Kunstmesse Art Karlsruhe

"Galerien brauchen Anreize"

Neue Formate, internationales Interesse und eine Kunstmesse mit Ausstrahlung in die Stadt: Olga Blaß und Kristian Jarmuschek sprechen über ihre Bilanz nach zwei Jahren an der Spitze der Art Karlsruhe

Frau Blaß, Herr Jarmuschek, Sie haben die Art Karlsruhe vor zwei Jahren als neues Führungsduo übernommen, die Zahl der Aussteller reduziert und neue Sektionen eingeführt. Wie ist das angekommen?

KRISTIAN JARMUSCHEK: Die neuen Formate kommen extrem gut an. Unser Ziel war, eine klare Struktur zu schaffen. Mit der Veränderung der Hallenreihenfolge wurden die Schwerpunkte der Art Karlsruhe wieder ins Zentrum gestellt, eine klare Hallenstruktur, die Betonung der Skulpturenplätze – ein echtes Alleinstellungsmerkmal –, ein verändertes Teilnehmerfeld und neue Formate erzeugten neue Aufmerksamkeit. Besonders erfolgreich ist re:discover: Wir geben Galerien Raum, Künstlerinnen und Künstler zu zeigen, die zu Unrecht übersehen wurden. Ein Beispiel ist Vera Mercer, die recht spät in ihrem Leben eine einzigartige fotografische Position mit intensiven, üppigen Stillleben entwickelt hat. Dieses Wiederentdecken ist zu einem echten Argument für die Messe geworden. Kunst ist nun einmal Markt – Galerien brauchen Anreize. Dass dieses Modell funktioniert, ist eine sehr gute Entwicklung.

OLGA BLASS: Aus dieser Überlegung heraus hat sich im letzten Jahr re:frame entwickelt, ein Programm zu Künstlernachlässen und Best-Practice-Beispielen. Im ersten Jahr lief das noch etwas unter dem Radar, inzwischen wächst das Interesse deutlich. Dieses Jahr sind fünf Teilnehmende dabei, darunter mit den Kunstpartnern aus Regensburg eine neue Institution. Wir merken, dass private Betroffenheit im professionellen Kontext zu Engagement führt – genau dort liegen die zentralen Fragen: Wie positioniert man Nachlässe im Markt, wie digitalisiert man sie, welche Strukturen braucht es? Entsprechend wächst auch das Umfeld: Informationsstände, ein neuer Preis zum Thema Nachlass, begleitet von mehreren Talks, Initiativen wie die Stiftung Kunstfonds oder auch Anbieter für digitale Werkverzeichnisse. Insgesamt sehen wir, dass diese Themen tragen. Deshalb führen wir die bestehenden Formate weiter und arbeiten ihre inhaltlichen Schwerpunkte nun vertieft heraus.

Sie haben 2024 auch eine eigene Sektion für Papierarbeiten eingeführt. Wie ist Ihre Erfahrung damit?

OLGA BLASS: Arbeiten auf Papier sind ein extrem vielfältiges Medium und liegen meist auch preislich niedriger – ein guter Einstieg in das Sammeln von Kunst. Dieses Jahr haben wir den paper:square noch einmal komplett neu gedacht: in einer kreisförmigen Architektur, die sehr gute Orientierung bietet. Rund 30 Ausstellende mit ebenso vielen Positionen werden dort vertreten sein. Wieder dabei ist unser Einsteigerformat start:block, das wir im letzten Jahr sehr erfolgreich erprobt haben. Wenn ich zum ersten Mal Kunst auf einer Messe kaufen will, welches Werk würde mir jetzt eine Galerie anbieten? Diese Frage haben wir vorweggenommen und den Galeristen gestellt. In start:block sammeln wir die Empfehlungen der Aussteller aus den anderen drei Hallen in einer Sonderschau.

Der Kunstmarkt wirkt derzeit verunsichert: Umsätze stagnieren, vieles scheint in Bewegung. Wie erleben Sie das im Austausch mit den Galerien – und mit welchem Blick schauen Sie auf 2026?

KRISTIAN JARMUSCHEK: Die Akquise im Sommer war tatsächlich schwierig. Die klassischen Formate funktionieren nicht mehr zuverlässig, und diese Unsicherheit ist überall gleich – in Hamburg wie in München, in Berlin genauso wie im Rheinland. Gleichzeitig konnten wir nicht einfach sagen: Die Messe wird günstiger oder kostenlos. Das ist schlicht nicht machbar. Umso überraschender war für uns, wie stabil die Bewerberlage ab September wurde. Offenbar ist das Vertrauen in Baden-Württemberg, das Dreiländereck und in das, was man auf der Art Karlsruhe erleben kann, stark genug. Wer die Messe kennt, kommt mit einer gewissen Sicherheit wieder, gerade in schwierigen Zeiten. Hier gibt es sie, die neuen Kontakte und auch die unprätentiösen Käufer und Sammler in Baden-Württemberg, die man vielleicht gar nicht kennt oder erwartet, die dann mit qualitätsvollsten Sammlungen und großer Kennerschaft überraschen.

OLGA BLASS: Was wir parallel beobachten, ist ein wachsender internationaler Zuspruch. Unter den neuen Ausstellenden kommt etwa die Hälfte aus dem Ausland – aus Europa, aber auch aus den USA oder aus Teheran. Insgesamt liegt der internationale Anteil bei rund 30 Prozent, bei den Neuzugängen dieses Jahr sogar bei 50 Prozent. Diese Aufmerksamkeit spiegelt sich deutlich in der Bewerberlage wider und zeigt, dass Karlsruhe zunehmend auch international als verlässlicher Ort wahrgenommen wird.

Was gibt es jenseits der Messehallen zu erleben?

KRISTIAN JARMUSCHEK: Uns war wichtig, dass die Messe in die Stadt ausstrahlt. Am Samstagabend gibt es einen Galerienrundgang, bei dem die Karlsruher Galerien länger öffnen. Das hat letztes Jahr sehr gut funktioniert – eine Bewegung durch die Stadt, wie man es auch bei Art Weeks in anderen Städten kennt. Am Freitagabend arbeiten wir mit den Projekträumen zusammen, unter dem Namen Kunstrauschen. Auch viele Karlsruher Gäste haben dabei erstmals entdeckt, welche Ateliers, Ausstellungsorte und alternativen Formate es direkt in ihrer Nachbarschaft gibt. Besonders stolz sind wir auf den Donnerstagabend: Die Eröffnungsparty findet gemeinsam mit den Museen des Hallenbaus im ZKM statt. Letztes Jahr haben sich hierbei spontan nächtliche Führungen ergeben – mit den Direktoren der Kunsthalle und der Städtischen Galerie. Das war ein sehr lebendiger Moment: junge Leute, die lokale Szene, internationale Gäste – und das Gefühl, dass die Messe wirklich in der Stadt angekommen ist.

Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Art Karlsruhe 2026