Angelica Blechschmidt bei Grisebach

Das Kleid über dem Po

Erstaunlich zeitlos: Das Berliner Auktionshaus Grisebach zeigt mit "Angelica Blechschmidt – In the Archives" Fotografien der ehemaligen "Vogue"-Chefin aus der Modewelt der 1990er- und 2000er-Jahre

Manche Bilder altern schlecht. Wahrscheinlich deshalb, weil sie heute nicht mehr das Gefühl auslösen, das zur Entstehungszeit intendiert gewesen sein mag – siehe den "Porno-Chic" der 1990er- und 2000er-Jahre, bei dem etwa das Model beim Fotografieren vom Fotografen berührt wurde. Es gibt ein bekanntes Bild von Terry Richardson aus dieser Zeit, auf dem er seinen Daumen in den Mund des Models steckt. Was damals Sexyness und Wirklichkeitsnähe erzeugen sollte, irritiert heute eher.

Doch gibt es auch den umgekehrten Effekt: dass Bilder gut altern. So verhält es sich mit den eher nüchternen Backstage-Fotos von Angelica Blechschmidt, Chefredakteurin der deutschen "Vogue" zwischen 1989 und 2003. Blechschmidts Modemacht war und ist legendär; die hiesige Auflage des berühmten Magazins hatte sie auf knapp 140 000 verdoppelt. Und damals galt der selbstbewusste Claim des Printmediums auch noch, und zwar weltweit: "Before it’s in fashion – it’s in 'Vogue'". 

Vor vier Jahren wurde im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe Blechschmidts eigener Kleidungsstil ausgestellt: "Dressed: 7 Frauen – 200 Jahre Mode". Die Kuratorinnen sprachen damals von Blechschmidts "Mode-Persona", erschaffen mit den kleinen schwarzen Cocktailkleidern, dem großformatigen Schmuck, der Löwenmähne, später grau gesträhnt wie die von Cruella de Vil, der Antagonistin aus "101 Dalmatiner". Dazu stets die silberne Olympus-Kompaktkamera sowie schwarz verpackte Davidoff-Zigaretten – denn die passten farblich perfekt in Blechschmidts schwarze, gesteppte Chanel-Handtasche, wie sie immer wieder betonte.

Denken mit den Augen

Als sie 2018 starb, sagte Christiane Arp, ihre Nachfolgerin bei der "Vogue", Blechschmidt habe den Deutschen erstmals "Glamour" und "Flamboyanz" beigebracht. Und Claudia Schiffer war "für immer dankbar" für Blechschmidts Hilfe bei ihrer internationalen Modelkarriere. "Sie dachte mit den Augen", sagte Jil Sander, die Blechschmidt schon in den 1960ern kennengelernt hatte. Blechschmidt war damals noch als Grafikdesignerin und dann als Artdirektorin tätig, während Sander Moderedakteurin war. Bald entwarf und schneiderte Sander ihr die schwarzen Cocktailkleider, die zu ihrem Signature-Look gehörten. 
 

"Angelica Blechschmidt – In the Archives", Ausstellungsansicht, Auktionshaus Grisebach, Berlin, 2026
Foto: Shirin Esione

"Angelica Blechschmidt – In the Archives", Ausstellungsansicht, Auktionshaus Grisebach, Berlin, 2026


Angelica Blechschmidt, geboren 1941 in Dresden und vor dem Mauerbau mit der Familie in den Westen gegangen, entwickelte schon früh ihren eigenen Blick. Ihre denkenden Augen lernten Stilsicherheit erst vom Vater, der Grafiker war. Dann von der Mode Yves Saint Laurents und Christian Diors, dessen Assistentin sie bereits als Jugendliche werden wollte – vergeblich. Ihr Konfirmationskleid wurde dann immerhin nach einem Dior-Schnitt angefertigt.  Bei der "Für Sie" wurde sie später zur ersten weiblichen Artdirektorin einer deutschen Zeitschrift überhaupt – das schreibt der Journalist und Freund Peter Kempe im "Dressed"-Katalog. Zeitzeugen und Bekannte schwören gleichermaßen, die Modeweltikone selbst bei Minusgraden nie mit Strümpfen und nie ohne High Heels erlebt zu haben. Wolfgang Joop fand ihre Fotos "aufregend". Über ihre Backstage-Bilder, die sie seit den 1990ern in der "Vogue"-Fotokolumne "Flash" veröffentlichte, sagte er: "Damit hat sie ein Zeitzeugnis abgelegt, das aufgearbeitet werden muss."

