Seit einer Woche greifen die USA und Israel den Iran aus der Luft an. Wie haben Sie die Tage seit Beginn der Eskalation verbracht?
In Berlin, zu Hause, im Schockzustand. Ich bin tief erschüttert, voller Trauer und Sorge.
Wenn Sie auf Ihr Handy schauen: Welche Nachrichten aus dem Iran kommen überhaupt noch durch?
Wegen der Internetsperre habe ich keine verlässliche Möglichkeit, mit Verwandten und Freunden im Iran zu kommunizieren. Es gibt kurze Zeitfenster: Da kommen Anrufe durch oder eine Nachricht. Aber meistens wartet man nur auf das zweite Häkchen – und wartet weiter. Ich habe enge Familienangehörige im Iran. Meine Großmutter lebt in Teheran.
Was hören Sie vom Kriegsalltag?
Es geht im Moment um existenzielle Fragen, um Leben und Tod. Die Menschen versuchen, füreinander dazusein und vor allem Ältere und Schwache in Sicherheit zu bringen. Nach dem Tod von Ali Chamenei gab es Bilder von Feiern und Erleichterung. Gleichzeitig haben viele Menschen große Angst, dass sich der Krieg weiter ausweitet.
Neben Bildern jubelnder Menschen nach Chameneis Tod gab es Symbole der Staatstrauer und einen weinenden Nachrichtensprecher im iranischen Fernsehen.
Richtig. Es gab Bilder von Jubel und Bilder von Trauer. Beide werden sofort politisch aufgeladen. Deshalb ist es wichtig, sie differenziert einzuordnen. Für viele war sein Tod ein Moment der Erleichterung, für andere Teil eines komplexen politischen und gesellschaftlichen Moments, im Iran selbst, aber auch im größeren regionalen Kontext.
Sie sind in Teheran geboren und mit anderthalb Jahren nach Berlin gekommen. Seitdem sind Sie als Kind und Jugendliche in den Sommerferien jährlich in den Iran gereist. Wann waren Sie zuletzt dort?
Kurz vor der Pandemie. Damals war die Situation noch eine völlig andere, kein Vergleich zu der militärischen Eskalation, die wir heute erleben. Es ist surreal, heute an Viertel zu denken, in denen Freunde und Familie leben, und zu wissen, dass genau diese Orte jetzt bombardiert werden.
Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die davon sprechen, dass durch den Krieg ein demokratisches Kapitel im Iran beginnen könnte.
Wir erleben gerade wieder eine Erzählung, in der Krieg als notwendiges Mittel der Politik erscheint, mitunter sogar als Voraussetzung für Freiheit. Diese Gleichung ist historisch fragwürdig und politisch gefährlich. Kriege stärken fast immer Hardliner. Das Regime nutzt die "Logik von Leben und Tod", um Macht zu sichern. Wenn man dieses System schwächen will, müsste man im Sinne einer feministischen Außenpolitik handeln und die Zivilgesellschaft praktisch stärken, auch über Kultur, Bildung und unabhängige Räume. Ich finde es schwer erträglich, dass Europa es nicht schafft, geschlossen auf Diplomatie und Deeskalation zu setzen.
Sie haben mit 26 Ihre Galerie in Berlin-Charlottenburg gegründet. Hat Ihr Programm mit Ihrem Aufwachsen zwischen Berlin und Teheran zu tun?
Ja. Das Programm steht in klarer Verbindung zu meiner Biografie. Es baut auf den Ideen meines Vaters auf, des Galeristen und Sammlers Hamid Sadighi Neiriz, der über Jahrzehnte eine zentrale Rolle für außereuropäische Kunst in Berlin spielte und zugleich immer auch ein Sensorium für Gegenwart hatte. Dieser Zwischenraum – zwischen Teheran und Berlin, aber auch zwischen den Zeiten – ist zentral für meine Arbeit. In antiker und nicht-westlicher Kunst habe ich vieles gelernt, was europäische Institutionen oft nicht vermitteln, weil der Blick noch immer eurozentristisch ist. Dadurch verpassen wir Referenzen und Chancen, Kunst- und Kulturgeschichte neu zu lesen.
