Erste Art Basel Qatar

Abkehr von der Idee einer Weltkunstmesse

Premiere in Doha: Die Art Basel Qatar betont ihre Marktferne, doch die 86 teilnehmenden Galerien gehen mit internationalen Stars und regionalen Positionen auf Nummer sicher. Besuch einer Kunstmesse mit vielen Widersprüchen und wenigen Überraschungen

Ein Drohnenballett schreibt Poesie in den Nachthimmel über Doha, während sich ein erlesenes Publikum bei Saft, Wasser und Häppchen auf und über die Art Basel Qatar freut. Große Hoffnungen liegen auf der ersten Ausgabe des jüngsten Ablegers der Schweizer. Auf allen Seiten. Die Art Basel gilt als wichtigste Kunstmesse der Welt, muss sich aber dringend nach anderen Formaten umsehen, da die hohen Kosten besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer mehr Galerien in den Ruin treiben. Gerade hat es Stephen Friedman aus London getroffen, dessen Galerie eigentlich in Qatar hätte teilnehmen sollen.

Die hiesige Messe dürfte allerdings kaum Anteil an der Pleite haben. Denn die Teilnahmekosten sind im internationalen Vergleich dank des Sponsorings extrem niedrig. Lediglich rund 25.000 Euro kostet ein Stand, inklusive Aufbau durch das sehr professionell arbeitende Messeteam und Hotelübernachtung. In Basel, London oder New York kommt schnell das Vierfache und mehr zusammen.

Dafür nehmen die 86 Galerien, die hier 84 Künstler zeigen, einiges in Kauf. Soloshows sind beim Publikum zwar beliebt, sie gelten in der Regel wirtschaftlich jedoch als weniger sinnvoll, weil man alles auf ein Pferd setzt, das dann auch gewinnen muss. Das Risiko scheint jedoch gering, schließlich hat die Herrscherfamilie der al Thanis keine Kosten gescheut, die Messe hierher zu bringen. Da wäre es schon sehr erstaunlich, wenn sie die Teilnehmer enttäuscht nach Hause fahren ließe.

Anders als bei der WM keine Proteste und Boykottaufrufe

Ausgewählt hat die künstlerischen Positionen Wael Shawky, der ägyptische Starkünstler, der seit 2024 schon die hiesige Künstlerresidenz Fire Station leitet. Er betont gern seine Marktferne, die er auch bei der von ihm kuratierten Art Basel Qatar gewahrt wissen will. "Die Rolle des Künstlers muss möglichst große Distanz zum Markt haben", erklärt er im Interview. "Wir wollten mit der Ausstellung ein Statement setzen. Die ausgewählten Werke sind so kuratiert, dass sie miteinander in Dialog treten. Es ist daher nicht möglich, die jeweiligen Präsentationen zu verändern." Das bedeutet für die Galerien, dass sie verkaufte Werke nicht durch neue ersetzen dürfen. Ein Kabinett wie auf anderen Veranstaltungen oder ein Reservelager gibt es nicht.

Für Katar und seine Herrscherfamilie ist die Art Basel ein Coup und ein zentraler Baustein in ihrer langfristigen Strategie, den Wüstenstaat zu einem kulturellen Zentrum der Menasa-Region (Naher Osten, Nordafrika und Südasien) und darüber hinaus zu machen. Schon kurz nach der Unabhängigkeit von Großbritannien und der Staatsgründung 1971 hat die Herrscherfamilie damit begonnen, Kunst und Antiquitäten der eigenen Kultur und seit den 1990er-Jahren verstärkt internationale Kunst zusammenzutragen. Zahlreiche Museen wurden in jüngster Zeit neu- oder umgebaut, weitere sollen folgen.

Anders als bei der Fußball-WM sind im Vorfeld der Kunstmesse laute Proteste und Boykottaufrufe ausgeblieben. Das ist nicht verwunderlich, schließlich gilt die FIFA als sinistrer Altherrenklub mit einem Faible für Korruption und einer geringen Affinität zu Menschenrechten. Aber wer kann schon etwas gegen Kunst haben?! Zeitgenössische Kunst gilt als Inbegriff der Offenheit und als Experimentierfeld, auf dem die Möglichkeiten von Gesellschaft und Individuum immer wieder neu ausgelotet werden.