Auch in der Hamburger Ausstellung hing, um den aus dem Nachlass erworbenen Outfits den richtigen Rahmen zu geben, eine kleine Auswahl ihrer Backstage-Fotografien, als deren Erfinderin Blechschmidt gilt. Sie halfen ihr auch, das Gängelband des New Yorker Mutterunternehmens zu lockern. Denn das übte über die Runway-Fotos von den wichtigsten Shows gerne Macht aus. Die Fotos erschienen immer erst in New York und manchmal erst Wochen später in Deutschland. Mit ihren eigenen Schnappschüssen unterwanderte Blechschmidt dieses Prinzip. 

Besser als Insta

Das Auktionshaus Grisebach zeigt jetzt etwa 300 Bilder aus Blechschmidts Fotoarchiv. Und so viele Follower dem Instagram-Account @archive_angelica_blechschmidt auch zu wünschen sein mögen: Man sollte sich die Fotos unbedingt vor Ort anschauen. Bei Grisebach weiß man seit 40 Jahren, wie man mit ästhetischen Objekten umgeht: Fotos vom jungen Leonardo DiCaprio sind selbstbewusst bescheiden in der Ecke einer Glasvitrine platziert, wo er mit Blechschmidts Riesenklunker spielt; ein Shooting vom Jil-Sander-Runway in Mailand 1996 ist mit feinen Nadeln an die Wand gepinnt, als sei es noch Teil eines Arbeitsprozesses; andere Fotos sind stilvoll und pointiert gerahmt, so eines von Naomi Campbell, backstage bei Gucci, ebenfalls 1996. Mit einer silbernen Olympus vorm Gesicht macht das Model gerade selbst ein Foto. Außerdem kann man ein paar von Blechschmidts eigenen Aufbewahrungsboxen betrachten, im Leopardenmuster. Oder in alten "Vogue"-Ausgaben blättern, was ja immer eine aufregende Zeitreise ist.

Dass dieser Mode- und Kulturschatz schrittweise erschlossen wird – mehr als 180 000 Fotografien neben Archivalien wie Einladungen oder Korrespondenzen – ist auch akademischer Arbeit zu verdanken. Beim Sichten und digitalen Archivieren der tausenden Boxen hilft seit 2023 zusätzlich ein Wissenschaftsteam der Technischen Universität Dortmund, das das soziokulturelle Habitat dieser Mode-Ära erforscht. 
 

Angelica Blechschmidt "Angelica-Blechschmidt at her Hotel in Monte Carlo during Festival of Photography", 1993
Foto: © Archive Angelica Blechschmidt

Angelica Blechschmidt "Angelica-Blechschmidt at her Hotel in Monte Carlo during Festival of Photography", 1993


Blechschmidts Look, ihre Mode-Persona, mag seit den späten 1990ern, mit dem Techno-Hype und dem beginnenden elektronischen Zeitalter, etwas überholt wirken. Doch ihre Fotos bleiben zeitlos. Sie behaupten sich in dieser erfrischenden Ausstellung.

Das mag daran liegen, dass sie den Blick einer Frau zeigen, der zu ihrer Zeit noch nicht gängig gewesen ist. Blechschmidts Olympus knipst gierig und voyeuristisch, so wie das bei ihren berühmten Zeitgenossinnen Nan Goldin, Ellen von Unwerth und Annie Leibovitz eben auch war. Aber lüstern ist ihr Abbilden nicht, obwohl sie ja im Modebusiness hauptsächlich junge schöne Frauen fotografierte. Sexyness ist in ihrem Blick ein schwarzer Dress, eine glimmende Zigarette – und nicht gleich das Versprechen eines Betterlebnisses. Sie zeigt nie den Po unterm Kleid, sondern immer das Kleid überm Po. Selbst ein halber Nippelblitzer von Monica Bellucci im Gespräch mit Leo oder die breitbeinig sitzende Kristen McMenamy nach einer Dior-Show 1995, alles per Beamer groß an die Wand geworfen: Was bei anderen zu einem Balthus-Moment hätte werden können, wirkt bei Blechschmidt nicht entblößend. Eher hübsch. Kollegial. Eben gut gealtert.

Im Grunde ist Blechschmidts Fotografie eine stilsichere, ruhige – eine Cocktailvariante von Juergen Tellers berüchtigtem "Louis XV"-Shoot mit Charlotte Rampling, in dem sich Teller 2004 selbst bis auf den Hintern entblößte. Teller schaffte durch seine grenzenlose Nacktheit, was Blechschmidt mit Eleganz erreichte: den "Porno-Chic" der Jahrtausendwende links liegen zu lassen. Obwohl tief in der Modebranche verwurzelt, entwischte sie so immer mal wieder der grobschlächtigen Mechanik des Sex sells.