Fotobuch "Lost Things Found"

Der Markt der verlorenen Träume

Der Markt von Eleonas in Athen ist ein Ort, an dem man nichts suchen, aber alles finden kann. Der Fotograf Antonis Theodoridis arbeitet in seinem Bildband "Lost Things Found" die skurrile Schönheit der zufälligen Dinge heraus

Die grelle Athener Mittagssonne knallt geradezu in den Nacken beim Durchblättern der Seiten von "Lost Things Found". Schlagschatten umranden den mal geordneter, mal chaotischer dargebotenen Krimskrams auf Beton, Staub und Planen. In Athen sage man, dass alles, was man je verloren hat, irgendwann auf dem Markt von Eleonas auftauche. So beschreibt es der Künstler Antonis Theodoridis, der seit Jahren sonntags über jene wuselige Institution am Rand von Athen schlendert. 

Mit einem einfachen Handy ausgestattet, schießt er im Vorbeigehen Bilder, die nun als Buch erschienen sind. Der räumliche Kontext ist aus ihnen selten abzulesen. Man schaut mit Antonis vorgebeugt direkt auf den Boden. Manchmal ist es schwer zu unterscheiden, was Flohmarkt ist, und was einfach nur Müll. Wobei etwas erst dann zu Müll wird, wenn es niemand mehr braucht oder will. Auf dem Markt bleibt jeder noch so skurrile Gegenstand im Limbo. Es ist wie im Casino: Einfach immer weitermachen, bis man Glück hat.  

Die Art des Fotografierens ist bei Antonis so beiläufig wie die Motive selbst. Seine Silhouette - oft nur Arm und Handy - ist manchmal so dominant, dass die Leserin ihn am liebsten bitten will, zur Seite zu gehen, um das Angebot besser studieren zu können. Die Arrangements verraten nicht nur allgemein etwas über Massenkonsum - denn ja, we live in a society -, sondern auch darüber, was Menschen individuell so horten. 

Mitten unter Barbie, Stalin, und Jesus 

Was es nicht alles gibt in Eleonas: Einen Sack voller Stempel, originalverpackte Haarfarbe, Brustprothesen, Gipsbüsten von Maria und Stalin, Kinderspielzeug, Schnorchel, Festnetztelefone, selbstgemachte Limo und Liköre, Auto-Tattoos, Fußmodelle für den Schuhhandel, persönliche Fotoalben, gruselig echt aussehende Armprothesen. 

Vom Kiosk-Restbestand bis hin zu Großmutters Hochzeitssilber ist alles zu finden. Manche versuchen, Ordnungssysteme zu etablieren, sortieren ihr Angebot nach Geschirr, Elektronik und Kleidung. Bei anderen scheint alles so dazuliegen, wie es ausgekippt wurde. 

Das Repertoire der Dinge hat sich seit Jahrzehnten wohl kaum verändert. Was für den einen Ramsch ist, ist für jemand anderen vintage. Ist der braune Behälter neben Papp-Jesus, Fahrradlichtern und Bügeleisen eine Thermoskanne, oder sind wir hier schon beim begehrten Trinkgefäß Stanley Cup? Wann landet wohl der erste Labubu-Anhänger in Eleonas?

Kuratiertes Chaos 

Den zweiten Blick sind nicht nur die Gegenstände selbst, sondern auch ihre Kombinationen wert. Farbtheorie-Fans dürfen sich beim Anblick dieser unabsichtlichen (oder etwa doch bewusst von Händler und Händlerin gewählten?) Kombinationen freudig die Hände reiben: Eine von Tennisbällen umzingelte rote Ikone, purpurner flauschiger Stoff mit goldenen Gegenständen drauf, ein Foto-bedrucktes Kissen mit roten Lippen verschwimmt hinter einer transparenten blauen Plastiktüte. 

Das künstlerische Interesse an Chaos ist gerade Zeitgeist. Es ist eine Abwendung vom aufwendig Kuratierten und lange Durchdachten. Spuren und Nachklang gehen über offensichtliche Anwesenheit im Jetzt. 

Auf Social Media wird das get-together zunehmend so inszeniert: Statt des Gruppenselfies mit dem gerade servierten Essen ist es nun der zerwühlte Tisch nach dem Treffen. So sind auch die von Antonis Theodoridis fotografierten Dinge Spuren und Erinnerungen vieler Leben. Diese Objekte waren vielleicht wichtige Überbleibsel von Erlebnissen, vielleicht aber schon immer nur Zeug im Hintergrund. Intime Souvenirs wie Hochzeitsfotos werden zu abstrakten Bildern. Sie unterscheiden sich kaum noch von Platzhaltern, die darauf warten, ersetzt zu werden. 

Der Zufall als Künstler

Der eine oder andere charmante Moment entsteht durch Theodoridis' Rahmung: Im richtigen Augenblick fotografiert, spiegelt ein heller Kinderkopf die flauschigen Küken vor ihm. Eine Person im Sternenpulli wird zum Nachthimmel eines falsch herum gedrehten New-York-Bildes. 

Und dann kommt es immer wieder zu künstlerischen Momenten in scheinbar absichtslosen Konstellationen. Das Werbefoto einer jungen Frau mit Septum-Piercing wirkt so hypnotisierend wie antike Grabporträts. Da liegt eine Metallwolke im Nichts, wie ein absurder Witz, der einem erst beim Aussprechen bewusst wird. 

Durch die bedruckten Planen und gemusterte Decken ergeben sich lose Collagen. Abgerissenes und Verbleichtes, Wahlposter und Coca-Cola-Reklame treffen zusammen wie in den Plakatwänden des 60er-Jahre-Affichismus. Da ist ein Hauch von Revolution in den nebeneinanderliegenden Waffen und Kameras. Stilisierte Werbebilder kollidieren mit simpleren Realitäten. Strände und blauer Himmel begrenzen sich auf zertrampelten Unterlagen und staubigen Puzzles. Träume sind in Eleonas ebenso verkäuflich wie alles andere. Vielleicht ist der Künstler hier nicht der Fotograf, sondern der Zufall.