In der Modewelt ändert sich alles, immer: Kreativdirektoren, Hosenlängen, die Einstellung zu Echtpelz. Trends kommen und gehen, und von einem auf den anderen Tag ist alles ganz anders. Nur eines war immer sicher: Anna Wintour ist die Chefredakteurin der US-amerikanischen "Vogue". Ist und bleibt, auf Lebenszeit, so schien es zumindest.
Es war mehr als ein Job. Anna Wintour galt als eine Institution, ein Kultobjekt. Sie war Vorbild für tyrannische Mode-Diven im Film ("Der Teufel trägt Prada"), ihre Zitate wurden zu Leitsprüchen, es entspinnen sich Mythen und Sagen um die Frau mit dem strengen Bob. Seit stolzen 37 Jahren ist die Britin für das Magazin tätig. Im heutigen Arbeitsklima unfassbar, gerade in der Fashion-Branche. Der Job aller Jobs des Modejournalismus, wenn man so will.
Die akkurate Frisur mit Pony und die schwarze Sonnenbrille – sie versteckten und entblößten die Trägerin gleichermaßen. Und jetzt soll dieser so bekannte und gleichzeitig furchterregende Anblick während der Modewochen dieser Welt ausbleiben? Vielleicht.
Alle erstatten der Königin Bericht
Die inzwischen 75-Jährige teilte gestern in einer Teambesprechung mit, dass sie als Chefredakteurin der US-"Vogue" zurücktritt. Sie wird jedoch weiterhin als Chief Content Officer des Verlags Condé Nast und als globale Redaktionsdirektorin der "Vogue" tätig sein. Bezüglich einer Nachfolge für ihre Stelle in der US-Ausgabe kündigte Wintour eine neue Position an: Head of Editorial Content.
Diese Umstrukturierung solle sie von den täglichen redaktionellen Aufgaben entlasten, damit sie sich intensiver den internationalen Märkten der "Vogue" widmen könne. Der Head of Editorial Content ist bei den unterschiedlichen Ausgaben der Zeitschrift der höchste Job und wurde vor wenigen Jahren geschaffen, als alle internationalen Chefredakteure ihre Schreibtische räumen mussten.
Chioma Nnadi etwa besetzt diesen neuen Posten bei der UK-"Vogue", Francesca Ragazzi bei "Vogue Italia", Inés Lorenzo bei der spanischen und Kerstin Weng bei der deutschen Version. Aber ja, richtig verstanden, über all diesen Führungskräften, und auch über dem künftigen US-Redaktions-Kopf, thront weiterhin: Anna Wintour. Sie alle erstatten ihrer Königin Bericht, Wintour ist quasi die Chefredakteurin aller von Condé Nast publizierten Magazine – mit Ausnahme des "New Yorker".
Zu Hause in verschiedenen "Vogue"-Welten
"Ich finde inzwischen am meisten Freude daran, der nächsten Generation leidenschaftlicher Redakteurinnen und Redakteure dabei zu helfen, das Feld mit ihren eigenen Ideen zu erobern – unterstützt von einer neuen, spannenden Vorstellung davon, was ein großes Medienunternehmen heute sein kann. Und genau so eine Person suchen wir jetzt als Head of Editorial Content für die US-'Vogue'", erklärte die Legende Wintour. Sie fügte jedoch auch hinzu, dass die meisten ihrer Aufgaben gleich bleiben werden.
"Dazu gehört, ein sehr genaues Auge auf die Modebranche und auf die kreative kulturelle Kraft zu haben, die unser außergewöhnlicher Met Ball darstellt, sowie die künftige Ausrichtung der verschiedenen 'Vogue'-Welten mitzugestalten – und all die weiteren mutigen, originellen Ideen, die uns vielleicht noch einfallen. Und es versteht sich von selbst, dass ich für alle Zeiten 'Vogues' Redakteurin für Tennis und Theater bleiben möchte." Klingt ein bisschen so wie ein Vater, der in den Ruhestand geht, um Platz für seinen Sohn zu machen – und sich dann in jede Entscheidung einmischt, die nicht von ihm abgesegnet wurde. Möchte man der neue Head of Editorial Content sein? Vielleicht eher nicht.
Es wird oft von großen Fußstapfen und Relevanz in der Mode gesprochen. Von Menschen, die sie geprägt haben "wie niemand sonst". Bei Anna Wintour ist das, trotz aller Problematik eines autoritären Führungsstils, wirklich der Fall.
Eine Chefin, die Unmögliches verlangt
Sie gilt weithin als die einflussreichste Persönlichkeit der Modewelt. Seit 1988 war sie bei der US-"Vogue" angestellt, davor zwei Jahre lang bei der britischen Ausgabe. Sie hat Models auf dem glänzenden Cover gegen Prominente ausgetauscht, Modestrecken auf der Straße statt im Studio geschossen und den Einfluss des Riesen-Verlags genutzt, um mit dem CFDA/Vogue Fashion Fund junge amerikanische Designer zu fördern.
Die Met-Gala im New Yorker Metropolitan Museum wurde unter ihrer Leitung von einer kleinen Benefizveranstaltung zu einem Mega-Event mit dem spektakulärsten roten Teppich des Jahres. Ihr Einfluss reicht schon lange weit über die Modewelt hinaus. Die Autorin Amy Odell dokumentierte in ihrem Buch "Anna: The Biography" (2022), dass sich VIPs wie Schauspieler und Regisseur Bradley Cooper oder Sportlerinnen wie Serena Williams in entscheidenden Momenten ihrer Karriere auf Wintours Rat und Einschätzung verlassen.
Als machthungriger Kontrollfreak wird die Redakteurin oft gehandelt. Nicht zuletzt durch Filme wie "Der Teufel trägt Prada" (2006), in dem Meryl Streep sie ikonisch als fiese Chefin porträtierte. Eine Figur, die täglich Unmögliches von ihren Assistentinnen verlangt, deren Namen sie noch nicht einmal kennt.
Jeden Putschversuch überstand sie unbeschadet
In der Dokumentation "The September Issue" (2009) folgt man dagegen der echten Wintour, wie sie mit kompromissloser Autorität und präzisem Blick die Gestaltung der wichtigsten "Vogue"-Ausgabe des Jahres dirigiert. Wer im Heft erscheint – insbesondere in der September-Ausgabe –, gilt als relevant.
Durch ihre strategischen Entscheidungen verschiebt sie immer wieder die Grenzen zwischen High Fashion und Popkultur, Luxus und Mainstream. Der Film zeigt außerdem, wie sie redaktionelle Freiheit mit kommerzieller Strategie vereint: Ihr Blick gilt nicht nur der künstlerischen Qualität, sondern auch der Wirkung auf Anzeigenkunden. Die "Vogue" ersteht in erster Linie durch ihre Hand. Und andere erfinderische Geister in der Redaktion, in dem Film etwa "Vogue"-Kreativdirektorin Grace Coddington, bekommen dies an jeder Stelle zu spüren.
Alle Putschversuche und Skandale konnte Anna Wintour bisher quasi unbeschadet hinter sich lassen. Sie schafft es, ein traditionelles Magazin am Leben zu halten – ihre Meinung übertrumpfte bisher jeden Rassismus-Vorwurf. Selbst in den vergangenen Jahren, in denen die Medienbranche immer weiter in eine Krise rutschte und Werbegelder eher an soziale Netzwerke gingen als an Printmagazine, hielt Wintour die Stellung.
"Wir brauchen jemanden, der hier überleben kann"
Nach der Ermordung von George Floyd im Jahr 2020 und den darauf folgenden "Black Lives Matter"-Massenprotesten räumte Wintour ein, dass "'Vogue' nicht genug Wege gefunden hat, um Schwarzen Redakteurinnen, Autoren, Fotografinnen, Designern und anderen Kreativen Sichtbarkeit und Raum zu geben." Ein Vorwurf, den sie gleichzeitig so lange wie möglich ausgeblendet hatte.
Anna Wintour, ein Phänomen. Durch diesen Rücktritt wird sich vermutlich ihr globaler Einfluss noch erweitern. Und niemand gibt gern Macht ab, wenn er nicht muss. Als Nachfolger stehen einige Head of Editorial Contents zur Wahl, und auch der Name Edward Enninful, einst Chefredakteur der britischen "Vogue", kursiert. Um bei dem Prada tragenden Teufel zu bleiben: "Wir brauchen jemanden, der hier überleben kann." Mal sehen, wer es mit einer über die Schulter schauenden Anna aufnimmt.