Die gar nicht so neue MAGA-Konzeptkunst

Auferstanden aus den Ruinen des Linksliberalismus

Donald Trumps MAGA-Bewegung will den US-Pavillon kapern und dort einen Gang-Bang mit Alten Meistern veranstalten. Geschieht uns recht, sagt unsere Gastkolumnistin aus "Bridgerton". Die pseudopolitische Marktkunst war der Prototyp dafür

Hallo liebe Leser, hier ist wieder Lady Whistledown, die gut informierte Society-Kolumnistin aus der Serie "Bridgerton". Heute möchte ich mal über das, ähm, gar nicht so neue Interesse von Donald Trumps Make-America-Great-Again-Bewegung (MAGA) an der glatten Ästhetik der Marktkunst der späten 1980er, 1990er und frühen 2000er sprechen. Ihr erinnert euch: als Richard Princes Marlboro-Männer bei uns in Bridgerton in allen Wohnzimmern und Museen hingen, wir auf Carsten Höllers Rutsche mit anderen Ladys und Kuratoren aus den Fenstern der Berliner KunstWerke sausten, hui! 

Ich denke so gern an diese Zeit, als Kunst noch postkonzeptionell war, "Relational Art" hieß, als um die Wette appropriiert und dem "System" der Spiegel vorgehalten wurde – aber nicht so platt und moralisch wie heute, sondern noch mit Ambivalenz, Ironie, Entertainment. Da kamen die Leute noch in Scharen, gerade wegen der Kritik, der Sensation. 

Jedes Museum war eine Disco, Künstler waren noch richtige Unternehmer und Entertainer: Damien Hirst, Jeff Koons, Philippe Parreno, Pierre Huyghe. Das war so geil. Kapitalismus- und Institutionskritik machten noch richtig Spaß, brachten uns zum Staunen. Du weißt schon, richtige Kunst, was zum Kaufen.

Da wurden noch Tabus gebrochen

Kritik war da bei uns in Bridgerton weiß und sinnlich wie eine Pavlova-Torte. Hirsts Haie in Formaldehyd, Porno mit Jeff Koons und Cicciolina, geschnitzt von ganz alten Handwerkern in Oberammergau. Die werden gestöhnt haben. Da wurden noch Tabus gebrochen. Und keiner fragte, ob das nun korrekt ist. Die Lounges von Rehberger, ein Traum, und die Suppenküche von Rirkrit Tiravanija! Die Drinks! Das Fingerfood! Zum Teil war das echt provokativ: Kara Walker, die Young British Artists, Blutköpfe und Kindermörderinnen, Tom Sachs mit seiner Chanel-Guillotine.  

Und auch früher gab es Aktivismus. Und richtige Skandale. Erinnert ihr euch an die schwarze, mit Elefantenmist verzierte Madonna, "Holy Mother Mary" vom Briten Chris Ofili, 1999 auf der "Sensation"-Ausstellung im Brooklyn Museum of Art? Da tobte Rudy Giuliani, damals noch der Bürgermeister von NYC und drohte das staatlich geförderte Museum zu schließen. 

Oder noch davor, Act-Up, Aids-Krise? Da gab es diesen provokanten Fotografen, Andres Serrano, der machte "transgressive" Kunst, also was mit Sex und Religion. Und in einer Zeit, als die Kirche gegen all die sterbenden und noch rumlaufenden Homos wetterte, fotografierte er ein Kruzifix, das er in seine eigene Pisse legte. Sex und Tod, sage ich da. Und all diese Assoziationen in diesem nebulösen Bild eingefasst.

Ein Halleluja für den Piss-Jesus

Da trat dann Jesse Helms auf den Plan, ein republikanischer Senator, der Bürgerrechte, Rechte von Menschen mit Behinderung, Umweltschutz, Feminismus, LGBTQ+-Rechte und Abtreibungen hasste und ein vehementer Gegner von Act-Up war. Weltweit demonstrierten die LGBTQs gegen Marlboro, weil Philip Morris diesen reaktionären Typen sponserte. Und Helms drohte das "National Endowment for the Arts", also das staatliche Kunstförderprogramm zu beschneiden, damit Ausstellungen mit solchem Dreck nicht mehr unterstützt werden. Ein richtiger Kulturkampf! Das war aber auch gerade das, was Serrano mit seinen sehr vermarktbaren Arbeiten in diesen frühen culture wars provozieren wollte. 

