Auf eine Welt, die zunehmend von Unsicherheit geprägt ist, reagiert die taiwanesische Künstlerin Pao Hui Kao in der neuen Sektion "Horizonte" der Art Brussels mit einer großformatigen Installation. Das symbolische Zuhause der von der Brüsseler Galerie Spazio Nobile vertretenen Künstlerin ist nicht eine Festung, sondern ein zarter Zufluchtsort aus gefaltetem Transparentpapier, Reisleim und Urushi-Lack, ähnlich ihrem "Original Paper Pleats Lounge Chair", der in der gerade eröffneten Ausstellung "The only true protest is beauty" in der Fondazione Dries Van Noten in Venedig zu sehen ist.
Die lichtdurchflutete weiße Kapelle, die ohne jegliche Doktrin auskommt und die Grenzen zwischen Skulptur, Architektur und traditionellem Messestandformat auflöst, ist eines von sechs Projekten, die Devrim Bayar, leitende Kuratorin am Brüsseler Kanal Centre Pompidou, für "Horizonte" ausgewählt hat. Dass sich diese Großarbeiten, darunter Oswald Oberhubers 380.000 Euro teures Panoramagemälde "Paradiesgarten", als Mini-Ausgabe der Basler "Unlimited" neben dem Gastronomiebetrieb diesmal eine ganze Halle teilen können, ist ein Gewinn, denn auch diese so weitläufige wie luftige Agora gleicht einem Zufluchtsort vor dem Messetrubel nebenan.
Poetischer Zufluchtsort in unsicheren Zeiten: In der neuen Sektion "Horizonte" der Art Brussels zeigt die taiwanesische Künstlerin Pao Hui Kao eine fragile, kapellenartige Installation aus Transparentpapier, Reisleim und Urushi-Lack
Angesichts des angeschlagenen Marktes für zeitgenössische Kunst und des angespannten wirtschaftlichen Umfelds hat die 42. Ausgabe der Art Brussels ihr Konzept überarbeitet und zum zweiten Mal in Folge abgespeckt, von 165 Ausstellern im Jahr 2025 auf 138 in dieser Ausgabe. Während die Anzahl der Galerien im Bereich "Discovery" mit 38 Ausstellern konstant bleibt, verzeichnet der Bereich "Prime" der etablierten Galerien den größten Rückgang, von 108 auf 83 Galerien.
Galerien nun in einer Halle kompakt zusammengefasst
Diese Entwicklung hatte sich indes schon bei der letzten Ausgabe angedeutet, als eine New Yorker Großgalerie wie Barbara Gladstone, obwohl mit mondäner Dependance in Brüssel, an der Art Brussels nicht mehr teilgenommen hatte. Infolge dieser Reduzierung sind die Galerien nun in einer Halle kompakt zusammengefasst. Unter den rund 500 Künstlerinnen und Künstlern, von denen 95 Prozent noch leben und damit den zeitgenössischen Schwerpunkt der Messe widerspiegeln, machten sich big names während der Vernissage rar. Trotzdem begegnete man nach drei Stunden in allen Sektionen den roten Verkaufspunkten.
Xavier Hufkens reagiert immerhin auf die Schrumpfung etablierter Positionen mit Größen wie Tracey Emin, Antony Gormley, Thomas Houseago, Michelangelo Pistoletto oder Danh Vō und wagt sich mit der Soloschau von Cassi Namoda dann doch ins Ungewisse. Die neue Werkreihe mit dem Titel "Eine Stadt, die von alten Erinnerungen schmerzt und nach Urin riecht" zeichnet Lebensgeschichten nach, die von Überschwemmungen, Verlust und der Kolonialgeschichte in Mosambik geprägt wurden.
Die Galerie Krinziger kann das hohe Niveau mit Arbeiten von Marina Abramović oder Monica Bonvicini halten, während sich die Nino Mier Galerie ganz auf das Werk der in New York lebenden Britin Nicola Tyson konzentriert, deren Formensprache von feministischer Theorie sowie von der Androgynie und Extravaganz der Punk- und New-Romantic-Szene der 1970er- und 1980er-Jahre in London geprägt ist.
Dekorative Eyecatcher, statt politische Arbeiten
Der Londoner Richard Saltoun schwimmt hingegen zeitlich todesmutig gegen den Strom und hat Werke des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff im Gepäck, flankiert von einer schlauen Mischung aus Gemälden der in Tansania geborenen Everlyn Nicodemus, einer der führenden feministischen Stimmen Ostafrikas, deren Retrospektive im Oktober von den National Galleries of Scotland in Edinburgh nach Wiels in Brüssel reisen wird, und surrealistischen Gemälden der noch wenig bekannten Belgierin Suzanne Van Damme.
Auch die Pariser Galerie Sabine Bayasli setzt mit Maurice Rapin auf die Wiederentdeckung eines vergessenen Spätsurrealisten. Auf den farblich kräftig kontrastierenden Gemälden des Franzosen bilden gewalttätige Figuren, anthropomorphe Objekte und groteske Kreaturen ein visuelles Theater, in dem Fantasie und Satire moderner Gesellschaften verschmelzen. Mit älteren und atelierfrischen Positionen dieser Art bleibt die Art Brussels weiterhin ein munteres Experimentierfeld, auch wenn sich nicht wenige Galerien mit so knallbunten wie kitschverdächtigen Objekten begnügen, etwa am Stand der Artemis Gallery aus Lissabon, die von den barock umhäkelten Alltagsgegenständen der überaus erfolgreichen Joana Vasconcelos überflutet wird.
Auf der traditionell verspielt gestimmten Art Brussels macht man mit diesem Auftritt zwar nichts falsch, fällt aber aus dem Umfeld, das diesmal auffällig politische Werke meidet, auch nicht heraus, wie etwa die Fotografin Klaartje Lambrechts bei Pedrami, die von Teheran aus 2019 mit zwei Tänzern in die Wüstenregionen im Süden des Iran reiste, um eine konzeptuelle Fotoserie zu erschaffen. Vor der Kamera verwandeln sich die von Stoffen eingeengten Konturen der Körper in skulpturale Formen – eine Metapher für die zeitgenössische iranische Gesellschaft, in der ähnliche Spannungen ständig spürbar sind.
Dem Strom dekorativer Eyecatcher widerstehen auch die beeindruckenden Textilarbeiten von Stéphanie Baechler am Stand der Whitehouse Gallery, von denen mehrere auf der Vernissage verkauft wurden, die erholungsspendende Einzelpräsentation von Herman de Vries bei Settantotto oder die erfrischenden Objekte des US-Amerikaners Chris Oh bei der Antwerpener Galerie New Child, die zwei der provokantesten Praktiken vereinen: Aneignung und Ready-made. Seine akribisch ausgeführten Kopien von Alten Meistern platziert er auf Spielkarten, Kristallen oder Muscheln. Schaut man sich diese filigranen Gemälde genauer an, so erlebt man, wie Chris Oh einige der erhabensten Reflexionen über das Leben des 15. und 16. Jahrhunderts heraufbeschwört und sie als Spiegel nutzt, durch die man seinen eigenen Moment in der fragilen Gegenwart betrachten kann. Die Preise bewegen sich noch im fünfstelligen Bereich.