Hashem Shakeri "Cast out of Heaven", 2023
Sie haben im Interview mit Monopol schon vor zwei Jahren über die Verantwortung einer Galerie gesprochen: Narrative aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, auch die unbequemen. Was bedeutet der Kriegsausbruch für Ihre Arbeit?
Wir haben unser Programm kurzfristig umgeplant und eröffnen am Freitag, 13. März in meiner Galerie in der Schlüterstraße die Gruppenausstellung "Let Us Believe in the Dawn of Spring". Die Entscheidung dazu haben wir bereits im Januar getroffen, als sich die Ereignisse im Iran dramatisch zuspitzten. Der Titel bezieht sich auf einen Text von Forough Farrokhzad, einer Pionierin moderner persischer Lyrik. Im Zentrum der Ausstellung steht eine kollaborative Installation – eine künstlerische Interpretation eines Haft-Sin. Das ist die Tafel, die zu Nowruz, dem persischen Neujahrsfest, traditionell mit sieben symbolischen Elementen gedeckt wird. Sie stehen für Erneuerung, Leben und Hoffnung. Das persische Neujahr beginnt immer im Frühling, dieses Jahr im Ausnahmezustand. Ich möchte auf die Ereignisse aufmerksam machen, aber auch auf eine reiche, lebendige Kultur: sinnlich, spirituell, mystisch. Für mich war klar, dass ich darauf reagieren muss.
Reicht es, politische Kunst zu zeigen oder braucht es auch politische Rahmenprogramme?
Es braucht beides. Gespräche, Panels, Performances und Konzerte können eine Galerie langfristig als Ort des Austauschs stärken: als Begegnungsort, nicht nur als White Cube, der Kunst verkauft. Gesellschaftliches Engagement und professioneller Galeriebetrieb schließen sich nicht aus.
Schaffen das Galerien und Institutionen in Deutschland aktuell?
Wertebasierte Arbeit scheint in Deutschland an vielen Orten zu verschwinden. Diskursräume werden enger, Institutionen reagieren oft kurzfristig oder defensiv. Gleichzeitig steht der Kulturbetrieb ohnehin unter enormem Druck. Das sieht man an Debatten wie rund um die Berlinale. Umso wichtiger ist es, diese freien Räume für kommende Generationen zu sichern. Viele Menschen sehnen sich nach Orten, die Komplexität zulassen und nach klarer Haltung statt Ausweichmanövern. Ich bedauere, dass sich in den letzten Jahren sehr viele Galerien und Institutionen aus entscheidenden Debatten herausgehalten haben. Das hat dem deutschen Kulturbetrieb geschadet. Kritik muss hier oft "freundlich" formuliert werden, aber unsere Verantwortung ist es, auch unbequeme Fragen zu stellen. Wenn Kunst eine Bubble wird, die sich an militärische oder machtpolitische Logiken anschmiegt, ist das eine gefährliche Entwicklung, auch für Kunst und Kultur selbst.
Sie haben letztes Jahr eine Initiative gestartet: Iranians for Peace.
Ja, wir setzen uns für den Schutz zivilen Lebens und die Einhaltung des Völkerrechts, insbesondere des humanitären Völkerrechts, ein. Unser Fokus liegt dabei auf diplomatischen, nicht-militärischen Lösungen, ohne parteipolitische Agenda. Über Print-Verkäufe wollen wir ein Crowdfunding aufsetzen; 100 Prozent des Erlöses sollen in Hilfsmittel für besonders betroffene Provinzregionen im Süden des Iran fließen. Und wir wollen einen Chat einrichten, um Menschen im Ausland zu unterstützen, die ihre Angehörigen nicht erreichen. Das klingt klein, ist aber existenziell.
Kann man konkret helfen?
