Anish Kapoor in Wuppertal

Blutbad im Waldfrieden

Der Künstler Tony Cragg stellt in seinem Wuppertaler Skulpturenpark Werke seines Freundes und Kollegen Anish Kapoor aus – ein brachiales Drama in zwei Akten

Immerhin fließt außerhalb der Ausstellungshalle kein Blut. Dafür ist im weitläufigen Areal des Skulpturenparks Waldfrieden ein fleischig roter Kubus mit zwei Öffnungen gelandet, deren Funktion man nicht auf Anhieb erkennen kann. Hat man das gigantische Horn eines Grammophons vor sich? An der Seite eine Vulva, eine aufgerissene Wunde?

Auf dem Wuppertaler Parcours dominiert die Konstruktion aus PVC und Stahl mühelos die Sichtachsen. Nur, wenn man stur weitergeht, entgeht man ihrer Sogwirkung. Lässt man sich verführen, wird man mit einem Spiel aus Farbe, Form und Licht belohnt. Kein Wunder, schließlich stammt sie vom Documenta-Teilnehmer und Turner-Preisträger Anish Kapoor, der die Kunst der kraftstrotzender Skulpturmonster beherrscht wie kaum ein anderer.

Der 1954 in Mumbai geborene und in London und Venedig ansässige Bildhauer hat seine begehbare Plastik von 2015 auf den etwas schwerfälligen Namen "Sectional Body preparing for Monadic Singularity" getauft. Wer die dunkle Höhle betritt, wähnt sich verschluckt im Bauch einer organischen Maschine, die mit ihren Tuben und lichtdurchlässigen Hohlräumen die Verbindung zur Außenwelt aufrechterhält.

Von Versailles nach Wuppertal

Kaum zu glauben, dass es nicht die erste Reise ist, die der tonnenschwere Kubus angetreten hat. Bereits in seinem Entstehungsjahr war er im Garten von Schloss Versailles neben fünf weiteren Werken von Kapoor zu sehen. Während er in der weitläufigen, von Ludwig XIV. angelegten Barock-Anlage beinahe zu klein wirkte, ist ihm in Wuppertal die Aufmerksamkeit gewiss. Und das trotz der Anwesenheit der anderen Skulpturen, die jetzt auf den 15 Hektar Waldfrieden zum Schattendasein verurteilt sind.

Das gilt auch für die organisch anmutenden, meterhohen Wirbel des Hausherren Tony Cragg. Seit 2006 stellt der Brite neben seinen eigenen auch Arbeiten anderer Künstler und Künstlerinnen auf seinem Gelände aus. Mit Kapoor, den er noch vom Studium in London kennt, hat er nach jahrelanger Wartezeit einen veritablen Blockbuster in seinen Kunstparkt gelockt.                  
Spätestens seit "Marsyas" für die Turbinenhalle der Tate Modern, "Cloud Gate" im Millennium Park Chicago oder "Leviathan" im Pariser Grand Palais steht Kapoors Name für die große Geste. Das verwendete Material ist dafür eher unspektakulär: Edelstahl, Wachs, PVC, Silikon, Fiberglas oder Zement. Ein eingespieltes Team aus Spezialisten bringt sie in Form, stets darauf bedacht, dass die Symbiose aus Architektur und Plastik in der richtigen Balance bleibt.

Dramatisches Fortissimo in der Glashalle

Die Erfahrung von Raum, die Kapoor sinnlich ausreizen möchte, impliziert für ihn auch die soziale Sphäre. Auf Polaritäten wie männlich und weiblich, voll und leer, konkav und konvex, glänzend und undurchsichtig, Ordnung und Unordnung trifft man immer wieder. Und er lässt es sich nicht nehmen, zu den politischen Debatten Stellung zu nehmen - ob es um Flucht geht, die Zäsur der Corona-Pandemie oder gerade jetzt den russischen Angriffskrieg.

Deshalb erlebt man in der Ausstellung einen ganz anderen Kapoor. Auch, wenn man um die Bedeutung der Farbe Rot in seinem Werk weiß, die vielen Lesarten des Blutes zwischen Leben, Gewalt und Tod, überrascht die Konsequenz, mit der er fünf seiner neuesten Arbeiten ausgewählt hat. Die im Vergleich dazu dezent verspielte Unruhe der Außenskulptur weicht hier einer beißenden Anklage. Obwohl die aktuellen Bezüge nicht konkret werden, kommt man nicht umhin, angesichts der blutigen Laken, rot bespritzten Auffangbecken, in Wandecken herumliegenden Innereien und verstümmelten Körpern an das Geschehen in der Ukraine zu denken.

Assoziationen zu Hermann Nitschs "Orgien-Mysterien-Theater" bleiben ebenfalls nicht aus. Nur, dass der österreichische Aktionist im echten Tierblut watete, während Kapoor es bei einer Simulation aus Silikon, Wachs und Pigment belässt. Das dramatische Fortissimo verfehlt nicht seine Wirkung: Draußen die Friedfertigkeit der Bäume, drinnen in der transparenten Halle das brutale Wüten eines unsichtbaren Aggressors. Die Stille nach der Schlacht trügt, die Welt ist längst ein Pulverfass.