Art-Karlsruhe-Sektion "re:discover"

Auf Wiedervorlage

Die Sektion "re:discover" bringt auf der Art Karlsruhe Vergessenes ins Rampenlicht: Bettina von Arnims dystopische Cyborgs, Helmut Brades eigenwillige Plakate und Vera Mercers opulente Stillleben warten auf neue Entdecker

Bettina von Arnim in der Galerie Poll | Berlin

Posthumane Maschinenwesen bevölkern die Malerei und die Papierarbeiten Bettina von Arnims. Einsame Cyborgs bewegen sich durch wie mit Zirkel und Lineal konstruierte, dystopische Landschaften, andere erscheinen bereits von jeglichem Leben verlassen. Die Bilder von Arnims lassen sich als frühe Warnungen vor der Zerstörung der Umwelt und den Folgen der Industrialisierung verstehen. Bereits Ende der 1960er-Jahre verwies sie auf die Gefahr der "Machtergreifung der Technokraten". Die Künstlerin, geboren 1940 im brandenburgischen Zernikow, studierte von 1960 bis 1965 an der Hochschule für bildende Künste in Berlin bei Fritz Kuhr und gründete in den frühen 1970ern gemeinsam mit Maina-Miriam Munsky, Wolfgang Petrick und Joachim Schmettau die Gruppe Aspekt als Zusammenschluss für Künstler des Kri- tischen Realismus. 1975 zog sich von Barnim nach Frankreich aufs Land zurück, malte dort weiter. In Gruppenausstellungen war sie immer wieder vertreten, Werke der Künstlerin befinden sich unter anderem in der Sammlung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin und der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, doch eine große institutionelle Einzelausstellung steht noch aus. Die Galerie Poll zeigt auf der Art Karlsruhe Malerei, Zeichnungen und Radierungen von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren.

Galerie Poll Berlin

Bettina von Arnim "Swimmingpool", 1975
Foto: © Bettina von Arnim / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, courtesy Galerie Poll, Berlin

Bettina von Arnim "Swimmingpool", 1975

Helmut Brade in der Galerie Erik Bausmann | Halle

Ans Theater kam Helmut Brade eher zufällig. 1972 animierte ihn sein ehemaliger Mitschüler Achim Freyer, sich doch einmal als Bühnenbildner zu versuchen. Wenig später engagierte ihn Regisseur Benno Besson für ein Stück an der Volksbühne Berlin: "Die schöne Helena" von Jacques Offenbach in der Fassung von Peter Hacks. Brade, der 1936 in Halle an der Saale geboren wurde und von 1955 bis 1960 dort an der Hochschule für industrielle Formgestaltung studierte, hatte zuvor als Gebrauchsgrafiker gearbeitet. Schon für "Die schöne Helena" entwarf Brade auch das Plakat. Viele weitere folgten. Brades Kunst ist Auftragskunst, aber eine, die stets eigenwillig und souverän, nie rein illustrativ daherkommt – was auch die Präsentation einer Auswahl seiner Plakate auf der Art Karlsruhe bei der Galerie Erik Bausmann beweist. Mit unverkennbarem Strich, mal schnodderig und mit hintersinnigem Witz, mal mit stiller Noblesse und sachlicher Strenge, gestaltete Brade über 750 Plakate für Theater und Oper, Museen und Kinos, die stets auch viel über Zeit und Kontexte ihrer Entstehung erzählen. "Das Leben mit Plakaten ist ein Leben mit Inhalten, die sich dauernd verändern und die dazu zwingen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die man sich nicht aussuchen kann", so hat es Brade einmal gesagt.

Galerie Erik Bausmann

Helmut Brade "Georg Tabori: Mein Kampf", Plakatentwurf Kleines Thalia Theater, Halle, 1991
Foto: © Helmut Brade

Helmut Brade "Georg Tabori: Mein Kampf", Plakatentwurf Kleines Thalia Theater, Halle, 1991

Vera Mercer in der Galerie Schlichtenmaier | Grafenau und Stuttgart

Blumen, Zweige und Pilze, arrangiert zwischen Porzellan und Gläsern, beschlagenem Silberbesteck, heruntergebrannten Kerzen und üppigen Ölfarben: Die Stillleben von Vera Mercer sind sorgfältig komponierte Szenerien mit oft surrealistischer Anmutung. Mercer, geboren 1936 in Berlin als Tochter des Bühnenbildners Franz Mertz, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Tänzerin. Am Landestheater Darmstadt lernte sie 1958 ihren ersten Mann kennen, den Schweizer Künstler Daniel Spoerri. 1960, damals lebten sie bereits in Paris, entstanden Porträts von Künstlerinnen und Künstlern ihres Umfelds, von Eva Aeppli, Jean Tinguely, Niki de Saint-Phalle, später Fotoreportagen über Samuel Beckett, Andy Warhol oder Marcel Duchamp, dazu Genrebilder aus den Pariser Markthallen und von Menschen im Restaurant. In den 1990ern, da war sie längst mit ihrem zweiten Mann Mark Mercer in die USA gezogen, wandte sie sich zunehmend der Welt der Dinge zu, perfektionierte ihre Interpretation der Nature morte und entwickelte ein Konzept von Schönheit, der immer etwas Groteskes beiwohnt. Kürzlich erst widmete das Zentrum für Aktuelle Kunst in Berlin ihr eine Retrospektive. Auf der Art Karlsruhe zeigt die Galerie Schlichtenmaier neue Blumen-Stillleben der Künstlerin, deren Opulenz und satte Farben Lebenslust ebenso wie Vergänglichkeit atmen.

Galerie Schlichtenmaier

Vera Mercer "The Painter", 2021
Foto: © Vera Mercer

Vera Mercer "The Painter", 2021

Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Art Karlsruhe 2026