"Ich kann hier viel freier agieren als in Deutschland"

Noah Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Art Basel innerhalb der MCH Group AG, betont im Interview auch genau diese Eigenschaften der Branche und seiner Messe: "Es ist bemerkenswert, wie groß die Kunstwelt in den letzten 15 oder 20 Jahren geworden ist und wie divers. Die Kunstwelt wächst und verändert sich, und wir wollen sie dabei unterstützen. Wir sehen diese Diversität auch an unserem Publikum in Basel, aber es ist ganz wichtig, für diese Vernetzung in den jeweiligen Regionen verankert zu sein." In diese Kerbe schlägt auch Shawky: "Es geht mir darum, in einen Diskurs zu treten, etwa in der Gleichberechtigung der künstlerischen Positionen aus der Region und dem Rest der Welt. Ich will den Dialog zwischen den Positionen befördern."

Der Dialog fällt allerdings recht einseitig aus, wenn es um Ansichten geht, die von der eigenen abweichen. Kritik ist möglich, solange sie den Verhältnissen anderswo gilt. An anderen Stellen klaffen hingegen weite Leerstellen: Queerness, Nacktheit, Menschenrechtsdefizite oder Ungleichheit in der Region, jüdische Künstler, Galerien aus Israel – die Liste ließe sich fortsetzen. Shawky erklärt die kulturellen Unterschiede: "Jede Kultur hat ihre eigenen Regeln und Empfindlichkeiten. Ich kann hier viel freier agieren als beispielsweise in Deutschland. Es kommt immer darauf an, wie man bestimmte Themen im jeweiligen Kontext in einem Kunstwerk umsetzt."

Oft werden Nachfragen zu sensiblen Themen mit aggressivem Whataboutism gekontert. Der Tenor lautet dann: In Europa würden Künstler gecancelt, nur weil sie Araber seien. Wer es sich so einfach macht, dürfte für einen echten Dialog, der auch die andere Seite zu Wort kommen lässt, kaum zugänglich sein.

Kaum Überraschungen

Neben der Kuratierung gibt es einen weiteren Filter, der dafür sorgt, dass auch die unausgesprochenen Regeln und Empfindlichkeiten berücksichtigt werden: die Galerien. Sie sind schließlich Wirtschaftsbetriebe und bringen nur Positionen mit, für die sie einen Markt sehen. Kunst gibt es auf der Art Basel Qatar auf erwartbar hohem Niveau. Überraschungen hingegen weniger, zumindest für die Teile der Kunstszene, die im globalen Kunstbetrieb verankert sind. Hauser & Wirth zielen mit Philip Guston ebenso offensichtlich auf einen institutionellen Ankauf wie Sprüth Magers mit Otto Pienes Lichtballett "Light Room with Mönchengladbach Wall". Das sind museal abgesicherte Positionen aus der nördlichen Hemisphäre, die jedem international aufgestellten Haus gut zu Gesicht stehen.

White Cube will anscheinend auf Nummer sicher gehen und bringt von Georg Baselitz seiner "Helden"-Serie entnommene Wandskulpturen mit, die Hände von Philosophen, Dichtern, Künstlern darstellen – den regionalen Vorlieben entsprechend in feuervergoldeter Bronze. Die zur Hälfte in der Menasa-Region verwurzelten Künstler sind zumeist ebenfalls keine Unbekannten und werden häufig von europäischen oder US-amerikanischen Galerien vertreten. Das gilt etwa für Farida El Gazzar, die ihre griechische Galerie Kalfayan schon auf der Art Basel / Miami Beach oder der Arco Madrid prominent gezeigt hat, oder für Etel Adnan bei Anthony Meier und Waddington Custot, für Kutluğ Ataman bei Niru Ratnam und Shirin Neshat bei Lia Rumma, oder, oder, oder ...

Die Art Basel beschreibt ihre Strategie völlig korrekt, wenn sie sagt, sie wolle jede Station ihrer Marke mit einer maßgeschneiderten Ausgabe bedienen. Das bedeutet allerdings auch eine klare Abkehr von der Idee einer Weltkunstmesse, die an jedem Ort, an dem sie stattfindet, ein weltweites Publikum anzieht. Die Regionalisierung der Kunstmessen ist auch bei ihrer mächtigsten Vertreterin angekommen. Etwas spannender dürften diese Veranstaltungen dann aber schon sein.