Achtung, rumpelige Fahrt: Die Räder der Autos, die Leandro Cultraro malt, sind nicht rund, sondern eckig. Seine Figuren haben comicartige Strichgesichter, Ohren wie kleine Tiere, und manchmal werfen sie überrascht die Hände – oder Pfoten? – in die Luft, als könnten sie nicht glauben, was gerade passiert. "Das zentrale Thema meiner Kunst ist die menschliche Existenz", sagt der junge Absolvent der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Dazu kommt das Ausloten von Ästhetik. Ob in Malerei oder Skulptur, ihm geht es um Farben, Oberflächen und um die Spannung zwischen dem Sichtbaren und dem nur Angedeuteten.
Wie kann man sich ein Bild von der Wirklichkeit machen? Was sind die künstlerischen Mittel, um sie in den Griff zu bekommen? Und wo sortiere ich mich ein in der komplexen Geschichte der zeitgenössischen Kunst? Das sind die Fragen, die die junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern umtreibt. Wie einfallsreich sie damit umgeht, zeigt die Sondersektion "academy:square", präsentiert in Kooperation mit Monopol.
Zum dritten Mal schon arbeitet die Messe dafür mit den Kunsthochschulen der Region zusammen. Jeweils sechs Künstlerinnen und Künstler von der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart wurden ausgewählt und können hier nun ihre Werke präsentieren. Das kann durchaus auch provokant werden. Die fröhlichen Comicfiguren von Ines Brost von der Stuttgarter Akademie strecken einem mit feministischer Beherztheit weibliche Geschlechtsteile entgegen – als Zeichnung, aber auch in Teppiche gewebt.
Flauschige Botschafter
Lea Mina Rossatti wiederum sprengt als Bildhauerin buchstäblich ihr Material, um neue Metaphern für Gefühle von Druck und Ohnmacht zu finden. Für ihre Installation "ich möchte schreien" bringt sie Kalkstein mithilfe von Quellsprengstoff in Zeitlupe von innen heraus zum Zerbrechen – die Geräusche, die dabei im Inneren des Steins entstehen, werden verstärkt und auf Kopfhörer übertragen. Auch Christian Rupp von der Kunstakademie Karlsruhe überrascht mit ungewöhnlichen Materialien: Seine Reliefs aus Gips auf Holz sind mit Spielzeugautos beklebt, mit Airbrush knallbunt bemalt und mit glänzendem Epoxidharz überzogen. Er malt Kirmesszenen auf Handtücher und Moltontücher und produziert pastellfarbige Keramiken, die aussehen wie Aliens. So stattet er seine fiktionalen Welten aus, die sich aus Bildern und Erfahrungen der Kindheit speisen. Zarter sind die Keramiken und Gemälde seiner Karlsruher Kommilitonin Julia Firmbach, die auf Trauer und Verlust anspielen.
Spannend ist auch die Perspektive von Kamil Theo Fiebig, der sich selbst als neurodivergent beschreibt und seine hyperfokussierte Wahrnehmung thematisiert. Er beschäftigt sich mit dem Blick der Menschen auf Tiere, produziert einen extrem realistischen Wildschweinkopf als Bronzeskulptur und geht in Wandmalereien über "Masking", also die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft, wieder ganz in die Abstraktion. Felix Wagner, der vor seinem Studium an der Kunstakademie Karlsruhe als Tontechniker gearbeitet hat und nebenbei in einer Band singt, macht in seinen Installationen den harten Sound der Stadt sichtbar. In der Skulptur "Broke Youth" wird ein verbeulter Kaugummiautomat mit Plastikbällen darin zum Sinnbild für die mittellose Jugend. In der Installation "Survival" montiert er Stahlstacheln auf Bänke.
In den Schwarz-Weiß-Fotografien, die seine Installationen begleiten, fokussiert er auf die ruinösen Ecken modernistischer Betonarchitektur. Interdisziplinär arbeiten die Absolventen der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. So auch Maximilian Zschiesche, der sich dort nicht nur mit Medienkunst, sondern auch mit Ausstellungsdesign und Szenografie beschäftigt hat. In seinen Installationen versucht er, eindrückliche Symbole für die Probleme der Gegenwart zu finden: In seinem Video "Apokalypse" unterhalten sich zwei Figuren aus Käse über die Zukunft der Menschheit und zerfallen dabei langsam. In der Installation "Ambassadors" versammelt er 120 Stofftiere, die mit aufgedruckten Fotos auf ihrem Rücken die Geschichte der Eisbären in Gefangenschaft erzählen – manche von ihnen Medienstars wider Willen und Symbole für das schräge Verhältnis der Menschen zu einer Spezies, die wie kaum eine andere für die Verheerungen des Klimawandels steht.
Formale Bandbreite
Ein ernstes Thema behandeln auch die Medienkünstlerinnen Chelsea Kim und Josephine Leicht in ihrem gemeinsamen Projekt "Known Unknown". Grundlage ist eine ausführliche Recherche über die Taten der rechtsradikalen NSU und die Versäumnisse der Behörden bei der Aufklärung. In einem Hörstück werden die Rollen der verschiedenen Akteure aufgefächert, eine 3D-Installation macht parallel dazu das komplexe Netzwerk der Verantwortlichen und Unterstützer der mörderischen Gruppe sichtbar.
So wird der "academy:square" zu einer der Messesektionen mit der größten thematischen und formalen Bandbreite auf der Art Karlsruhe – mit Arbeiten, die oft weit entfernt sind von den Konventionen des Kunstmarkts. Kaufen kann man die Werke trotzdem. Und mindestens ein Ankauf ist bereits geklärt: Eine Jury der Sammlung LBBW wird ein Werk für die Bank auswählen. Wer diesen Ankaufspreis gewonnen hat, wird zur Vernissage der Messe verkündet.
Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Art Karlsruhe 2026