APOC-Mitgründerin Ying Suen

"Retail muss heute menschlicher sein"

Der Luxus-Multi-Brand-Retail steckt in der Krise. Ying Suen erklärt, warum sie mit APOC auf Kuration, kulturelle Relevanz und physische Räume setzt – und weshalb unabhängige Designer gerade jetzt im Vorteil sind

Der kanadische Onlinehändler Ssense galt lange als Vorzeigemodell für digitalen Luxus-Multi-Brand-Retail: kuratiertes Sortiment, internationale Reichweite, eine junge, trendaffine Zielgruppe. Umso aufschlussreicher ist es, dass ausgerechnet dieses Unternehmen zuletzt Insolvenzschutz beantragte. Einst mit über vier Milliarden Dollar bewertet, geriet Ssense unter Druck, als große Luxuslabels ihre Wholesale-Partnerschaften zurückfuhren und Margen einbrachen. Der Fall zeigt, wie abhängig selbst erfolgreiche Plattformen von den Strategiewechseln der großen Modehäuser geblieben sind.

Ssense ist dabei kein Einzelfall, sondern Symptom eines strukturellen Wandels, der den Luxus-Multi-Brand-Retail insgesamt erschüttert. Große Marken reduzieren ihre Präsenz im Wholesale, setzen verstärkt auf Direktvertrieb und ziehen sich zunehmend aus Drittanbieterplattformen zurück. Für viele Händler bedeutet das wachsende Schulden, Insolvenzen und Filialschließungen.

Der Kollaps von Barneys New York im Jahr 2019 markierte ein frühes Warnsignal. Es folgten weitere Einschnitte: 2023 stellte MatchesFashion den Betrieb ein, Farfetch entging nur knapp der Insolvenz und wurde nach der Übernahme durch Coupang faktisch in ein Graumarkt-Modell überführt. Anfang vergangenen Jahres musste zudem Saks Fifth Avenue seine 2,2 Milliarden Dollar schwere Anleihe refinanzieren, nachdem Zahlungen an Markenpartner ausgeblieben waren.

Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine gegenläufige Entwicklung. Die Nachfrage nach kuratierten Multi-Brand-Erlebnissen bleibt bestehen – insbesondere im unabhängigen Segment. Laut der Wholesale-Plattform Joor entfielen 2024 bereits 59 Prozent des Transaktionsvolumens auf unabhängige Boutiquen. In diesem Spannungsfeld positioniert sich APOC als Alternative. Mit einem physischen Store in London, der zuletzt um einen Galerieraum erweitert wurde, denkt die Plattform Retail neu: als kulturelles Ökosystem für unabhängige Designer, Austausch und Experiment.

Ying Suen, die Mode-Retail-Landschaft verändert sich rasant, viele traditionelle Händler haben Schwierigkeiten, sich zu behaupten. Welche Faktoren sind für den zukünftigen Erfolg von Mode-Retail entscheidend?

Für mich darf Retail nicht primär transaktionsorientiert sein. Lange Zeit war das so, und genau deshalb erleben wir aktuell diesen Wandel. Da heutzutage online alles so leicht zugänglich ist, kann es nicht mehr nur um das Produkt gehen. Menschen brauchen einen Grund zu kaufen – und überhaupt zu kommen, gerade was den stationären Handel betrifft. Erfolg entsteht durch den Aufbau von Vertrauen und kultureller Relevanz: zu wissen, wer wir sind, warum es uns gibt und für wen wir existieren. Alles, was wir tun, leitet sich davon ab – das bedeutet eine klare Identität, starke Kuration und Konsistenz. Retail muss sich heute menschlicher anfühlen als je zuvor: emotional und nicht nur effizient.

Marken wie Gentle Monster definieren Retail neu, indem sie Stores zu einem Erlebnis machen und nicht nur zu einem Ort des Kaufens. Wie sehen Sie die Weiterentwicklung dieses Trends?

Es ist toll, dass Sie Gentle Monster als Referenz nennen, denn mit deren Konzept arbeiten wir selbst auch oft. Bei Gentle Monster ist Unterhaltung nur eine Ebene: die Stores sind Welten, in die man eintaucht. Es geht um Immersion. Sie erschaffen ein ganzes Universum, das man erleben kann. Seit Jahren, besonders seit der durch Covid beschleunigten Retail-Apokalypse, wird darüber gesprochen, dass physische Läden nur noch als Showrooms fungieren, also Orte sind, an denen die Kunden Produkte erleben und kennenlernen, die sie dann später online kaufen. Und das Ganze wurde durch das stetige Wachstum des Online-Luxusmarkts noch verstärkt. Auch wenn das schon lange Teil des Diskurses ist, stehen wir damit eigentlich erst am Anfang. Sobald diese Hürde überwunden ist, wird sich dieses Modell noch sehr viel weiterentwickeln.

Was hat Sie dazu inspiriert, APOC zu gründen? Gab es konkrete Lücken in der Branche, die Sie schließen wollten?

Bei der Gründung war ich noch relativ neu in der Branche, aber aus meiner Sicht dominierten große Plattformen mit großen Marken, oft immer dieselben. Wenn junge, aufstrebende Labels aufgenommen wurden, ging dabei häufig verloren, wofür sie eigentlich standen. Es gab eine große Lücke zwischen unglaublichem Talent und der Art und Weise, wie es präsentiert wurde.

Inwiefern?

Designer waren entweder in übermäßig kommerziellen Plattformen begraben oder so inszeniert, dass ihre Identität verwässert wurde. Für uns ging es darum, einen Raum zu schaffen, in dem sie selbst Autoren sind und nicht bloß Ware. Einen Ort, an dem sie experimentieren können und an dem ihr kultureller Kontext und ihr Prozess sichtbar werden. Im Kern wollten wir ein Ökosystem für aufstrebende und unabhängige Marken schaffen, das ihnen wirklich gerecht wird und ihnen zuhört.

