Matières Fécales' Statementmode

Anti-Elitismus auf dem Laufsteg

Perlen werden zu Knebeln, blutige Handschuhe zu Symbolen: Matières Fécales üben sich in Elitenkritik und inszenieren auf der Pariser Modewoche die grotesken Seiten von Macht und Reichtum

Das abgedunkelte Palais Brongniart, der ehemalige Sitz der Pariser Börse, wurde am Dienstag zur Bühne der High Society: Die "Damen" tragen Entwürfe mit engen Taillen und weiten, knielangen Röcken als Hommage an Diors "New Look". Ein weißer Tweed-Zweiteiler mit zerrissenem Saum persifliert ein Chanel-Kostüm. Männermodels in grauen Anzügen erinnern an Banker und Unternehmer, dazwischen werden T-Shirts und Hoodies mit "I love Power"-Print getragen. Doch die Augen der Models bleiben hinter goldfarbenen Masken in Form von Dollarscheinen verborgen. Geblendet vom Geld verkörpern sie die Archetypen gesellschaftlichen Wohlstands.

Weiße Handschuhe mit roten Handflächen imitieren das Blut an den Händen einer gierigen Elite. Perlenketten werden zu Knebeln und Fesseln. Durch Schminke und Gesichtsprothesen erhalten die Models missratene Facelifts, grotesk aufgequollene Lippen und übervoluminöse Wangenknochen, als hätten sie sich extremen Schönheitsoperationen unterzogen.

Matières Fécales, elegante Linien, blutige Handflächen und überzogene Facelifts, Paris Fashion Week, 2026
Courtesy Matières Fécales

Elegante Linien und übertriebene Facelifts

"One Percent" heißt die Show in Anspielung auf das Superreiche. In drei Akten spielen Matières Fécales mit den spätkapitalistischen Auswüchsen von Reichtum, Macht und Privilegien. Hinter dem Label, das erst 2025 sein Pariser Debüt feierte, stehen Hannah Rose Dalton und Steven Raj Bhaskaran, besser bekannt als transhumanistisches Kunstduo Fecal Matter. Dass Macht in ihrer aktuellen Kollektion eine so zentrale Rolle spielt, hat viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun.

Kennengelernt haben sich Dalton und Bhaskaran vor über zehn Jahren im Modestudium in Montréal. Sie stammt aus einem privilegierten Elternhaus und verbringt viele Jahre auf einem strengen Mädcheninternat. Bhaskaran, aus Guyana stammend, wächst im völligen Kontrast zu Dalton in Cartierville auf, einem der ärmsten Stadtteile Montréals. Dalton ist zunächst irritiert von Bhaskaran – queer, nicht-binär, kreativ und ganz anders als sie. Doch schnell entdecken sie Gemeinsamkeiten, etwa eine Abneigung gegenüber der Modebranche. Für Dalton sind es die schlechten Arbeitsbedingungen, die sie früh dazu bringen, nur noch selbstgenähte Kleidung zu tragen. Für Bhaskaran sind es der Rassismus und ausgrenzende Schönheitsideale.

Beide wollen sich von den Ansprüchen und Limitationen der heteronormativen Gesellschaft befreien, mit der sie sich nicht identifizieren können.

Gegenbild bourgeoiser Eleganz

2014 erschafft das Paar sein gemeinsames Kunstprojekt Fecal Matter: Sie rasieren sich Haare und Augenbrauen ab, schminken ihre Gesichter in einer der Rockband "Kiss" nicht unähnlichen Schwarz-Weiß-Optik. Sie experimentieren mit Prothesen, Bodymodifikationen und transhumanistischen Looks. Durch ihre extreme Körperästhetik werden Fecal Matter schnell zu einem Internetphänomen. Erste eigene Entwürfe gehen viral, darunter ihr "Skin Boot", ein oberschenkelhoher Silikonstiefel, der wie ein menschlicher Fuß mit hornförmigem Absatz aussieht.

Einfach hat es das Künstlerpaar nicht. Während es mit seinem "Alien-Glamour" von Modemagazinen zu Trendsettern erkoren wird, als erfolgreiches DJ-Duo auftritt und mit Rick Owens oder Balenciaga zusammenarbeitet, erreichen sie Hassnachrichten und Morddrohungen von Menschen, die ihr radikales Aussehen verteufeln. Bhaskaran wird auf der Straße angegriffen. Halt geben sie sich selbst: "Wir haben uns gegenseitig ermutigt, zu dem zu werden, was wir im Innersten sind. Das war der größte Segen, den wir einander gemacht haben", erklären sie in einem Interview. Eine wachsende Gemeinschaft Gleichgesinnter trägt sie: Über eine Dreiviertelmillion Menschen folgen ihnen inzwischen auf Instagram.

Diese Gemeinschaft wird im zweiten Akt von "One Percent" sichtbar. Freunde und Familienmitglieder betreten den Laufsteg. Im Kreis stehend in dunklen Hoodies mit "Cult"-Aufdruck und zerrissenen Strümpfen bekleidet, werden sie zum Gegenbild der bourgeoisen Eleganz und zum stillen Akt des Widerstands. Ein Symbol für jene, die sich in diesen "sehr beunruhigend konservativen Zeiten oft machtlos fühlen", wie es in den Shownotes heißt.

Matières Fécales, Hoodie mit Aufdruck "Cult" aus dem zweiten Teil der Show, Paris Fashion Week, 2026
Courtesy Matières Fécales

Hoodie mit Aufdruck "Cult" aus dem zweiten Teil der Show

Mit einem Gefühl von Machtlosigkeit endet schließlich der dritte Akt der Show, der sich mit dem befasst, was selbst den Superreichen (noch) verwehrt bleibt: die Unsterblichkeit. Bryan Johnson läuft als Teil dieses einen Prozents über den Laufsteg, das Zugang zu Möglichkeiten hat, die den Allermeisten verwehrt bleiben.
 

Matières Fécales, Biohacker Bryan Johnson läuft auf dem Runway, Paris Fashion Week, 2026
Courtesy Matières Fécales

Biohacker Bryan Johnson auf dem Runway

Als Kontrast folgt die Pariser Künstlerin Michèle Lamy, 82, die mit ihren schwarzgefärbten Fingerspitzen und avantgardistischen Outfits ebenso wenig in normative Schönheitsbilder passt wie Fecal Matter selbst und dem Jugendwahn trotzt, für den andere viel Geld ausgeben.

Matières Fécales, die Pariserin Michèle Lamy auf dem Runway, Paris Fashion Week, 2026
Courtesy Matières Fécales

Michèle Lamy

Kennt man die Geschichte des Künstlerduos, lässt sich die Show neben ihrer Kritik an Macht und Elite auch als Statement lesen: ein Plädoyer dafür, für sich selbst einzustehen, gegen alle Hürden.