Ja. Wir brauchen Menschen für Organisation, Recherche, Kommunikation, Produktion und eine transparente Abwicklung. Und wir wollen eine kleine Pressestelle aufbauen, weil vielen Redaktionen verlässliche Informationen aus dem Iran fehlen und gleichzeitig sehr viele Behauptungen zirkulieren. Uns geht es darum, zu prüfen, einzuordnen und Stimmen der Zivilgesellschaft sichtbar zu machen. Im Kern geht es darum, ziviles Leben zu schützen und konkrete Unterstützung zu ermöglichen.
Wie erleben Sie abseits Ihrer Ausstellung die Sichtbarkeit iranischer Kunstschaffender und Themen in Deutschland?
Oft verengt. Ich erinnere mich an die große Aktion der Nationalgalerie 2022, bei der Shirin Neshat als Symbolfigur auf einem großen Banner erschien, um auf die Proteste im Iran aufmerksam zu machen. Rückblickend sehe ich das kritisch, nicht als Angriff auf sie als Künstlerin, deren Werk ich sehr respektiere, sondern wegen der Rolle, die ihr in diesem Kontext zugeschrieben wurde. Solche Symbolisierungen stabilisieren ein westlich anschlussfähiges Narrativ: die leidende muslimische Frau als Projektionsfläche. Die Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" zeigt aber vor allem Selbstbestimmung, Mut und die Entschlossenheit einer jungen progressiven Generation.
Setzen Institutionen so einen kolonialen Blick fort?
Ja, indem Institutionen vertraute Bilder reproduzieren, stabilisieren sie einen orientalistischen Blick. Und es wäre spannend zu fragen, warum ausgerechnet bestimmte Figuren in Deutschland diese symbolische Rolle bekommen. Während Positionen, die näher an der Gegenwart im Land arbeiten, kaum sichtbar werden. Genau deshalb ist es mir wichtig, andere Bilder zu zeigen. Ich habe letztes Jahr mit "Woman’s Land" eine Ausstellung mit Blick auf Iran und Afghanistan gemacht – mit Arbeiten von Menschen, die dort leben und arbeiten. Das waren Perspektiven, die in der deutschen Medienlandschaft oft fehlen: nicht als Schlagzeile, sondern als komplexe, menschliche Gegenwart. Und genau das ist für mich Verantwortung im Kulturbetrieb: Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Stimmen aus der Region selbst sichtbar werden – statt sie durch westliche Projektionen zu ersetzen.
Sie sind auch selbst Künstlerin. Ihre Installation "Soft Power" war zur letzten Berlin Art Week zu sehen, aktuell in Mexiko-Stadt. Sie ist eine Hommage an die Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit". Wie haben sich die Reaktionen verändert?
"Soft Power" ist eine variable Installation, die sich kollaborativ weiterentwickelt. In Mexiko habe ich mit einer mexikanischen Künstlerin an den Keramiken gearbeitet. Dazu kommt ein Soundstück zwischen Teheran und Berlin. Für mich ist das eine hochpoetische, multidisziplinäre Arbeit – und meine erste direkte künstlerische Reaktion auf "Frau, Leben, Freiheit". Die Ausstellung in Mexiko eröffnete noch vor dem Krieg, aber nach dem Massaker im Januar. Schon da war klar, dass es eine große Dringlichkeit gibt, über den Iran zu sprechen. Aber nicht nur über Zerstörung, sondern auch über Leben. Ich habe Gedichte vorgetragen, unter anderem von Forough Farrokhzad. Daran halte ich fest: Leben sichtbar machen, ein Gegengewicht schaffen. Gerade in solchen Momenten wird Kultur zu einer Form von Widerstand, zu einer Haltung, die Würde, Poesie und Lebenswillen bewahrt. In dem Zusammenhang plane ich auch ein Festival mit dem Titel "Soft Power" im September in Berlin, in dem Kunst, Musik und Diskurs zusammenkommen. Kunst gewinnt, wenn sie nicht isoliert bleibt, sondern Resonanzräume schafft.
Anahita Sadighi "Soft Power", Haus der Visionäre, Berlin, 2025
Einerseits geht es um Sichtbarmachung, andererseits arbeiten viele iranische Künstlerinnen und Künstler aus Sicherheitsgründen unter Pseudonym. Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit dieser Verantwortung um?
