Das allererste Mal sah ich Lija im La Fontaine de Belleville in der Rue Juliette Dodu in Paris. Ich saß dort mit einem neuen amerikanischen Bekannten, den ich nur zwei Wochen später wieder blockieren musste. Ich scheine ein Magnet für Stalker, creeps und Psychopathen zu sein. Anyway. Mir fiel ein Paar auf – zumindest hielt ich sie zunächst dafür. Zwei junge Frauen, die an einem Tisch am Fenster gegenüber saßen, sich aber merkwürdig still verhielten, als würden sie nicht wirklich miteinander agieren. Jede schien für sich zu sein, in ihrer vollkommen eigenen Welt.
Das eine Mädchen mit Pixie-Haarschnitt blickte zur Decke, benutzte ein Messer, um ihr Spiegelbild zu betrachten, nahm dann ihr Handy heraus und machte ein Foto von ihrem Gesicht. Es war faszinierend, ihr zuzusehen. Eine Künstlerin, dachte ich. Die andere sah ich zunächst nur von hinten und in Teilen ihrer Spiegelung im Fenster. Dunkle, lockige Haare, ein schwarzes Kleid. Sie wirkte reich – oder wie jemand, der seinen Wert kennt. Jedenfalls mehr Frau als Mädchen, im Gegensatz zur anderen, die eher wie ein Tomboy wirkte, aber auf eine kokette, lolitahafte Weise.
Die Dunkelhaarige begann, in ein großes schwarzes Notizbuch zu schreiben, das aufgeschlagen neben einer Ausgabe von Renée Viviens "A Woman Appeared to Me" lag. Ich beobachtete sie weiter, wie sie hoch konzentriert dort saß, bis sie schließlich aufstand und nach draußen ging, offenbar, um ihre Freundin beim Rauchen zu begleiten.
Beide zogen ihre Jacken an: eine flauschige, die sich im Wind zur tierartigen Erscheinung eines Straußes aufblähte, und einen bodenlangen Mantel aus schwarzem Leder, gefüttert mit dunklem Fell, das den schmalen, aber muskulösen Körper darunter kontrastierte. Als sie draußen standen, blickte die Dunkelhaarige durch die Fensterscheiben. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich direkt ansah – obwohl ich wusste, dass sie vermutlich nur ihr eigenes Spiegelbild kontrollierte. Das waren Lija Novruzova und Maria Klein Araya, wie ich später herausfand.
Am Grab von Oscar Wilde
Wie ich Sophie kennenlernte, ist eine andere Geschichte. Ich war damals nur für ein Wochenende in Paris, hatte mir aber fest vorgenommen, Oscar Wildes Grab zu besuchen. Es war ungewöhnlich stürmisch und regnerisch. Als ich schließlich dort ankam, war mir so kalt, dass ich auf und ab sprang und dabei "Right Round" von Kesha und Flo Rida hörte, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen.
Ich war überrascht, dass am Grab nicht Unmengen an Memorabilien lagen. Nur ein paar Blumen, Briefe und Joints, überzogen von Kussmündern und vom Regen durchnässt. Erst, als ich mich umdrehte, sah ich dieses Paar, das scheinbar schon die ganze Zeit hinter mir gestanden hatte. Oder vielmehr: dieses Mädchen, das am Arm eines blassen, dünnen Typen hing, der aussah, als spielte er in einer Post-Hardcore-Coverband.
Sie war ganz in Schwarz gekleidet, trug eine enganliegende Lederhose, die ihr eine nietzscheanische, übermenschliche Silhouette verlieh. Ihr Gesicht lag im Schatten eines großen, schwarzen Regenschirms. Der Typ stand still wie eine ästhetische Fußnote, während sie ihre Hand von seinem Arm löste und sich zum Rand des Grabs bewegte, um etwas abzulegen. Sie sah mich keine Sekunde an, glaube ich. Wirklich wissen konnte ich es nicht, denn sie trug eine übergroße Sonnenbrille, in der ich und die matschige Grabszene unwirklich gespiegelt wurden.
Dann sah ich, was sie am Grab abgelegt hatte: eine Vintage-Kamelienblüte von Chanel aus tiefschwarzem Samt.
