Welche Gemeinsamkeiten haben Punk und Apple, außer dass beide in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiern? Die Jugendbewegung war wie der spätere Weltkonzern in den Anfangstagen vom Glauben in DIY geprägt. Punk stellte sich gegen den opulenten Bombast-Rock der 1970er-Jahre und wollte zeigen, dass jede und jeder Rockstar sein kann. Man braucht weder Bildung noch viel Geld. Mit ein, zwei Powerchords auf der Gitarre kann man ganze Konzerte spielen. Statt sich von großen Majorlabels und Mainstreammedien abhängig zu machen, war der Duktus von Punk: Man kann die Strukturen selber schaffen. Eigene Fanzines, Labels, Konzerte und Festivals. Verweigerung als Kunst. "No Future" als Devise, obwohl diese Demokratisierung von Kunst wirklich zukunftsweisend wurde. Bis heute.
Auch Stephen Wozniak und Steve Jobs waren Teil einer Gegenkultur: Beide surften auf den Nachläufern der nordkalifornischen Hippie-Bewegung. Am 1. April 1976 gründeten sie gemeinsam mit Ronald Wayne mit einem Startkapital von 1300 Dollar die Firma Apple. Vor allem dem Homebrew Computer Club wollten Wozniak und Jobs imponieren. Ein eingeschworener Geek-Club, aus dessen Dunstkreis viele prägende Ideen und Entwicklungen für die spätere Computerisierung der Welt kommen sollten.
Steve Jobs (r) und Steve Wozniak (l) präsentieren 1978 in Mountain View die Platine des ersten Apple-Computers von 1976
Wozniak und Jobs (Wayne spielte schon zur Gründung mit nur zehn Prozent Geschäftsanteilen eine untergeordnete und eher vermittelnde Rolle) konnten unterschiedlicher nicht sein. Wozniak war das Computergenie. Das Löten und Basteln des ersten Apple-Computer in der heute legendären Garage in Los Altos war für ihn wie das Lösen eines epischen Rätsels. Jobs hatte indes so gut wie gar keine Ahnung von Computern und ihrer Technologie. Er wusste aber früher als die meisten, dass die Digitalisierung die Welt für immer verändern würde.
Diese Garage in Los Altos (Kalifornien) im Elternhaus von Steve Jobs gilt als Geburtsort von Apple: Hier wurden 1976 die ersten Computer montiert
Jobs könne zwar ein Motherboard nicht von einer Kochplatte unterscheiden, hieß es damals, aber dafür wusste er, dass der Markenname Apple anders, poetischer, vielleicht sogar schöner klang als IBM, HP oder DEC. Auch war es kein Zufall, dass mit diesem Namen das eigene Unternehmen im Telefonbuch noch vor dem Konkurrenten Atari auftauchen würde, der vier Jahre zuvor von Nolan Bushnell und Ted Dabney gegründet wurde.
Der seltene Apple I im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn. Von 200 gebauten Exemplaren existieren heute weltweit nur noch etwa 80
Der Rest ist Geschichte und wurde oft und ausgiebig erzählt. Apple ist heute die wertvollste Marke der Welt und hat ziemlich sicher mehr Geld verdient als alle Punkbands der letzten 50 Jahre zusammen. Noch bis in die späten 1990er-Jahre war Apple synonym für eine Alternative. Viele Kreative wollten sich nicht mit grauen Windows-PC-Dosen zufrieden geben. Sogar Radiohead-Frontmann Thom Yorke klebte zu der Zeit einen regenbogenbunten Apple-Sticker auf seine Fender-Gitarre, obwohl zu der Zeit (zumindest in linken Bildungsschichten) es eher Konsens war, globalisierungskritisch zu sein, Negri und Hardt und später vor allem auch Naomi Kleins "No Logo" zu lesen.
Ein iMac von Apple von 1998 im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn
Als Apple 2001 den MP3-Player iPod und den dazugehörigen iTunes Store der Welt vorstellte, krempelte die Firma den Musikkonsum um. Statt ganzer Alben kaufte man sich nun für 99 Cent einzelne Songs und ließ sie per Zufallsmodus "shuffeln". In Zeiten von Spotify und einem überbordenden Angebot an Musik, erlebt dieser Tage der iPod gerade bei der jüngeren Generation ein Revival. Was damals von vielen als Verrat an das Kunstwerk Album verstanden wurde, sieht die Gen Z heute als Mittel der Entschleunigung, um Musik wieder fokussierter, bewusster und intimer zu erfahren, ohne ständig vom Smartphone abgelenkt zu werden.