Das ist ein zentraler Punkt. Man darf gefährdete Künstlerinnen und Künstler nicht durch Sichtbarkeit zusätzlich gefährden. Verantwortung bedeutet, jede Zusammenarbeit sorgfältig zu prüfen, von der Auswahl über den Kontext bis zu den Texten, mögliche Risiken. Sonst richtet man mehr Schaden an, statt langfristig arbeiten zu können. Wir zeigen für die aktuelle Ausstellung auch Werke von Ghazaleh Rezaei, einer jungen iranischen Fotografin. Die Kommunikation mit ihr – sie ist im Iran – ist gerade kaum möglich. Parallel eine Ausstellung vorzubereiten, während Menschen vor Ort im Ausnahmezustand sind, ist surreal. Und trotzdem wollen wir diese Plattform nicht aufgeben, aber ohne Druck auf die Beteiligten.
Wovon hängt es ab, dass manche unter Pseudonym arbeiten und andere nicht?
Das hängt stark von der jeweiligen Praxis ab: von Sprache, künstlerischen Mitteln, Lesbarkeit. Im Iran gibt es Zensur und eine enorme Kunst des "between the lines". Das iranische Kino zeigt, wie viel in Zwischenräumen gesagt werden kann. Dieser Reichtum verdient mehr Aufmerksamkeit, weil er Komplexität zulässt und uns vom binären Denken wegführt.
Dieses Weiterarbeiten in repressiven Systemen war auch Thema der letzten Berlin Biennale.
Mich interessiert genau das: Kunst schafft Nuancen, wo Sprache sonst schnell festlegt. Sie übersetzt Intelligenz und Widerstandsfähigkeit in ästhetische Strategien, in Codes, Brüche, Humor und Materialität. Gerade unter Repression entstehen oft extrem präzise Formen, weil man nicht "frontal" sprechen kann.
Wie kann Solidarität ohne Vereinfachungen aussehen?
Ich wünsche mir Ernsthaftigkeit und Nuancen: zuhören, Quellen prüfen und keine Projektionen bedienen. Hilfreich ist, Kommunikations- und Sichtbarkeitsräume zu schaffen, gerade für Stimmen aus dem Iran selbst, auch in Kulturinstitutionen. Solidarität bedeutet auch, einfache Narrative zu vermeiden. Man kann autoritäre Strukturen kritisieren und zugleich militärische Eskalation ablehnen und sich für ein Ende des Krieges einsetzen. Schädlich ist alles, was Bomben als "Befreiung" rahmt oder die Situation in einfache Lager presst – und damit auch die geopolitische Dimension des Konflikts außer Acht lässt.
Wie ist der Austausch innerhalb der exiliranischen Communities in Deutschland?
Es gibt Gespräche und gemeinsame Proteste, ja. Aber insgesamt existieren viele unterschiedliche Stimmungen und Positionen, teilweise auch gegensätzliche. Gerade deshalb wird für mich künstlerische Praxis umso wichtiger: als Raum, in dem Ambivalenzen ausgehalten werden können und neue Bilder überhaupt erst möglich werden.
Woran merken Sie, dass Sie gerade richtig handeln, obwohl die Lage sich falsch anfühlt?
Wenn aus Gesprächen Konsequenz entsteht: Menschen kommen zusammen, bieten Unterstützung an, helfen bei Recherche, Kommunikation und ganz praktischen Abläufen. Und ich merke es daran, dass Nuancen wieder Raum bekommen. Das sind kleine Dinge, aber sie sind real.
Der Titel Ihrer Ausstellung – "Let Us Believe in the Dawn of Spring" – klingt nach Hoffnung. Haben Sie im Moment Hoffnung?
Der Titel entstand nach dem Massaker im Januar, als Versuch, überhaupt einen Raum für Verarbeitung und Gemeinschaft zu öffnen. Der Krieg ist danach ausgebrochen, aber wir halten an dem Titel fest. Nowruz, das persische Neujahr, steht für Neubeginn und Leben. Hoffnung ist im Moment weniger eine Stimmung als eine Entscheidung: das Leben, so gut es geht, in den Vordergrund zu stellen.