Anne Truitt, die einen Abschluss in Psychologie hatte, führte ihr Leben lang Tagebücher. Darin hielt sie fest, wie es ist, eine Scheidung zu überstehen, als Künstlerin eine Familie zu ernähren oder sich Sorgen zu machen, wie sie sich inszenieren soll.
1965, als sie mit ihren drei Kindern und ihrem Ehemann in Japan lebte, wo er für das Magazin "Newsweek" berichtete, schrieb sie: "Was mir wichtig ist, ist nicht die geometrische Form an sich oder die Farbe an sich, sondern die Beziehung zwischen Form und Farbe, die sich für mich wie meine eigene Erfahrung anfühlt. Das, was sich für mich wie Realität anfühlt, soll Wirklichkeit werden."
Das bedeutete für sie vor allem, die Farbnuancen von Ad Reinhardt und die monochromen Felder von Barnett Newman dreidimensional weiterzudenken. Ihre hybriden Formen in verschiedenen, meist viereckigen Größen, die sie seit 1961 schuf und die weder Skulptur noch Malerei sind, hoben sich von allem ab.
Truitt blieb zudem die Einzige, die konsequent als Atelierkünstlerin arbeitete. Während Donald Judd oder Carl Andre das Atelier aufgaben und auf industrielle Fertigung setzten, bemalte sie ihre Holzskulpturen von Hand, indem sie Acrylfarbe in mehreren Schichten auftrug und wieder mit Sandpapier abschliff, um schraffierte Muster zu erzeugen. Statt neutraler Töne wählte sie außerdem eine expressive Farbpalette, die von Rot- und Schwarztönen bis hin zu hellen Gelb- und Lavendeltönen reichte, die sie in den Titeln mit persönlichen Erlebnissen verknüpfte.
Truitt konnte mit dem dem Label "Minimalistin" nichts anfangen
Kunstkritiker Clement Greenberg schrieb einst über Truitt: "Wenn es eine Künstlerin gab, die die Minimal Art begründete oder vorwegnahm, dann war sie es." Diese Einordnung haftete ihr seit 1968 an, als er sie in einem Artikel für die "Vogue" erwähnte. "Ich denke", sagte sie Jahrzehnte später, "um 1963 herum haben die Künstler, die sich dem Minimalismus zuwandten, zwar den Stil meiner Arbeiten übernommen, aber deren Kern verfehlt – nämlich das feine Gleichgewicht zwischen der Strenge der Form und der Intensität der Emotion in der Farbe." Deshalb konnte sie mit dem Label "Minimalistin" auch nichts anfangen.
Eingebettet in eine strenge Ausstellungsarchitektur im Parterre versammelt die Kunstsammlung NRW im K20 rund 120 Werke der US-Amerikanerin, die 2004 gestorben ist. Es ist europaweit die erste Retrospektive, die anschließend in Madrid und Grenoble zu sehen sein wird. Wenn man die schlanken Stelen, die auf unsichtbaren Füßen montiert sind, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, bemerkt man das einfallende Licht und die Leichtigkeit, die aus diesem Zusammenspiel erwächst.
Ausstellungsansicht "Anne Truitt. Pionierin der Minimal Art", Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2026
Von diesem Effekt sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen. Hinter der geometrischen Weltentrücktheit verbergen sich mitunter handfeste Dramen. Etwa in der schwarzen Arbeit "Hardcastle", die sich auf eine Erinnerung aus der Kindheit bezieht: Ein betrunkener Mann war mit seinem Auto auf Bahngleisen liegen geblieben und wurde vom Zug tödlich erfasst. Mit den an den Rändern ausgefransten schwarzen Leinwänden hinter Glas aus ihrer letzten Serie "Pith" reagierte Truitt kurz vor ihrem Tod auf den 11. September 2001 und die eingestürzten Türme des World Trade Center. Verblüffend sind auch die in Japan entstandenen "Chromatics", Acryl-Farbflächen auf Papier, bei deren Anblick man an Mark Rothko denken muss.
Truitt ist in Deutschland weniger bekannt als ihre berühmten Minimal-Kollegen. "Sie holte die Bilder von den Wänden, platzierte sie im Raum. Ihr gebührt ein Platz in der Kunstgeschichte", sagt Kuratorin Vivien Trommer. Dem kann man sich nur anschließen, wenn man vor der blauen Bodenarbeit "Remembered Sea" von 1974 steht, in die Gezeiten des Meeres eintaucht und die persönlichen Bezüge aus Truitts Leben gar nicht kennen muss, um auf die eigenen Erinnerungen zu stoßen.
Ihre künstlerische Suche fasste Truitt überraschend poetisch zusammen: "Ich lebte in einer Welt aus Licht, Farbe und Form, die ich nicht sehen, sondern nur intuitiv erfassen konnte. Ich musste meine inneren Sinne nutzen, um zu sehen – um zu fühlen, wie groß etwas war, wie schwer es war und wo es sich befand, weil ich es nicht sehen konnte. Ich konnte die Details nicht erkennen. Ich konnte die Linien nicht sehen. Ich sah Proportionen und Farben, ich konnte Details erkennen, wenn ich nah heranging – und ich ging allem nah heran! Ich hockte mich hin und ging ganz nah heran, um zu sehen."