Frauen werden wichtiger auf dem Kunstmarkt

Wer Sammlerinnen ignoriert, hat schlechte Karten

Foto: Art Basel
Foto: Art Basel

Art-Basel-Besucherinnen 2018 vor He Xiangyu "Untitled" (2018) auf dem Stand von White Space Beijing auf der Unlimited-Sektion

Käuferinnen mischen zunehmend auf dem Kunstmarkt mit. Das heißt zwar nicht, dass der Betrieb deshalb automatisch weiblicher wird. Doch die Zeichen für den Wandel sind unübersehbar

Während der Pandemie wurden die Kunstkäufer knausriger, 2020 war der Umsatz der Branche um über 20 Prozent eingebrochen. Jetzt meldete die Analystin Clare McAndrew eine vorsichtige Erholung. Laut ihres von der Art Basel und der UBS beauftragten Halbjahresberichts zur Lage des Kunstmarktes, der pünktlich vor dem Start der Basler Messe veröffentlicht wurde, stiegen die Umsätze im ersten Halbjahr 2021 gegenüber dem Vorjahr um zehn  Prozent.

Noch sind die Einbußen damit nicht ausgeglichen. Interessant aber ist, wer für diese Umsätze verantwortlich ist: Es sind die Sammlerinnen. Für die Studie wurden "High Net Worth"- Menschen befragt, die mindestens eine Million Dollar flüssig haben. Die weiblichen unter ihnen gaben im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Geld für Kunst aus wie die männlichen Sammler in der Studie. Und der Abstand ist rasant gewachsen: Im Durchschnitt steigerten die Frauen ihre Ausgaben gegenüber den Kunstkäufen im Vorjahr um ein Drittel, während die Männer nur rund neun Prozent mehr ausgaben.

Man kann jetzt viel darüber spekulieren, wie diese Zahlen entstanden sind. Sind unter den "High Net Work"-Frauen vielleicht viele Erbinnen, die auch in ökonomisch schwierigeren Zeiten weiterhin flüssig sind? Oder – da in der Studie besonders viele Millennials vertreten sind – agieren die jungen Frauen in Krisenzeiten mutiger? Sicher aber ist: Die Sammlerinnen werden zu einem immer gewichtigeren Faktor. Wer sie ignoriert, hat schlechte Karten.

Bald könnte die Kunstwelt eine andere sein

Das heißt allerdings nicht, dass deshalb der Kunstmarkt automatisch weiblicher wird. Peggy Guggenheim sammelte auch erst einmal Jackson Pollock statt Lee Krasner, und die amerikanische Sammlerin Elaine Wynn gab 2013 die Rekordsumme von 142,4 Millionen Dollar nicht für ein Werk von Louise Bourgeois, sondern für Francis Bacons "Three Studies of Lucian Freud" aus. Doch viele Sammlerinnen von heute haben eben doch eine besondere Aufmerksamkeit für Künstlerinnen, sie arbeiten aktiv gegen die Ungleichheit im Markt an und kaufen Werke, in denen sie sich wieder erkennen. Und, auch das ergibt die Studie: Sie kaufen sie zunehmend von Frauen. Denn auch auf der Händlerseite, bei dem Management und der Leitung der Galerien, überflügeln die Frauen zahlenmäßig gerade langsam aber sicher die Männer.

"Frauen sind das neue China", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche einmal – und wischt man den unverschämten Ton beiseite, kann man das durchaus vom Auto- auf den Kunstmarkt übertragen. Aber Achtung. China ist nicht nur ein Absatzmarkt, sondern eine Weltmacht mit beachtlichen geopolitischen Ambitionen. Und wenn liquide Frauen als Kunstkäuferinnen so weiter machen, wird die Kunstwelt bald eine andere sein.