Einige Zeit später, im Herbst, kam ich mit einem Mann nach Paris zurück, der Schach um viel Geld spielte. Er hatte ein Match in einem Club namens Chez Castel. Ich war nicht eingeladen. Also beschloss ich, eine Künstlerin zu treffen, die ich schon lange hatte treffen wollen: Maansi Jain.
Wir bestellten Tee im Le Dalí. Maansi erzählte mir, dass sie am Morgen auf einem Friedhof im 14. Arrondissement gewesen war, um die Gräber von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zu besuchen. Ich hatte ihr drei französische Bücher mitgebracht.
Mein Blick verfing sich in dem Empire-State-Building-Tyvek-Dress von The Woman’s History Museum, das sie über schweren Boots von Eckhaus Latta trug. Sie erzählte mir von einem Sammler aus Jaipur, der ihr angeboten hatte, ein von ihr getragenes Kleid für 200.000 Dollar zu kaufen. Das erschien mir wie eine gehobene Alternative zu einem OnlyFans-Account, obwohl sie darauf bestand, dass es sich um eine Form von old world patronage gehandelt habe. Nur jemand wie Kiran Nadar, eine Sammlerin, mit der ihr Onkel Bridge spiele, würde das verstehen, sagte Maansi.
Ich mochte die Vorstellung, selbst Kunst zu sein. Kunst zu werden wie eine teure Skulptur. Ornamenthaft Tee zu trinken, Geschenke zu empfangen. Alle Geschenke der Welt.
Die Wiederkehr
Sie zeigte mir eine Technik, mit der man Reichtum manifestieren könne. Und dann passierte es – beiläufig, fast unspektakulär: Die Tür öffnete sich, und ich sah sie wieder. Das Mädchen vom Grab. Ich erkannte sie sofort. Sie war unmöglich zu verwechseln. Sie marschierte durch die Halle, unbeirrbar, stieg in den Aufzug. Wieder komplett schwarz, diesmal mit klobigem Kragen, kurzem Kleid, High Heels, Einkaufstaschen. Die Sonnenbrille trug sie immer noch.
Ich hätte sie für vollkommen unantastbar gehalten, hätte ich nicht gesehen, dass ihr Haar leicht unordentlich war und ihr Make-up verschmiert. Maansi hatte sie nicht bemerkt, sie zeichnete das Aquarell eines Brunnens in ein kleines oranges Notizbuch. Für einen Moment dachte ich, diese Erscheinung sei überhaupt nur für mich bestimmt. Eine Art Rachefantasie-Doppelgänger: Alles, was ich war – perfektioniert zu einer düsteren, engelhaften Puppenversion von mir. Verzeih mir, Sophie. Ich weiß, ich projiziere.
Wir blieben noch, tranken weiter. Ein Mädchen in einem weißen Prada-Anzug begann, uns Drinks zu kaufen. Schließlich fragte Maansi, ob ich mit auf ihr Zimmer kommen wolle, um mir ein Video anzusehen. Im Aufzug machten wir Selfies. Als wir im sechsten Stock ankamen, lachten wir. Dann blieb ich stehen. Aus einem der Zimmer drang Musik: "Bizarre Love Triangle". Pinkes Licht fiel in den Flur. Die Tür stand offen. Das Mädchen saß auf dem Bett, mitten in einem Haufen aus Kleidung und Einkaufstaschen. Alles war um das Bett herum angeordnet wie geplantes Chaos – und zugleich unmöglich geplant. Als sie uns sah, blieb sie still. Dann stand sie auf und öffnete die Balkontür. Der Eiffelturm glitzerte rosa und erzeugte einen unheimlichen Effekt auf ihrer Haut. Die Sonnenbrille trug sie immer noch. Aber ich sah: Sie hatte geweint.
Dann lächelte sie. "Wollt ihr etwas trinken?" Ihre Stimme war flirtend, Gurevich-Partygirl-cool. Dieses Mädchen existierte wirklich. Viel später fand ich heraus, dass sie Sophie hieß. Sophie Gohla. Nur wenige Wochen später erfuhr ich, dass Lija eine der ersten Followerinnen von Sophie auf Tumblr gewesen war – vor etwa zehn Jahren, als beide ungefähr 13 waren. Kurz darauf sprach ich Lija und Maria das erste Mal an.