Ein iPod der ersten Generation mit 5 GB Speicherkapazität im Heinz Nixdorf MuseumsForum Paderborn
Womit man beim großen Gamechanger von Apple angelangt wäre: dem iPhone, das nächstes Jahr schon seinen 20. Geburtstag feiern wird. Das Smartphone und der MP3-Player, wie später auch das Tablet (iPad) oder die Smartwatch (Apple Watch) wurden von dem Konzern nicht erfunden. Das Unternehmen schaffte es aber immer wieder, bereits bestehende Produktkategorien begehrenswert und zum Statussymbol zu machen. Dafür war man auf Kundenseite auch gerne bereit, mehr Geld auszugeben als bei der Konkurrenz. Nicht zuletzt in Sachen Design (Hardware und Software) war Apple die letzten Jahrzehnte über marktdominierend, wenn auch selten progressiv oder gar futuristisch. Einmal Apple, immer Apple sagen viele Kunden, was auch an den geschlossenen, proprietären Ökosystemen liegt.
Das erste iPhone von Apple von 2007 im Heinz Nixdorf MuseumsForum
Die andere gegnerische Seite ist aber nicht minder orthodox. Bis heute gibt es viele, die nicht mal über ihre Leiche ein Apple-Produkt in ihr Haus lassen würden – teils mit Argumenten als wäre Apple eine Sekte, die einen für immer den freien und autarken Willen raubt. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte.
Nach Steve Jobs' Tod 2011 konnte sein Nachfolger Tim Cook die Vormachtstellung von Apple weiter ausbauen. Die Geschichte des Smartphones und anderer weltbewegender Gadgets ist aber schon seit Jahren auserzählt. Die KI-Ära hat Apple mehr oder weniger (absichtlich) verschlafen. Apples persönliche Assistentin Siri gibt es zwar schon lange, bringt aber nicht die Skills, mit denen ChatGPT, Claude oder Gemini heute Abermillionen Menschen täglich begleiten, man könnte auch sagen: abhängig machen.
Tim Cook präsentiert im September 2025 im Apple Park die neuen iPhones
Wo geht es für das einstige Garagen-Start-up die nächsten Jahre also hin? Nicht wenig überrascht haben viele geguckt, als Apple kürzlich den Laptop MacBook Neo vorstellte, der hier ab 699 Euro erhältlich ist. Ein vollwertiger Computer, der weniger als die Hälfte des iPhone Pro Max kostet? Und das in einer Zeit, in der PCs und Laptops wegen steigender RAM-Preise auch bei der Billigkonkurrenz eher teurer als günstiger werden.
Anderen PC-Herstellern macht das neue Produkt gehörig Angst. Denn Apple will mit dem Neo vor allem in die Schulen, wo bislang eher Chromebooks oder ähnliche Low-Budget-Laptops benutzt wurden. So wird der Einstieg in das Apple-Ökosystem vielen, für die bis dahin Apple-Produkte finanziell unerreichbar waren, einfacher gemacht. Ende März kündigte das Unternehmen außerdem den Start von Apple Business an, womit man dem Giganten Microsoft (Outlook, Office, Teams) Anteile vom B2B-Kuchen wegnehmen will.
Wie es scheint, neigt sich nämlich auch die Ära Tim Cook allmählich dem Ende zu. Im November wird er 66. Bereits länger wird spekuliert, wer die Nachfolge des Jobs-Nachfolgers übernehmen soll, der nun seit 15 Jahren erfolgreich das Erbe von Jobs Richtung weltbeherrschende Profitabilität navigierte.
Ob der progressive, frische Geist der Anfangstage, das Aufrüttelnde des Punks, für die Zukunft gelten wird, ist ungewiss. Apple ist schon längst in der Rolle eines trägen Blauwals angelangt und kuschelt wie andere Tech-Giganten mit der Regierung Trump. Versuche, wie mit der VR-Brille Vision Pro neue Märkte zu erschließen, scheiterten kläglich. Lange galt bei Apple das Motto "Think different" – das scheint heute schwerer denn je. Wenn nicht gar unmöglich geworden zu sein.