu lange und mit beiden Händen, setzt die Brille auf, um sie gleich wieder abzusetzen, und würde vor Stress den Hörer am liebsten auf die Gabel donnern, wenn es kein zerbrechliches Designtelefon wäre. Der Staat ist für den neoliberalen Spindle eine Zumutung, "Regierungsidioten", die durch ihre Betrugsermittlungen die besten Kunden ausschalten. Man erwartet eine vorhersehbare Satire, wird dann aber überrascht von ihrer Komplexität: Der Megagalerist betrügt den Megasammler, der wiederum bootet bei einem geheimen Privatverkauf Spindle aus. Die aufstrebende Künstlerin benutzt den erfolglosen Künstler und die Galeriedirektorin, die selbst ihren Boss düpiert, von dem sie schlecht behandelt wird. "Normal zynische Menschen, wie sie in der Unternehmenswelt vorkommen", sagt Stellan Skarsgård, der den Sammler darstellt, im Interview.

 

Das Erstaunlichste an "Boogie Woogie" ist, dass der Film auf einem Roman basiert, der in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort spielt. Die Erfahrungen, die der Schriftsteller Danny Moynihan als Maler, Händler und Sammler in den 90er-Jahren in der New Yorker Kunstszene machte und festhielt, ließen sich ohne Weiteres auf die Nullerjahre in London übertragen. Die Verhältnisse ändern sich offenbar kaum. Deshalb kann Charlie Mortdecai auch zum Zeitgenossen werden, und seine im ersten Roman gegebene Empfehlung liest sich wie eine Anleitung für die jüngsten Kunstmarktfreibeuter: "Wenn du denn sündigen musst, suche dir ein obskures, wenig erforschtes Verbrechen aus, für das die Polizei keine Experten hat, und dann ganz vorsichtig! Melke es nicht trocken, und variiere häufig deinen Modus Operandi. Sie schnappen dich am Ende, natürlich, aber wenn du nicht zu gierig wirst, hast du vorher ein paar schöne Jahre."

Am Ende schnappen sie dich! Virgil Oldman, einen von Geoffrey Rush gespielten Auktionator und Kunsthändler, erwischt es am Ende von "The Best Offer – Das höchste Gebot" (2013) so schlimm, dass er in der Nervenklinik landet. Der italienische Film kam zeitgleich mit den Enthüllungen im Fall Gurlitt ins Kino und weist gespenstische Parallelen zu diesem deutschen Politikum auf. Auch Oldman ist kontaktscheu und versteckt Meisterwerke vor der Öffentlichkeit, auch er verliert am Ende seine Sammlung. Die Gegenwart der Schätze – über einen Strohmann bei den eigenen Auktionen ersteigert – ersetzt ihm zwischenmenschliche Kontakte, erschafft jedoch zugleich Angst vor der Gesellschaft, der die Kulturgüter vorenthalten sind. Oldman braucht als Händler die Zirkulation der Ware, sehnt sich aber auch nach einer Unterbrechung der ewigen Bewegung, nach Stillstand durch Anhäufung fester Werte.

 

Kennen Galeristen diese Sehnsucht? Kunst dürfe nicht stagnieren, sagt Art Spindle in "Boogie Woogie", als ein Sammler einen Mondrian trotz immer höherer Angebote nicht verkaufen will. Spindle, ganz Unternehmer, versteht das nicht: "Alles hat seinen Preis!" Doch wie in kaum einem anderen Produkt erkennt man in einem Kunstwerk die Biografie des Produzenten, wird Arbeit als geronnenes Leben sichtbar. Und die Provenienz erzählt die Lebensgeschichte der Besitzer. Wie lässt sich dieser Wert monetär ausdrücken? Eine bewegende Parabel auf diese Verantwortung ist der Film "Monsieur Klein" von 1976, in dem Alain Delon den Kunsthändler Robert Klein spielt, der im von den Nazis besetzten Paris Bilder von Juden aufkauft, die das Land verlassen müssen. "Es fällt Ihnen natürlich leicht, jemandem so ein niedriges Angebot für ein Bild zu machen, der verkaufen muss", beschwert sich ein Jude, der ein Porträt veräußert, das jahrhundertelang in Familienbesitz war. "Und ich muss nicht kaufen. Ich bin kein Sammler, ich mache nur meinen Job", erwidert Klein. Doch Kunsthandel ist eben mehr als ein Job und Kunst mehr als eine Ware. Am Ende wird Klein selbst für einen Juden gehalten und deportiert.

Von solchen ethischen Tiefen muss die Komödie "Mortdecai" nichts wissen. Sie feiert ein besonders exzentrisches Exemplar der Gattung Kunsthändler und zeigt ihn im typischen Zwiespalt zwischen überzeitlicher Schönheit und den je tagesaktuellen Notwendigkeiten. Wie sein Held war auch Kyril Bonfiglioli Kunsthändler, er hatte zwar Erfolge (1964 ersteigerte er einen Tintoretto für 40 Pfund), war allerdings meist pleite. Er gab den Beruf auf – und begann zu schreiben. Seine sarkastischen Spitzen gegen die Kunstwelt sind zugleich Ausdruck eines persönlichen Scheiterns. Vielleicht sitzen viele Galeristen heute schon an ihrem Roman.