Künstler Artur Krutov über Supercomputer

"Die KI nähert sich unserer menschlichen Natur an"

Der Künstler Artur Krutov hat ein Bild entworfen, das den Supercomputer Claix-2023 an der Technischen Hochschule Aachen ziert. Im Interview spricht er über Chaos und Ordnung, KI-Kunst und Rechenzentren als wichtige Orte einer Demokratie


Artur Krutov, wenn ich mir Ihr Kunstwerk für den Supercomputer an der RWTH Aachen so ansehe, weiß ich nicht genau, ob das abstrakt oder figurativ ist. 

Meine Aufgabe lautete, die Welt digitaler Materie darzustellen, und meine Idee war es, den Betrachterinnen und Betrachtern das Gefühl zu vermitteln, dass sie sich in der Simulation befinden, die im Computer stattfindet. Deshalb habe ich eine Bildsprache entwickelt, um Materie, Atome und Partikelspuren darzustellen. Das mag Ihnen abstrakt vorkommen, aber die Formen sind auch sehr buchstäblich. Als wir das Bild anordneten, wurden die Dinge noch ein bisschen komplexer. Auf einer Seite erschien etwas, das wie ein schwebendes bewusstes Wesen aussah, dann habe ich das Bild symmetrisch gestaltet, um eine Polarität darzustellen.

Wie sah denn Ihr Entwurfsprozess aus?

Es gibt eine Software für Künstlerinnen und Motion Designer, die eigentlich für Explosionen in Filmen benutzt wird; dort gibt es statische Strukturen, in die Partikel hineingeworfen werden. Diese Welt habe ich erkundet. Ich habe versucht, aus ihrer Tiefe zu schöpfen. Daraus ist ein Projekt über das Verhältnis von Chaos und Ordnung geworden. Seit ich aus Russland nach Berlin gekommen bin, hat sich mein Leben sehr verändert, und mit dieser Arbeit gehe ich auch meinen persönlichen Gefühlen nach. 

Sie haben Chaos erwähnt – spielt etwa der Zufall eine Rolle in ihrer Arbeit?

Es gibt ein Programm namens Houdini ...

… mit dem man Partikel, Explosionen und Flüssigkeiten simulieren kann?

Genau. Das ähnelt dem, was in dem Computer zu Forschungszwecken passiert, nur, dass es dort viel präziser passiert. Das spiegelt die physikalischen Prozesse in der realen Welt wider, und meine Aufgabe war, das Ganze verständlich zu machen. Denn ohne Erklärung ist das schwer zu begreifen. Wenn man zwischen den beiden Computern steht und die digitale Materie sieht, dann hat man ein bisschen das Gefühl, sich im Inneren der Simulation zu befinden. Das ist mystisch und komplex, aber das macht es auch nachvollziehbar. 

Sie haben den Computer nicht entworfen, ihm aber eine weitere Ebene hinzugefügt. Was ist der Unterschied zwischen Design und der Herstellung eines Kunstwerks?

Ich sollte den technischen Teil in eine Metapher übersetzen, und dabei versuche ich, verschiedene Welten zu verschmelzen. Das ist wahrscheinlich einer der hundert leistungsstärksten Computer der Welt – aber sein Design ist einzigartig.

Wer ist das Publikum für Ihr Kunstwerk? 

Zumeist die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungszentrums – die ja auch verstehen, worum es bei der Forschung geht. Das macht die Aufgabe einfacher. Ohne das Bild besteht der Computer nur aus zwei großen schwarzen Kästen. Man kann nicht erkennen, wie leistungsstark er ist. 

Die beiden Kästen könnte man auch für eine minimalistische Skulptur halten. 

Ja, das stimmt. 

Wir reden über einen wissenschaftlichen Supercomputer – das klingt für mich wie ein Phänomen aus dem 20. Jahrhundert. Heute stelle ich mir die mächtige Rechenleistung eher verteilt vor, auf abgelegene Datenzentren, die man nie sieht – eine fast unsichtbare Architektur. 

Das ist unterschiedliche Hardware für unterschiedliche Zwecke. Es gibt die alte Metapher, dass unser Gehirn einem Computer ähnelt. Wir Menschen haben das Gehirn immer mit der fortschrittlichsten Technologie verglichen. Jetzt gibt es Künstliche Intelligenz, die noch ein wenig komplexer ist. Nehmen wir den Chip-Hersteller Nvidia, der früher auf Grafikkarten spezialisiert war, heute aber auch Supercomputer beliefert. Der Unterschied zwischen Videokarten und CPUs – Central Processing Units – ist wichtig: Eine Videokarte kann in kurzer Zeit viele einfache Operationen ausführen. Ein Prozessor hingegen löst viel kompliziertere Formeln, eine nach der anderen. Er braucht mehr Zeit, aber die Ergebnisse sind präziser. Ich habe das Gefühl, dass unser Unterbewusstsein einer Grafikkarte ähnelt, und das Bewusstsein wie ein Prozessor arbeitet. KI speist sich aus einem riesigen, abstrakten, multidimensionalem Datenpool – ähnlich wie Instinkte und Erfahrungen –, der sich nur schwer logisch beschreiben lässt. Die KI nähert sich so unserer menschlichen Natur an. 

Haben Sie dann nicht Angst, dass die KI eines Tages Ihren Job übernehmen könnte?

Auf jeden Fall. Ich experimentiere damit, aber ich verstehe auch, dass Kunst, die weniger konzeptuell ist, schon von KI gemacht wird, und zwar in einer wahnsinnigen Qualität. Ich nutze das, bin jedoch kein großer Liebhaber von Künstlicher Intelligenz. Es ist eigentlich auch ethisch nicht vertretbar, denn alles, was die KI kann, wurde auf Grundlage der Arbeit anderer entwickelt. Bloß wird sich die Technologie durchsetzen und ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Instrumentariums werden. 

Die Erbsünde der KI ist, dass sie die Arbeit anderer gestohlen hat. Ist es dabei nicht traurig, dass Roboter das Designen und Schreiben übernehmen, während wir trotzdem noch unsere Wohnung putzen und den Müll runterbringen müssen?

Es ist schon beinahe ein Kompliment, wenn man sagt, dass etwas aussieht, als wäre es mit KI gemacht. Aber der kreative Prozess gehört der KI nicht. In der Wissenschaft sehe ich das positiver. Das macht Hoffnung auf eine bessere Zukunft. 

Francesca Bria findet, dass Rechenzentren in der Mitte unserer Städte stehen sollten. Sie sollten, so sagt die Ökonomin, für alle zugänglich sein, weil sie wichtige Orte für Demokratie und Öffentlichkeit sind. Glauben Sie, dass Kunst dabei helfen kann, solche Räume zu schaffen?

Das wäre großartig. Supercomputer sind auf Effizienz ausgerichtet, das hat erstmal nichts mit Kunst zu tun. Wenn wir Rechenzentren als monumentale Objekte bauen, mit Glasdecken zum Beispiel, dann könnten sie auch öffentliche Räume werden. Aber es ist doch komplizierter, wenn die Prozesse darin für die breite Öffentlichkeit nicht transparent sind. Das kann zu einem Mangel an Vertrauen führen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass gerade dieser Supercomputer in Aachen mit öffentlichen Mitteln finanziert ist und für die Forschung eingesetzt wird – das ist etwas ganz anders als die Datensammlung, die private Unternehmen betreiben. Ich möchte hoffen, dass das zum Guten eingesetzt wird.