Die Performance
Anna B. Müller hatte mich eingeladen, in ihrem neuen Raum in der Brunnenstraße, Offsite Arts by Wehrmühle, zu lesen. Ich hatte nichts Neues - außer ein 1000-seitiges Manuskript aus meiner Zeit in einem Pariser Krankenhaus. Allerdings war ich mir sicher, ich könne daraus nicht vorlesen, solange ich den Text als seine Autorin verkörpern müsste. Er war zu privat, zu vulnerabel.
Er erzählt von einer Frau, die ihre Wohnung verlässt und in einen Park geht. Alles kommt ihr fremd und feindlich vor. Sie erinnert sich an die Person, die sie eben noch war, dort in ihrem Apartment, ganz verwahrlost im Dunkeln, und stellt fest, dass sie sich dieser Person entfremdet fühlt. Stattdessen erinnert sie sich an eine andere Figur, die sie als junges Mädchen sein wollte: Isabella.
Der Text handelt von manischen und depressiven Episoden einer fiktiven Autorin, von einem Tagebuch als Medium, um sich aus einer gewaltsamen Beziehung freizuschreiben, von megalomanischen Höhen, extremem Schmerz und dem Wunsch, eine perfektionierte, übermenschliche Version von sich selbst zu werden – ein Kunstwerk.
Musik für den Angel Chair
Weil in dem Manuskript viele Frauenfiguren vorkommen – Obsessionen der Protagonistin und zersplitterte Teile ihres Selbst aus exzessivem Textmaterial – bat ich Frauen aus meinem Umfeld, die mich schon immer fasziniert hatten, den Text mit mir zu inszenieren. Sie sollten improvisieren, aber sie selbst bleiben – in einer fiktionalisierten Variante: ein art girl. (Am engsten arbeitete ich hier mit Sophie Stein zusammen, die ein ganz eigenes dunkles Genie besitzt.)
Ich durchsuchte meine Pinterest-Ordner nach Bildern von Models, die früher an meiner Wand hingen, nach Paris-Motiven, Scans von Texten und Gemälden, die ich mit dem Manuskript in Verbindung brachte – unter anderem Delacroix’ "La liberté guidant le peuple", die "Marianne". Wir richteten im obersten Stockwerk des heruntergekommenen Hauses in der Brunnenstraße eine Art Zimmer ein, und ich las vier Stunden lang aus dem Text, während Menschen hineingingen und wieder hinauskamen.
Dazu spielte ich Musik, die ich geschrieben hatte und an der ich gemeinsam mit Labreylien und Eleni Poulou gearbeitet hatte. Labreylien ist Schlagzeugerin und Sängerin, Eleni Künstlerin, Dichterin und Musikerin, früher Mitglied der britischen Band The Fall. Die Musik war für eine Girlband gedacht, die wir gründen wollten: Angel Chair. Eleni hatte den Namen erfunden.
Warholianisch und modernistisch
Es war erstaunlich, weil ich noch nie auf etwas, das ich gemacht habe, so viel unmittelbares positives Feedback bekommen hatte. Die Leute weinten, schickten mir lange Nachrichten. Bis heute ist das für mich interessant, weil ich – wie die Autorin im Text – keinen wirklichen Bezug zu der Geschichte habe, die erzählt wird. Es ist noch immer, als wäre sie mir nicht passiert.
Der Galerist Bruno Brunnet lud uns ein, die Arbeit später auch für Contemporary Fine Arts in Berlin umzusetzen – diesmal als Neuinszenierung von Delacroix’ "Les Femmes d’Alger dans leur appartement". Er bezeichnete das Ergebnis als warholianisch, als modernistisch. Er verortet es in einer Linie, die sich mit Fragmentierung und Dissoziation, dem Mädchen als psychosexueller Anrufung und mythischer Gabe beschäftigt und von Baudelaire über Manet und Valadon bis zu Colette, Carolee Schneemann, Tracey Emin und Marlene Dumas reicht.
Ich verstehe, was er meint. Aber diese Beschreibung betrifft vor allem den äußeren Effekt dessen, was wir erzeugen. Für uns ist es etwas völlig anderes.
Angel Chair: Mara Aiko, Maria Klein Araya, Olga Cerkasova, Anna Gien (Mitte, mit Sonnenbrille), Sophie Gohla, Maansi Jain, Lija Novruzova, Anja Rudzinski, Sophie Stein