Alles nur ein Witz? Während man andernorts über den schleppend laufenden Kunstmarkt und Kulturkürzungen klagt, wurde auf der Astoria Artshow in Wien – der vorläufig jüngsten Kunstmesse im alten Europa – gut gelaunt gescherzt. "Wird das hier das neue Guggenheim? Das Guggenheim Wien?", fragte der ein oder andere Besucher ironisch, während er die spiralförmige, an das berühmte Museum in New York erinnernde Auffahrt der modernistischen Astoria Turmgarage von 1935 hinaufging.
Jetzt verhält es sich mit Witzen ja so: Sie sind immer dann besonders gut, wenn sie etwas Wahres sagen. Oder anders: Hat die Wiener Kunstszene mit ihrer neuen Messe einen wirklich guten Grund, zu lachen?
Für heitere Stimmung sorgten erstmal die spektakulären Wege nach oben aufs Dach des Parkhauses. Neugierige Besucher, von denen es am ersten der drei Messetage ziemlich viele gab, konnten die drei Etagen der Ausstellung nicht nur über die Guggenheim-Spiralrampe oder die Zickzacktreppe daneben begehen. Wer sich von starken Fliehkräften und schlaglochartigem Geruckel nicht abschrecken ließ, konnte auch die rasante Fahrt im Golfcart wählen oder flog – deutlich eleganter – die luftige Spirale im kleinen Holzlift hoch.
"Die sonst so zerstrittenen Wiener Galerien haben sich endlich zusammengerauft"
Oben angekommen, folgten (zumindest für Journalisten und ein interessiertes Fachpublikum am Donnerstagmorgen) erst mal die Zahlen. Auf der Pressekonferenz präsentierte die Messeleitung – 35 Wiener Galerien, zusammengeschlossen als Vienna Art United – die harten Fakten ihrer Astoria Artshow: 66 Galerien aus Wien, Österreich und Europa, 120 internationale Künstlerinnen und Künstler, 400 Kunstwerke auf rund 500 Quadratmetern. Und das in nur drei Monaten organisiert, wie der Co-Gründer Markus Peichl stolz zu Protokoll gab. Peichl ist Betreiber der Galerie Crone und das Sprachrohr der Messe: "Die sonst so zerstrittenen Wiener Galerien haben sich endlich zusammengerauft."
Grund für diese spontane Kooperation sei auch das Anfang 2026 verkündete Ende der Viennacontemporary und der Spark gewesen, der beiden bis dato zentralen Kunstmessen in Wien. Gescheitert waren diese an ihrer Unwirtschaftlichkeit, am Fehlen von tragfähigen Sponsoren und dem Mangel an öffentlicher Förderung. An der wirtschaftlichen Gesamtsituation, am stagnierenden Kunstmarkt und den knappen Kulturkassen, hat sich seitdem nichts geändert. Was also will der Wiener Galeristen-Verein mit seiner neuen Messe?
Man wolle es vor allem anders machen, lautete die Antwort im Pressegespräch. Mit "einer Mischung aus Messe und Ausstellung", einer "Art Salonmesse", wie Markus Peichl sagte.
Direkter, flexibler und sparsamer
Max Mayer, der mit seiner gleichnamigen Berliner Galerie am Reanimationsversuch in Wien beteiligt ist, ergänzte, man wolle sich unabhängig von großen Messestrukturen machen. Was vor allem bedeutet, dass die Galerien in ihrer Selbstorganisation direkter, flexibler und dadurch sparsamer handeln könnten. Sicher auch deshalb beschwor Markus Peichl immer wieder den Geist der Eintracht: Allein, dass es überhaupt klappt mit so einer Vereinigung, sei in diesen als schwierig verschrienen Zeiten ein wichtiges Zeichen.
So weit, so vielversprechend. Gewirkt hatte die Krisenkollektiv-Rhetorik zumindest bei der Stadt Wien, die die Messe ab nächstem Jahr laufend fördern will. Was, wohlgemerkt, überhaupt das erste Mal wäre, dass die Stadt eine Kunstmesse aus ihrem Kulturbudget unterstützt.
Warum sie das tut, versuchte Isabell Kisling-Steinek von der Galerie Steinek zu erklären: Die Bildende Kunst trage 1,41 Prozent zum österreichischen Bruttoinlandsprodukt bei, sichere 90.000 Arbeitsplätze und sei gerade in Wien ein Aushängeschild, das weltweit Touristen und Investoren anziehe. Die Astoria wolle diese Energie nun bündeln: Ein Turbomotor für die Kunstwirtschaft, geparkt in der historischen Hochgarage.
Problemlos schien der Zukunftsmotor dann aber doch nicht anzulaufen. Bei der Pressekonferenz im bäuerlichen Schuppen auf dem Garagendach grätschte eine Journalistin mit ihrer Frage dazwischen. Wie hoch denn die Fördersumme der Stadt für die diesjährige Preview-Edition der Messe gewesen sei, wollte sie von Markus Peichl wissen. Peichl – berufsbiografisch ein Medienprofi – sprach von einer "Stillschweigeerklärung" und bald einsehbaren Rechenschaftsberichten.
Das überzeugendste Argument für den von den Organisatoren so stark beworbenen Aufbruchsgeist lag dann im Provisorischen: im lockeren Zusammenspiel zwischen den frei im Raum verteilten Werken und den architektonischen Besonderheiten des Ortes. Besonders gut gelang das bei den Sinnspruch-Bildern von Lawrence Weiner (bei der Galerie Hubert Winter). Deren Botschaften – "Mein Haus ist dein Haus" – spielten mit den Befehlen "Motor abstellen!" oder "Rauchen verboten!" an den Wänden der alten Astoria-Garage munter Ping-Pong.
Ein prophetisch-witziger Kommentar auf den Kunstbetrieb
Aber auch Mark Dions komisches Taxonomie-Kabinett (Lombardi-Kargl), inklusive eines ausgestopften Wolfs und einer naiven Zeichnung verschiedener Documenta-Direktoren als exotische Vögel, passte perfekt in den umliegenden Raum, die ehemalige Schrauber-Werkstatt der Garage. Bei Carola Dertnig (Crone Berlin) konnte man ein ähnlich verschmitztes Grinsen finden; in ihrer Videoarbeit nahm sie sich den Ausstellungsort selbst vor: ein Wiener Parkhaus, zwar nicht das Astoria, aber ein sehr ähnliches. Slapstickhaft zeigt sie dabei misslingende Einparkversuche in Dauerschleife und nahm Vorurteile gegen Frauen am Steuer auf die Schippe.
Witz und Selbstironie, zwei eher selten gewordene Kategorien in der Gegenwartskunst, begegnete man beim Astoria-Rundgang übrigens öfter, gerade bei den internationalen Galerien. Bei Pusher aus London etwa flogen die Logos der Auktionshäuser Bonhams, Christie’s und Sotheby’s als Werbeprojektionen über die Wände: eine Lichtinstallation von Georgie Nettell.
Bei Autokomanda aus Belgrad stellte man den windigen Charakter des Messebetriebs selbst aus. Auf dem Boden lagen, jederzeit zur Flucht oder zum Aufgeben bereit, die Verkaufsteppiche von Straßenhändlern, bestückt mit genormter Touri-Ware. Colosseum, christliche Ikonen, Schiefer Turm. Die Arbeiten stammten von Mitchell Anderson und Marianne Mueller.
Witz und Architektur scheinen die Wiener zu beherrschen
Ob dieser selbstironische Versuch der Galeristen auch Käufer gezogen hat, muss sich erst noch zeigen. Davon hängt jedenfalls die Zukunft der Astoria ab, wie das Schicksal jeder Messe. Künstlerisch und konzeptuell ist ihr humorvolles Problembewusstsein schon mal ein Gewinn, genauso wie ihr Ort. Witz und Architektur scheinen die Wiener also zu beherrschen, was nicht nur auf das Büro Kuehn Malvezzi zutrifft, das die Ausstellung grandios designt hat, sondern auch auf die originellen Schaufenster-Dekorateure der Kaufläden in der Josefstädter Nachbarschaft. Gründe, in Wien Geld auszugeben, gäbe es also genug.
Ein weiterer war sicher die "Zone 1", der grob-unschöne Parkhausname für das Programm junger Künstlerinnen und Künstler auf der Messe. Kuratiert wurde es von der Sammlerin Casandra Hermann. Wo man bei einer kuratierenden Sammlerin vielleicht Zielgruppenbefriedigung erwartet hätte, zeigte sich die Zone 1 auffällig zurückhaltend.
Die ausgewählten youngsters lockten mit romantisch-verrätselter Distinktion. Sei es in Michaela Schweighofers fein gearbeiteten Stoffcollagen (Clages, Köln), in Pol Summers rauer Artefakt-Malerei (Cherry Hill, Köln) oder in den aufblühenden, aber angefressenen Metall-Rosen von Julija Zaharijević (Autokomanda).
Vielleicht muss es doch nicht das Guggenheim sein
Sie alle boten künstlerische Qualität, auf die sich am Ende auch die neue Wiener Messe verlassen muss – und dies in bemerkenswert vielen Fällen auch konnte. Alles andere wäre auch ein schlechter Witz oder, im schlimmsten Fall, Spekulation mit Erwartungen und Steuergeld. Vielleicht muss es doch nicht gleich das Guggenheim sein.
Im snobistischen Witz über die Ähnlichkeit zum New Yorker Museumsgiganten versteckt sich trotzdem eine Wahrheit: der heimliche Wunsch der Wiener, dass sich in ihrer Kunstszene mal wieder etwas richtig Großes tut. Ein Impuls, den die Astoria Artshow mit ihrer Kooperative in Zukunft gut ausspielen könnte. Vorausgesetzt, sie hält.
Man wünscht ihr also, dass in der Berghain-langen Schlange zur Opening-Party am Freitagabend auch zahlreiche begeisterungsfähige Sammler standen.