Monografie zu Wilhelm von Gloeden

Arkadiens Schatten

Eine neue Monografie zu Wilhelm von Gloeden zeigt die Ambivalenz seiner Sizilien-Fotos: Die Aktaufnahmen prägten queere Bildgeschichte – zugleich sind sie wegen minderjähriger Modelle umstritten

Vor gut 150 Jahren ließ sich Wilhelm von Gloeden, ein Spross des preußischen Landadels, in Taormina nieder, um sein Lungenleiden im milden Klima der sizilianischen Ostküste zu kurieren. Dass er dort ein neues Kapitel der Fotogeschichte aufschlagen würde – männliche Aktfotografie unter freiem Himmel –, ahnte er nicht. Ebenso wenig, dass sein Werk ein Erbe hinterlassen würde, das heute so einflussreich wie problematisch ist.

Der Foto- und Kunsthistoriker Ulrich Pohlmann, bis 2022 Leiter der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum, widmet Gloeden nun eine opulente Monografie. Neben einer biografischen Einführung umfasst der Band drei Themenkreise. Erstens Gloedens fotografische Dokumentationen von Landschaft, Menschen und Kultur Siziliens – darunter Aufnahmen der Zerstörung Messinas nach dem Erdbeben von 1908. Zweitens die Bilder, die ihn in Europa und den USA berühmt machten: nackte sizilianische Jugendliche, nach antikem Vorbild inszeniert. Drittens Vorgeschichte und Wirkung seines Werks in der westlichen Kunst und Fotografie.

Wilhelm von Gloeden, "Die Seilergrotte in den Latomien von Syrakus", um 1885
© 2025 Schirmer/Mosel München

Wilhelm von Gloeden, "Die Seilergrotte in den Latomien von Syrakus", um 1885

Taormina war in Deutschland vor allem wegen seines antiken Theaters bekannt, das Goethe 1787 besuchte und als "ungeheuerstes Natur- und Kunstwerk" beschrieb. Als Gloeden eintraf, hatten sich dort bereits Künstler und Fotografen eingerichtet. Er sattelte von der Malerei, in der er kein besonderes Talent zeigte, auf die Fotografie um – und konnte vor Ort lernen.

Neben den Sizilien-Dokumentationen wurde Gloeden vor allem mit seinen Aktinszenierungen bekannt – und genau sie belasten seine Rezeption bis heute. Oft zeigt er die Protagonisten, vielfach minderjährig, nackt oder in antikisierenden Gewändern, mitunter mit Blumenkränzen. Palmzweige und Amphoren machen aus ihnen Figuren einer imaginierten Antike; Doppelporträts suggerieren erotische Nähe. Jungen als Faun oder Pan, die Flöte spielend, scheinen aus dem Fundus griechischer Mythen in die bukolische Landschaft Siziliens versetzt. Der hellenistische Zauber in Gloedens Bildern wirkt dabei wie eine inszenierte Kulisse. Bei bei näherem Hinsehen stören schmutzige, rissige Fußsohlen die arkadische Oberfläche – Zeichen eines Lebens fern jeder Idylle.

Rezeption damals und heute

Aller Ästhetisierung zum Trotz blicken wir hier häufig auf Kinder und Jugendliche, die sich vor 150 Jahren gegen Bezahlung fotografieren ließen und Gloedens Lebensunterhalt sicherten. Auch wenn viele Aufnahmen als Studienmaterial für Künstlerinnen und Künstler deklariert waren und Abnehmer an Kunsthochschulen fanden, soll ein wesentlicher Teil der Kundschaft aus homosexuellen Sammlern in Nordeuropa und den USA bestanden haben. Um 1900 florierte zudem der Handel mit erotischen Fotografien, die in Zeitungen und Zeitschriften beworben wurden. Der homoerotische Gehalt wurde damals – in einer Zeit, in der Homosexualität stigmatisiert und kriminalisiert war – häufig nur notdürftig mit dem Etikett "Kunst" abgesichert; heute lässt sich das minderjährige Alter vieler Modelle nicht wegrahmen.

Wilhelm von Gloeden "Bauernfamilie", um 1885
© 2025 Schirmer/Mosel München

Wilhelm von Gloeden "Bauernfamilie", um 1885

Das Dilemma der Rezeption: Gloedens Bedeutung für die queere Bildgeschichte ist kaum zu bestreiten. Er gehört zu den frühen Fotografen, die den nackten männlichen Körper ins Zentrum stellten. Im Tafelteil zeichnet Pohlmann diese Wirkungslinien nach: Verbindungen zu Arnold Böcklin (etwa "Die Klage des Hirten" oder "Pan im Schilf"), zu Hippolyte Flandrins "Jeune homme nu assis au bord de la mer" sowie zu badenden Jungen bei Ludwig von Hofmann und im Frühwerk Max Beckmanns.

Später löst sich die Formel vom ursprünglichen Kontext und wird zum ikonografischen Reservoir: Elisàr von Kupffers Freskenzyklus "Klarwelt der Seligen" greift die idealisierte Jünglingsfigur als homoerotische Gegenwelt auf. Pablo Picasso übernimmt das Motiv des flötenspielenden Knaben und entpathetisiert es, Joseph Beuys überschreibt Gloeden-Fotografien und setzt sie neu.

Belastetes Erbe

Doch dieser Tradition steht heute eine Wahrnehmung gegenüber, die den erotisierenden Blick auf Minderjährige nicht ausblenden kann. Der antike Rahmen trägt nicht mehr; zurück bleibt Ambivalenz. Wie heikel das Erbe ist, zeigte 2008 die erste größere Ausstellung von Gloedens Arbeiten in Memmingen. Das Jugendamt protestierte mit dem Hinweis, Gloeden habe "nicht viel anderes getan, als heutzutage Pädophile und Päderasten in Thailand und Kambodscha tun". Der Oberbürgermeister betonte die Legalität der Schau, die Organisatoren beriefen sich auf das Label "umstrittene Schönheiten".

Auch Pohlmann stellt die Frage nach einer möglichen pädophilen Neigung Gloedens – und was diese für die Bilder bedeuten würde. Er verweist darauf, dass es keine Hinweise auf übergriffiges Verhalten gebe. Zugleich erinnert er daran, dass der Kinderakt vor 1910 anders bewertet wurde: Im Kontext von Kunst- und Reformkultur galt er vielfach als legitimiert. Das Buch zeigt die Ambivalenz von Gloedens Werk: Pohlmann kritisiert den erotischen Blick auf Minderjährige, spricht den Bildern aber dennoch kunsthistorisches Gewicht zu. Unaufgeregt und detailgenau rekonstruiert er Leben und Milieu, vom Tourismus in Taormina über Skandale um deutsche Homosexuelle in Süditalien bis zu den Folgen des Ersten Weltkriegs für die deutsche Kolonie.

Als Gloeden 1931 stirbt, ist sein Arkadien längst Vergangenheit. Der umfangreiche Tafelteil führt die Faszination eines Siziliens vor Augen, das vom Massentourismus noch unberührt scheint – und lässt uns mit den Fragen zurück, die sich in der Rezeption heute drängender denn je stellen.