Weniger Geld

Angst vor Kulturkampf von rechts in Belgien

 Jan Jambon, Innenminister und Vize-Regierungschef von Belgien, nimmt an einer Sitzung der Kulturkommission im Flämischen Parlament teil
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Fährt seine Partei das Geschütz zu einem Kulturkampf auf? Jan Jambon, Ministerpräsident und Kulturminister Flanderns von der Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA)

Geplante Kulturkürzungen der flämischen rechtsliberalen Regierung sorgen für Unruhe und Proteste - auch aus Deutschland. Die Angst vor einem Kulturkampf von rechts macht sich breit

Ein gelber Streifen, der 60 Prozent der Abbildung verdeckt: Im Internet zirkulieren hunderte Fotos und Bilder, von denen nur noch etwas mehr als ein Drittel zu erkennen ist. Das Gelb steht für die Farbe der neuen, rechtsliberalen und nationalistischen Partei N-VA. Dass die Bilder zu 60 Prozent verdeckt sind, ist auch kein Zufall: Die N-VA will für 2020 Kultursubventionen teils um 60 Prozent kürzen. Proteste werden seitdem laut, auch aus Deutschland. Nicht nur, weil der Rotstift die Kulturbranche in Flandern hart trifft.

"Gehen wir in Richtung offizielle Kunst?", fragt sich seit Bekanntgabe der Kürzungspläne die Kulturwelt besorgt. Wie groß die Angst vor einem Kulturkampf der Rechten ist, zeigen die Reaktionen in Netzwerken, in denen unter #ThisIsOurCulture und #StateOfTheArts täglich neue Tweets gepostet werden wie "Das Publikum hat Recht auf Kunst … Kunst ist für jeden" - Zitate des 1990 verstorbenen amerikanischen Pop Art-Künstlers Keith Haring.

Schon seit rund zehn Jahren wird in Flandern im Kulturbudget der Rotstift angesetzt. Auf Kürzungen war die Branche gefasst. Die Protestwelle ausgelöst hat, dass sie Vielen verdächtig selektiv erscheinen. Denn am heftigsten ist die Projektförderung betroffen, die mit 60 Prozent weniger Geld auskommen muss. Die größten Kulturinstitutionen wie die Flämische Oper kommen mit 3 Prozent davon, alle anderen mit 6 Prozent. Gespart werden soll schon ab Januar 2020.

Fährt die Partei das Geschütz zu einem Kulturkampf auf?

Hinter den Subventionskürzungen steht nicht nur ein defizitärer Haushalt. Eine selektivere Auswahl solle zu einer besseren Unterstützung der übrig gebliebenen Projekte führen, erklärte Jan Jambon, Ministerpräsident und Kulturminister Flanderns von der Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA). Mit ihrem Mitte November vorgestellten Kulturbudget hatte es die nationalistische Partei offensichtlich eilig. Die Regierung unter Ministerpräsident Jambon ist erst seit 2. Oktober 2019 im Amt. Zum ersten Mal wurde das Kulturressort dem Ministerpräsidenten zugeordnet. 

Fährt die Partei das Geschütz zu einem Kulturkampf auf? Eine Frage, die Wissenschaftler und Kulturschaffende beschäftigt. Die Partei habe daraus eine persönliche Angelegenheit mit der Kulturwelt gemacht, glaubt der Soziologe Mark Elchardus. Die Feindseligkeit zwischen der N-VA und dem Kultursektor spiele dabei eine Rolle, sagte der emeritierte Professor im belgischen Fernsehen. 

Für den belgischen Dramaturgen Michael Nijs, der unter anderem am Badischen Staatstheater arbeitete, sind die Kürzungen ebenfalls nicht zufällig. In Zukunft werde unter Mitwirkung des Kulturministers in einen aufzustellenden flämischen Kanon investiert, meinte er. In seinem Beitrag auf dem Theaterportal "nachtkritik.de" schrieb Nijs, dass die Regierung deshalb auch Privatsammler flämischer Meister unterstützen werde.

Alarm auch aus dem europäischen Ausland

Mit Empörung reagierten die renommierte Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und der bekannte Regisseur Ivo Van Hove. Was mit der Projektförderung falsch sei, dass sie so extrem beschnitten werde, fragten sie in einem offenen Brief an den Kulturminister. Beide Künstler hatten ihre internationale Karriere in Flandern gestartet.

Alarm auch aus dem europäischen Ausland. Kuratoren und Intendanten kritisierten in der Presse die Entscheidung. In der belgischen Zeitung "De Standaard" forderten neben Catherine Wood (Tate Modern), Christophe Slagmuylder (Wiener Festwochen) und Olivier Py (Theaterfestival Avignon) auch zahlreiche deutsche Kulturschaffende den Ministerpräsidenten auf umzudenken, unter ihnen die Intendanten René Pollesch (Volksbühne), Matthias Lilienthal (Münchner Kammerspiele) und Stefanie Carp (Ruhrtriennale). Denn das Gespenst des Kulturkampfs von rechts geht seit einiger Zeit auch verstärkt in Deutschland um.

In der linken Tageszeitung "taz" erinnern die deutschsprachigen Dramaturgen Milo Rau, Stefan Bläske und Elisa Liepsch in ihrer Kritik an der neuen flämischen Kulturpolitik deshalb daran, dass Kultur für eine offene Gesellschaft stehe. Unter dem Titel "Kulturkampf der Rechten gegen die Avantgarden" schrieben sie, es gehe um den Erhalt demokratischer Kunst jenseits von Opernhäusern und Kriegsdenkmälern. Und warnen: "Wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen, sind alle anderen Kämpfe um Gleichberechtigung oder Diversität sinnlos."