Fotobuch "Women" von Annie Leibovitz

Entrückt, nah, ikonisch und zeitlos

Bereits 1999 erschien der Bildband "Women" der US-Fotografin Annie Leibovitz. Nun gibt sie das Werk als erweiterte Version noch einmal heraus – und erlaubt auch einen neuen Blick auf Ikonen unserer Social-Media-Gegenwart

Manchmal kann man sie noch in Antiquariaten entdecken, in San Francisco oder Amsterdam: alte Ausgaben des amerikanischen "Rolling Stone" mit Coverbildern und Fotostrecken von Annie Leibovitz. Diese fragilen, vier oder gar fünf Jahrzehnte alten Hefte, gedruckt auf billigem Zeitungspapier, machen dann beim Durchblättern klar, wie die heute 76-Jährige angefangen hat. Denn ihre ersten Aufträge bekam sie von der legendären Musikzeitschrift, die in den 1970er-Jahren mehr und mehr politische Beiträge veröffentlichte, etwa zu Protesten gegen den Vietnamkrieg. 

Hier schlug die Stunde der jungen Fotografin, die Kollegen wie Robert Frank oder Henri Cartier-Bresson schätzte – beides Vertreter einer spontanen Arbeitsweise, die dem persönlichen Blickwinkel und dem besonderen Moment verpflichtet ist. Weltberühmt machten Leibovitz ihre Porträts bekannter Männer: Aufnahmen der Musiker Bob Dylan, Pete Townshend oder Bruce Springsteen etwa - und natürlich John Lennon, den sie nur wenige Stunden vor seinem Tod in New York ablichtete.

Als sie später Politiker porträtierte, Soldatinnen, Sportlerinnen und Künstler, verwandelte Leibovitz sie in gewisser Weise alle in Rockstars: Manche ihrer Bilder erscheinen in europäischen Augen sehr amerikanisch, sehr "magazinig", sehr inszeniert. Diesen Eindruck kann eine bestimmte Farbstimmung hervorrufen, die sie durch einen Filter erzeugt. Oder ungewöhnliche Perspektiven und dramatische Wolkenformationen, die sie kompositorisch nutzt.

Subtile Bezüge zur Kunst

Ein Porträt von Annie Leibovitz erkennt man oft am Willen, etwas Besonderes zu schaffen und die Porträtierten gut und überraschend aussehen zu lassen. Doch darf man nicht vergessen, dass sie bei vielen ihrer Auftragsarbeiten nach Briefings arbeitet. Ihre Fotos sollen eben auch Hefte verkaufen. 

Ohne solche bestellten Shootings wäre aber sicher nie eine solche Fülle von Bildern entstanden. 1999 bündelte Leibovitz eine Auswahl davon auf Anraten ihrer Lebensgefährtin Susan Sontag mit dem Fokus auf Frauenporträts und brachte sie in Buchform heraus. Natürlich war das ein selbstbewusstes, feministisches Statement – zeigt der Bildband doch viele Facetten von Weiblichkeit, Stärke und Verletzlichkeit. 

Hier lernt man auch eine andere, weniger plakative Annie Leibovitz kennen, beginnend mit dem völlig ungekünstelten Schwarz-Weiß-Bild ihrer Mutter. An anderer Stelle zeigt sie in Großaufnahme die Gesichter von Frauen, die von Männern geschlagen und verletzt wurden. Sie dokumentiert die Falten der Künstlerin Louise Bourgeois und lichtet in einem ihrer beeindruckendsten Porträts die kanadisch-US-amerikanische Malerin Agnes Martin ab. Diese sitzt, fast wie eine Insassin, auf einem Bett in einem gänzlich schmucklosen Raum. Und doch schafft es Leibovitz, über die Lichtstimmung, die Schlitze einer Klimaanlage und die Lamellen einer Jalousie, subtile Bezüge zu den konstruktiven Arbeiten Martins herzustellen.

Bekannt, aber doch neu gesehen

Hinten im Buch gibt es zu den dargestellten Frauen jeweils eine Kurzbiografie – allerdings wurden diese Texte für die Neuausgabe nicht überarbeitet und aktualisiert, sodass hier längst Verstorbene wie Agnes Martin (1912-2004), noch sehr lebendig sind. Was indes nichts von seiner Aktualität verloren hat, ist der Essay von Susan Sontag, die ja ohnehin für ihre klugen Gedanken zur Fotografie bekannt ist. 

Den neuen, zweiten Band im Schuber ergänzen zwei Textbeiträge der Autorinnen Gloria Steinem und Chimamanda Ngozi Adichie, die so politisch wie persönlich gehalten sind und mit heutigem Blick das Themenspektrum Feminismus und Fotografie reflektieren. 

Dass die Bilder in diesem zweiten Band nicht schon über ein Vierteljahrhundert alt sind, sondern neueren Datums, sieht man auch den Porträtierten an. Das heutige Aussehen von Greta Thunberg und Billie Eilish, Taylor Swift oder Rihanna ist uns ja aus den klassischen und den sozialen Medien bestens vertraut – nur sieht man sie selten so entrückt, nah, ikonisch und zeitlos dargestellt wie hier.

Joan Baez hätte nun wirklich nicht in einem Baum sitzen müssen

Je schlichter die Fotografien, je weniger Requisiten und "Bildideen" zur Anwendung kommen, desto stärker sind die Arbeiten. Die Folksängerin und Bürgerrechtlerin Joan Baez beispielsweise hätte nun wirklich nicht unbedingt in das Geäst eines Baumes klettern müssen – das kann man nach Wolfgang Tillmans‘ berühmter Aufnahme praktisch nicht mehr machen. Und sie hätte wahrlich auch keine Gitarre dort oben gebraucht, um sie als Musikerin zu kennzeichnen. Schließlich ist Baez auch jenseits ihrer Kompositionen eine geschichtliche Persönlichkeit ersten Ranges. 

Aber dass sich bei den hier versammelten 250 Porträts auch ein paar schwächere finden, ist gar nicht zu verhindern. Das schmälert in keiner Weise das imposante und berührende Projekt "Women" – und auch ganz sicher nicht das Gesamtwerk einer der großen Fotografinnen unserer Zeit.