APOC wird oft als digital first, designer-geführtes Modell beschrieben. Wie würden Sie Ihren Ansatz selbst definieren?

Wenn wir von digital first sprechen, meinen wir nicht nur Technologie. Für uns bedeutet das vor allem Zugänglichkeit und Flexibilität. Ein digitaler Ansatz ermöglicht es uns, Stimmen zu verstärken, tiefere Geschichten zu erzählen und klassische Gatekeeping-Strukturen aufzubrechen. Designer-geführt heißt, dass wir zuhören, eng zusammenarbeiten und unsere Marken sehr individuell begleiten. Wir verstehen, wo sie gerade stehen, und arbeiten mit ihnen ab diesem Punkt, ohne sie in ein starres Retail-Modell zu zwingen, das nicht für alle funktioniert. Es geht nicht darum, Geschmack zu diktieren, sondern einen Dialog zu gestalten.

Wie wählen Sie die Designer aus, mit denen Sie arbeiten?

Es geht nie nur um Ästhetik oder Hype. Wir schauen auf die Geschichte, das Narrativ und die Perspektive hinter einer Marke. Wir fragen uns immer: Warum existiert dieses Label und was will es sagen? Wir achten auf Handwerk, Experimentierfreude, kulturelle Relevanz und Authentizität. Manche Labels sind sehr roh, andere schon sehr ausgefeilt – aber alle tragen zur Diskussion und zu unserer Gesamt-Kuration bei.

Sie führen mehr als 300 Marken. Wie lässt sich das logistisch bewältigen?

Wir sind tatsächlich immer noch ein sehr kleines Team und würden natürlich auch gerne wachsen. 300 Marken fühlen sich in unserer aktuellen Größe richtig an. Wir überlegen gerade, wie wir weitermachen können, weil wir noch viel mehr Designer unterstützen möchten. Aber wir sind sehr bewusst und langsam gewachsen – nicht einfach um des Wachstums willen. Wir halten vieles flexibel und denken aktuell über die nächsten Schritte nach.

Wie können aufstrebende und unabhängige Marken Storytelling oder erlebnisorientierten Retail nutzen, um mit großen, etablierten Playern zu konkurrieren?

Genau hier haben junge Marken sogar einen Vorteil. Sie haben zwar keine riesigen Budgets, aber die brauchen sie auch gar nicht. Was sie brauchen, ist Klarheit. Storytelling bedeutet nicht Hochglanz-Marketing, gerade auch als Gegenpol zur KI-Bewegung, sondern spezifisch und verletzlich zu sein. Das kann ein Experiment sein, ein Zine, eine Performance oder ein Gespräch. Wenn Menschen sich emotional mit einer Marke verbinden, bleibt sie in Erinnerung. Bei etlichen großen Marken fühlt sich inzwischen vieles formelhaft an. Manche Retailer veranstalten mehrere Events pro Woche, pushen sie über Newsletter und alles verschwimmt dadurch. Es ist Aktivität um der Aktivität willen, statt etwas Authentisches zu machen. Der entscheidende Unterschied ist die Absicht – genau da können unabhängige Marken herausstechen. 

Sie haben gerade Ihren ersten physischen Store in London eröffnet. Warum hier?

London ist unser Zuhause, es ist Teil unserer Geschichte. Gerade habe ich das Gefühl, dass London nach langer Zeit wieder rawer wird. Auch etwas instabil, mit den ständigen Schließungen und Neueröffnungen, aber kreativ ist die Stadt unglaublich lebendig. Es gibt weniger Glanz und mehr Experimentierfreude, verschiedene Disziplinen verschwimmen. Junge Designer, Freundeskreise und Kollektive kommen zusammen und realisieren Dinge – das ist sehr inspirierend. Diese Energie beeinflusst auch unsere Arbeitsweise. Uns interessiert Perfektion weniger als Prozess und Kollaboration. London stand schon immer für die Idee, dass Kultur nicht ordentlich sein muss. Im Chaos entstehen oft die spannendsten Dinge.

APOC Store, London, 2026
Foto: Studio Adamson

APOC Store, London, 2026

 

Kürzlich haben Sie Ihren Store in eine Galerie verwandelt. Was hat Sie dazu gebracht?

Der Store war nie als statischer Ort gedacht, daher fühlte sich die Erweiterung um eine Galerie ganz natürlich an. Wir haben online schon immer parallel zur Mode mit Designerinnen und Künstlern gearbeitet und wollten das nun im richtigen Format in den physischen Raum übertragen. Das erlaubt es uns, als kulturelle Plattform zu agieren und weniger als klassischer Retailer, was wir auch gar nicht sein wollen.

Also kein Abschied vom Retail, sondern eine Erweiterung dessen, was er sein kann?

Ja. Wir nutzen das als Chance, um mit neuen Künstlern zusammenzuarbeiten. Sowohl Mode als auch Kunst sind extrem herausfordernde Branchen. Jetzt können wir mit Kreativen arbeiten, mit denen wir schon lange kooperieren wollten. Denn erst durch die Möglichkeit, physischen Raum anzubieten – etwas, das in London immer seltener wird – konnten wir das realisieren. In Zukunft eröffnet uns das den Zugang zu noch mehr Künstlern, insbesondere zu jenen, deren Praxis stark im Handwerk verankert ist und die nach Möglichkeiten suchen, ihre Arbeit in einen öffentlichen Kontext zu bringen. Es ist eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren.