Art Cologne

Auf Biegen und Brechen

Stand der Galerie Nagel/Draxler mit dem Werk "The last solider" von Kenny Schachter und einer Büste von Kader Attila
Foto: dpa

Stand der Galerie Nagel/Draxler mit dem Werk "The last solider" von Kenny Schachter und einer Büste von Kader Attia

Immer wieder musste die Art Cologne verschoben werden, jetzt findet sie trotz dramatischer Coronazahlen zum ersten Mal nach zweieinhalb Jahren statt. Ein Rundgang

Die Verantwortlichen der Art Cologne können einem leidtun. Dreimal musste die Kunstmesse bereits wegen der Pandemie verschoben werden und jetzt, wo sie endlich stattfinden kann, sind die Corona-Fallzahlen in Deutschland so hoch wie nie. Aber die Messe ist geöffnet, sogar noch mit 3G, während das Land Nordrhein-Westfalen die Einführung von 2G für nächste Woche bereits beschlossen hat. Tickets gibt es indes nur noch online, den 3G-Nachweis müssen Besucherinnen und Besucher schon beim Kauf hochladen. 150 Galerien zeigen in den Messehallen Köln noch bis Sonntag moderne und zeitgenössische Kunst, erstmals parallel zur Art Cologne läuft unter gleicher Leitung die kleinere Kunstmesse Cologne Fine Art & Design mit Schwerpunkt auf Design und alter Kunst.

Wie sieht sie also aus, die Art Cologne unter diesen schwierigen Bedingungen? Am Previewtag am gestrigen Mittwoch sind die beiden Messehallen voll, und die Stimmung ist gut – auch weil die Galerien sich dank ökonomischem Corona-Booster des Kulturministeriums über 35 Prozent Nachlass auf die Standmiete freuen. Die Gänge sind um 1,40 Meter auf 5 Meter verbreitert, was der Ausstellungsarchitektur guttut. In den Kojen drängen sich trotzdem die Menschen. "Es ist natürlich etwas mühsam, wenn alle hinter den Masken versteckt sind", sagt Gideon Modersohn von der Hamburger Produzentengalerie. "Wir versuchen umso mehr, aktiv auf die Besucherinnen und Besucher zuzugehen und sie anzusprechen." 

Seine Galerie hat wie viele andere ein Best-of des Galerienprogramms mitgebracht, statt auf ambitionierte, aber riskante Einzelpräsentationen zu setzen. Zwei Bilder des 2013 verstorbenen Malers Norbert Schwontkowski gehören zu den Highlights der Messe.  

Stand der Produzentengalerie
Foto: Courtesy Produzentengalerie

Stand der Produzentengalerie

Dass die Galerien kaum etwas wagen, ist verständlich, macht den Messebesuch aber auch ein wenig ermüdend. Während der Lockdowns haben sich viele noch gefragt, ob wir Kunstmessen überhaupt noch brauchen, oder ob der Handel nicht auch andere Distributionswege auftun kann, die intensiver und gleichzeitig weniger umweltschädlich sind. "Wir haben jetzt so lange fast ohne Messen und Ausstellungen gearbeitet", sagt Karin Schulze-Frieling vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG). Man sei in Kontakt gebliebenen, auf den Plattformen der Sozialen Medien, mit Podcasts und "zum Teil so wie früher, mit dem Telefon in der Hand". Die Sammlerinnen und Sammler hätten mehr Zeit und Muße gehabt, sich mit Kunst zu beschäftigen, mehr Geld, das woanders nicht ausgegeben wurde, und schließlich sei Kunst ein Lichtblick in einer dunklen Zeit gewesen.

Die Art Cologne kann 2021 wenig tun, um Zweifler an dem Modell Kunstmesse zu überzeugen: Die Anti-Corona-Maßnahmen sind anstrengend, die Warnungen vor einer riesigen Ansteckungswelle werden immer dringlicher, und die Galerien halten den Ball flach. Es dominieren Malerei, Fotografie und Skulptur. Einige haben auch Arbeiten von gerade vergangenen Galerie-Ausstellungen mitgebracht, die wegen Lockdowns nur von wenigen gesehen wurden, etwa Jack Pierson bei Aurel Scheibler.

Stand der Galerie Aurel Scheibler
Foto: Simon Vogel

Stand der Galerie Aurel Scheibler

Dennoch freuen sich viele Ausstellerinnen und Aussteller über die Möglichkeit, Menschen persönlich zu treffen und ihnen die Erfahrung von Kunst zu ermöglichen. Eine Kunstmesse ist eben auch eine Börse für den informellen Austausch, der in digitaler Form vermisst wurde.

Wo sind die NFTs?

Es überrascht indes, wie wenig digitale Kunst zu sehen ist, Gerade NFTs, diese digitalen Werke mit digitalen Echtheitszertifikate, wurden Anfang des Jahres nach dem spektakulären Verkauf einer Beeple-Collage bei Christie's für 69,3 Millionen Dollar so heiß diskutiert. Tatsächlich haben seither nicht nur Digitalkünstlerinnen und -künstler viele NFTs produziert und verkauft – nur taugen sie offenbar nicht so sehr zur Präsentation auf Kunstmessen. Am Stand der Galerie Nagel / Draxler hat Kenny Schachter eine NFT-Arbeit vorbildlich inszeniert: Der Künstler und Kunstkritiker hat eine Nachtsicht-Aufnahme von dem letzten US-Soldaten, der Afghanistan verlassen hat, in einen Loop verwandelt und in einer denkmalhaften Skulptur eingebettet. Bei der König Galerie gibt es ein NFT-Werk von Refik Anadol, der Bilder vom Mars zu einem hypnotischen Loop transformiert hat, der – schon klar, ein gängiger Vorwurf gegen digitale Kunst – tatsächlich etwas bildschirmschonerhaft geraten ist. 

Skepsis hingegen am Stand des jungen Galeristen Max Goelitz. Sein Künstler Niko Abramidis & NE verkauft zu einem Film, der noch im Entstehen ist, Anteile als NFTs und als Papierzertifikate. Zu sehen sind in Köln die Papierzertifikate, womit er die Frage stellt, was länger halten wird: digitale Arbeiten, die vielleicht irgendwann nicht mehr auf sich weiter entwickelnden Endgeräten laufen werden, oder das gute alte geduldige Papier.

Stand der Galerie Max Goelitz, rechts Papierzertifikate, die auf NFT-Zertifikate verweisen, von Niko Abramidis &NE
Foto: Galerie Max Goelitz

Stand der Galerie Max Goelitz, rechts Papierzertifikate, die auf NFT-Zertifikate verweisen, von Niko Abramidis &NE

Die Pandemie hat den Kunstmarkt weniger verändert als anfangs befürchtet. Das sagt auch Karin Schulze-Frieling vom BVDG: "Wir können so dankbar sein, denn so schlimm wurde es nicht." Die Art Cologne sollte man vielleicht auch in diesem Sinne sehen, anstatt sich darüber zu ärgern, was alles gerade nicht möglich ist: Schaut, wir sind noch da, und wir werden auch diese Zeit überstehen. 

Über die Art Cologne spricht Daniel Völzke auch auf Detektor.fm, hier zum Nachhören: