Art-o-rama in Marseille

Mehr Ausstellung, weniger Messe

Wie wird aus einer Stadt ohne großen Galerienmarkt ein internationaler Kunstort? Die Art-o-rama in Marseille setzt seit fast 20 Jahren auf junge Galerien, kuratorische Präsentationen und niedrige Standkosten. Ein Rundgang durch eine Messe und eine Szene, die sich nicht damit begnügt, auf den großen Kunstmarkt zu warten

Ist es verrückt, eine Messe in einer Stadt ohne nennenswerte Galerienszene zu gründen? Vielleicht. Jérôme Pantalacci, Direktor der Kunst- und Designmesse Art-o-rama, hat das 2007 getan. "Früher war man unsichtbar, wenn man in Marseille war", sagt er heute. "Jetzt kann man von hier aus eine internationale Galerie führen."

Sonne, Meer und vergleichsweise günstige Mieten zogen allein in der vergangenen Dekade jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen unter 34 in die Hafenstadt, darunter viele Künstlerinnen und Künstler. Und auch ein Kurzbesuch lohnt sich: Parallel zur Messe zeigen Institutionen, Galerien und Projekträume ihre Ausstellungen, und Systema, ein jährliches Treffen internationaler Projekträume und unabhängiger Kunstinitiativen, bespielt seit 2022 während des Messewochenendes den Palais Carli.

Vom 28. bis 30. August lief die Art-o-rama in der Friche la Belle de Mai, einer ehemaligen Tabakfabrik, die heute für Kunst und Kultur genutzt wird. In den Gründungsjahren fuhren die Galeristen nach dem Eröffnungswochenende nach Hause, ihre Ausstellungen liefen aber noch zwei Wochen weiter. Das Credo – mehr Ausstellung, weniger Messe –, das auf die 1996 von Roger Pailhas gegründete Vorgängermesse Art Dealers zurückgeht, bleibt bis heute spürbar. Blue-Chip-Galerien und Botox sucht man hier vergebens. Zu sehen sind Präsentationen, die auf Kuration und Entdeckung setzen. 19 Galerien sind zum ersten Mal dabei, mehr als die Hälfte dieser Neuzugänge wurde erst in den vergangenen fünf Jahren gegründet.

"Für uns ist es das zweite Mal", erzählt Sara Castillo, Direktorin der Galerie Dilalica in Barcelona – bis vor sechs Jahren noch ein Projektraum. Ihre erste Teilnahme war kostenlos: Seit fünf Jahren ermöglicht Art Barcelona, der Verband katalanischer Galerien, einem seiner Mitglieder die Teilnahme in Marseille. Die Messe stellt den Stand, der Verband übernimmt die übrigen Kosten. Und Dilalica ist wiedergekommen.

In diesem Jahr zeigen sie ungerahmte Leinwände und Papierarbeiten der Ukrainerin Masha Silchenko neben zerbrechlich wirkenden architektonischen Skulpturen von Laura Sebastianes aus Spanien, beide in ihren 30ern. Silchenko hat die Leinwände ungrundiert mit Öl bemalt, der Stoff wirkt steif. Ihre pastellfarbenen Szenen, in denen Häuser mit zahlreichen Fenstern vor Wolkenformationen auftauchen, scheinen dagegen eher zu schweben, sich zu entziehen, wie Sequenzen an der Schwelle zwischen Schlafen und Wachen, die nur dann greifbar bleiben, wenn man sie noch im Bett notiert. Neben den Leinwänden steht ein Mini-Ofen, eine Skulptur von Sebastianes aus Aluminium und Eisen. Er könne tatsächlich als solcher benutzt werden, erklärt Galeriedirektorin Sara Castillo schmunzelnd. Allerdings ist er so winzig, dass man darin höchstens eine Erbse oder eine Pizza in der Größe eines Fingernagels backen könnte.

Installationsansicht: Messekabine mit Gemälden, Wandobjekten und zentraler Bodenarbeit, Skulptur
Foto: Margot Montigny, courtesy Art-o-rama

Der Stand von Dilalica mit Arbeiten von Masha Silchenko und Laura Sebastianes


Auch die Art-o-rama vergibt Preise – ganze zwölf. Aber auch davon abgesehen bietet sie einen der kostengünstigsten Einstiege in den europäischen Messebetrieb: Ein Stand kostet für Galerien, die jünger als sieben Jahre sind, 3500 Euro, für ältere 4000 Euro. Zum Vergleich: Ein Solo-Stand für Erstaussteller auf der Liste Art Fair Basel, die als "erschwinglicher" Einstieg in den europäischen Kunstmarkt gilt, kostet rund 8000 Euro.

Als einziger Händler aus Deutschland ist die Berliner Galerie Dittrich & Schlechtriem vertreten, die demnächst eine zweite Dependance in Köln eröffnet. Hier wirkt alles prall und frisch: Lukas Städlers in kühlem Silber gerahmte sommerliche Fotografien von aufgeschnittenem Obst und nackter Haut sind in diesem Jahr in Marseille und der Provence entstanden.

Installationsansicht: acht mittelformatige gerahmte Farbfotografien in Reihe an weißer Messewand
Foto: Margot Montigny, courtesy Art-o-rama

Stand von Dittrich & Schlechtriem mit Fotoarbeiten von Lukas Städler


Aus Frankreich kommen neun Galerien, aus Marseille selbst sind es nur drei. Eine davon ist Sissi Club. Die beiden Marseillerinnen Élise Poitevin und Anne Vimeux gründeten den Ort 2019 als Projektraum, damals waren sie 24 und gerade mit ihrem Kunstgeschichtsstudium fertig. "Wir hatten Lust, unser Wissen direkt in die Tat umzusetzen", erzählt Poitevin. 2022 wurde aus dem Projektraum offiziell eine Galerie, auf der Art-o-rama sind sie zum fünften Mal. In diesem Jahr waren die beiden jungen Galeristinnen erstmals auch Teil des Auswahlkomitees der Messe.

Joshua Merchan Rodriguez, der 1996 in Kolumbien geboren wurde und vor zwei Jahren sein Kunststudium in Paris abgeschlossen hat, habe sich entschieden, die Wände ihres Standes in "ivoire" zu streichen, elfenbeinfarben, erzählt Poitevin. In der Mitte steht eine Installation aus Plastikboxen, in denen Objekte wie Uhren, Drähte, Kabel und Schlüssel in ungesund aussehenden Lösungen in Knallblau und Pipigelb liegen. Kupfer und andere leitfähige Materialien oxidieren darin vor sich hin.

An den Wänden hängen kleinformatige Bilder in Pastellfarben, die das softe "ivoire" des Standes aufnehmen – eine Weichheit, die sich auf die Farbpalette beschränkt. Die Serie gibt der Präsentation ihren Titel: "All direction is curved – All motion is spiral". Der Satz stammt von Walter Russell (1871-1963), einem Maler und Bildhauer, der ein Modell des Universums auf Grundlage von Kurven und Spiralen entwickelte. Rodriguez übernimmt auch Russells Ansatz, wissenschaftliche Daten nicht von Glauben zu trennen, Genauigkeit nicht von Intuition: Er hat physikalische Diagramme in den pastellfarbenen Kunststoff graviert, einzelne Schichten des Materials aufgeschnitten und Bilder in die so freigelegten Flächen integriert. Am häufigsten erscheinen Wärmebilder in Rot, Blau, Gelb und Grün. In diesem Farbspektrum verlieren die Dinge für einen Moment ihre Kategorien: Ein menschlicher Körper kann darin dasselbe Rot annehmen wie ein Objekt im Weltraum – oder eine Farbfläche in einem Gemälde.

Auf dem Dach wird getanzt

Zwar kann man die Marseiller Galerien in den angenehm überschaubaren Messehallen an einer Hand abzählen, dafür zeigt sich die lokale Szene an ganz unterschiedlichen Orten in der Stadt. Allein in der Friche la Belle de Mai sind neben der Messe mehrere institutionelle Ausstellungen zu sehen.

Auf Höhe der Dachterrasse zeigt Zineb Sedira ihren Film "Les rêves n’ont pas de titre" auf einer Art Kinotribüne, auf die man erst einmal hinaufklettern muss. Der Film wurde 2022 im französischen Pavillon auf der Biennale von Venedig präsentiert. Darin verwebt die französisch-algerische Künstlerin Filme aus Frankreich, Italien und Algerien der 1960er- und 1970er-Jahre mit ihrer eigenen Biografie – es wird viel getanzt.

Im fünften Stock ist die Abschlussausstellung der Absolventinnen und Absolventen der Marseiller Kunsthochschule zu sehen. Die Schau "Glaneuses et glaneurs", deren Titel auf Agnès Vardas Film "Les Glaneurs et la Glaneuse" anspielt, ist von Chloé Bonnie More kuratiert. Vor zwei Gemälden von Florian Leu erzählt More vom generationenübergreifenden Blick der diesjährigen Absolventinnen und Absolventen. Die Bilder zeigen einen gelöst lächelnden, grauhaarigen Mann und eine Frau mit Perlenohrringen, großer Brille und blau-violett schimmernder Bluse, die erwartungsvoll die Kerzen in Form der Zahl 78 auf ihrer Geburtstagstorte auspustet, die Zunge zwischen den Lippen.

Wer Menschen öffnet, findet Landschaften

Die Werke sind auf unterschiedlichen Höhen angebracht, lugen aus Spalten und Winkeln, sodass man in Bewegung bleibt, fast wie beim Durchwandern einer Landschaft. Man bückt sich zu einer Keramikvase hinunter, in die Fundstücke aus den Calanques – Gräser, Blüten und Kopfhörer – eingraviert sind, gleitet mit den Augen an einer Reihe in unterschiedlichen Höhen angebrachter Zeichnungen von Vogelkreaturen entlang und hebt den Blick wieder zu einer Installation, die wie ein schwarzes Rohr mit Stacheln aus einem Spalt an der Decke ragt. Dieses Auf und Ab der Hängung erinnert nicht zufällig an hügeliges Gelände: Die Kunsthochschule liegt im Nationalpark der Calanques, direkt am Meer. Und Agnès Varda sagte einmal: "If we opened people up, we’d find landscapes."

Im vierten Stock der Friche zeigt das Kunstzentrum Triangle-Astérides in "Jouer la montre" Mona Benyamins neues filmisches Diptychon "Dress Rehearsal": links einen Chor, der Maurice Ravels "Boléro" in Moll singt, verschränkt mit Klängen arabischer Musik, während die Eltern der Künstlerin im Video rechts in einer Endlosschleife bis zur Erschöpfung eine Wendeltreppe hinauf- und wieder hinabgehen. Neben den Motiven von Refrain und Wiederholung zieht sich Humor durch die Schau. In dem Video "Moonscape" (2020) dokumentiert Benyamin ihre E-Mails an die Lunar Embassy, die Grundstücke auf dem Mond verkauft. Ausgangspunkt des Films ist die absurde Frage, ob es für Palästinenser leichter ist, Land auf dem Mond zu erwerben, als in ihre Heimat zurückzukehren. Benyamin will wissen, wie viele ihrer Landsleute tatsächlich Grundstücke auf dem Mond besitzen. Die Antwort der Lunar Embassy: keiner.

Im Stockwerk darunter ist "Sur les ruines, les pierres fleurissent" von Abdessamad El Montassir zu sehen. In Videos und Glasskulpturen untersucht er, wie Bäume, Sand und Wind zu Zeugen der Geschichte der Sahara werden und diese jenseits von Worten speichern und weitergeben.

Wo die Kunst Schule macht

Neben den institutionellen Ausstellungen lohnte sich auch der Weg in die Projekträume Giselle's Books und SPF50 sowie zur neuen Galerie Madmax, die während des Messewochenendes in den Räumen einer ehemaligen Privatbank eröffnete. Gründer Maxim Vignolles ist der Lebenspartner des Berliner Galeristen Juerg Judin.

Die fünfte Ausgabe von Systema fand derweil im Palais Carli statt, dem zwischen 1864 und 1874 gebauten ehemaligen Sitz der Marseiller Kunsthochschule und Stadtbibliothek, in dem heute das Conservatoire Pierre Barbizet für Musik, Tanz und Theater untergebracht ist. Seit 2022 nutzt Systema während des Messewochenendes wechselnde Teile des Gebäudes. Manche sind inzwischen wegen des baulichen Verfalls nicht mehr zugänglich, dafür kamen in diesem Jahr erstmals Flure und Unterrichtsräume hinzu. Mit Notenlinien bedruckte Tafeln und einzelne zurückgelassene Tische, Stühle, Klaviere und Flügel erinnern daran, dass hier sonst studiert und geprobt wird.

Videoarbeiten tauchten zwischen Streben unter Bühnen und in Türnischen auf, lehnten an Klavieren oder standen auf Treppenabsätzen vor der abblätternden Tapete. Papierarbeiten waren in alten Schaukästen angebracht, Skulpturen lagen auf schwarz lackierten Flügeln neben ornamentalen Treppenläufen. Hinter der einen oder anderen Tür entdeckte man bis zur Decke ausgemalte Räume voller abgedeckter Flügel, mit meterhohen Fenstern, vor denen der Staub in der Abendsonne flirrte.

Foto: symmetrischer Steintreppenaufgang; zentrale Statue, seitliche Türen, Streiflicht.
Foto: Raphaël Massart

Installationsansicht der Systema, 2026

Die Finger nach den Rändern des Menschlichen ausstrecken

Eine Schwarz-Weiß-Aufzeichnung von Carolee Schneemanns Lecture-Performance "ABC – We Print Anything – In the Cards" (1977) plärrte auf einem Regalbrett zwischen den deckenhohen, leerstehenden Bücherregalen der alten Bibliothek. Aus Briefen, Karten und persönlichen Aufzeichnungen setzte Schneemann darin die Geschichte einer zerfallenden Liebesbeziehung zusammen. Im angrenzenden Raum hing wie eine ausgeblichene Fahne die großformatige Kohlearbeit "Figure Damaging a Warplane with a Hammer or Small Hatchet" (2026) der New Yorker Malerin Willa Wasserman vor den dunklen Holzregalen. Die gewaltvolle Szene schält sich nur schemenhaft aus den Grautönen heraus.

Im Innenhof mit Blick auf den runden Po einer Replik von Michelangelos "David" gab es erst eine Party und dann allabendlich Programm, darunter elektronische Klänge von David Maranha aus Lissabon, die sich an der roten Ziegelfassade entlang in den milchig weißen Himmel zwirbelten, unter dessen Wolkendecke sich seit Tagen die Hitze staute. 

Installationsansicht: große blaue Vorhänge im Arkadenhof; Person am Spalt; rote Stoffbahn.
© Systema, die Künstlerin und Raphaël Massart

Olga Hohmann "The Misfortunes of Virtue", 2026

Auch der Berliner Projektraum Juliet organisierte Performances, darunter "The Misfortunes of Virtue" von Olga Hohmann, die ein Gemälde von Piero della Francesca zum Ausgangspunkt nahm, um in ihrem ganz eigenen Genre zwischen Poesie, Prosa und Gesang ihre Arme bis in die Spitzen der langen, manikürten Fingernägel hinein nach den Rändern des Menschlichen auszustrecken, und "Theft is Theft" von Magdalena Mitterhofer, die als Kunstdiebin verkleidet die Frage aufwarf, ob ein geklautes Werk eigentlich besser ist als eines, für das sich keiner interessiert.