Alle kämpften für die Kunstfreiheit, sogar die "New York Times". Letztendlich wurde der Piss-Jesus 1999 nach einem Schätzwert von 20.000 für 277.000 US-Dollar versteigert. So läuft's mit dem Nachbarn. Und mal unter uns, Ladys, die MAGAs von heute würden sich das Ding in die Bude hängen.   

Ich auch. Direkt in meine Privatkapelle, wo ich morgens meinen Selleriesaft schlürfe und zu Steve Bannon bete. Fucking schneeflockiger Kunstbetrieb. Serrano wusste, was er macht. Wenn ich da an die antisemitische Ruangrupa-Documenta denke, oder den woken Schrott auf der Berlin-Biennale, wird mir richtig schlecht.

Andres Serrano "Piss Christ", 1987
Foto: Wikimedia Commons, © Andres Serrano

Andres Serrano "Piss Christ", 1987


Für das wütende Volk in der Charles-Dickens-Siedlung

Das sieht doch nach nichts aus, nur noch armselig und didaktisch. Das ist doch keine Kunst, all der selbstgebastelte Kram. Das kann doch meine keine Nichte Pippa, die ist drei. Aber liebe Ladys, liebe Queen Charlotte, mein lieber Mr. Tickletoe, es ist wieder Land in Sicht. Eine neue Ära von Kritik, Humor, Kitsch und libertärem Fun bricht an, für alle. Für das wütende Volk in der Charles-Dickens-Siedlung und draußen in den Kolonien ebenso wie für unsere kleine Kunst-Gemeinde. 

Ich hab' echt Schmetterlinge im Bauch, liebe Herzensmenschen! Fast wie das letzte Mal, auf der Hochzeit von Lady Sanchez. Oder als Katy für all die anderen tüchtigen Frauen im Weltall dieses süße Gänseblümchen rausholte. Und stellt euch vor, man munkelt, es geht wieder nach Venedig! 

Dort soll im US-amerikanischen Pavillon auf der nächsten Kunstbiennale eine Art MAGA-Kultur-Gang-Bang stattfinden, in dem nicht nur Europa, sondern auch der ganze marode Kunstbetrieb mal so richtig drangenommen wird. Selbst schuld, wenn ihr im knappen Minirock rumlauft. Und wisst ihr, wer zu dieser Orgie einlädt? Kein Geringerer als Sir Mencius Moldbug, bürgerlich Curtis Yarvin, früher Shit-Poster und Programmier-Nerd, heute rechter Chef-Philosoph von Elon Musk, Peter Thiel und JD Vance.

Die Idee ist so einfach wie genial

Ein charmanter, bescheidener Mann in einer Peter-Maffay-Lederjacke, der aussieht, als ob er zu viel raucht und länger nicht beim Friseur war. Aber er hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist nicht nur selbsternannter "dark lord of the tech right" und Fan von Damien Hirst. Er möchte auch die linksliberalen Institutionen, Medien, Bürokratien, das Sozialsystem, den Kunst- und Kulturbetrieb zerstören und den ganzen Laden rebooten. So wie bei uns in Bridgerton, mit Königen, Queens und CEOs, die wieder richtig regieren, eine kapitalistische Tech-Monarchie, die sich durch ihren Reichtum legitimiert. Just like us, hier im britischen Regency! 

Und stellt euch vor, er war jetzt schon auf der Art Basel, um seinen Pavillon, den er mit einem ägyptischen Stand-Up-Comedian-Bro macht, zu promoten. Mit dem Pavillon-Kommissar der US-Regierung hat er auch schon geredet. Die Idee ist so einfach wie radikal. Er möchte das letzte und besterhaltene Gemälde aus Tizians sogenannter "Poesie-Reihe" mit mythologischen Bildern in den Pavillon hängen: das Renaissance-Meisterwerk  "Der Raub der Europa" aus dem Jahr 1562.

Das Gemälde, das im Englischen "The Rape of Europa", also "Die Vergewaltigung Europas", heißt, hängt heute im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston. Es visualisiert den griechischen Mythos der Europa, die von Zeus, der sich in einen Stier verwandelt hat, auf dessen Rücken entführt und vergewaltigt wird.

Hauptsache, man liegt oben

Und dieses rape-Bild wollen die Bros in den Pavillon hängen, und alle "Künstler", die sich bewerben, einladen, was zum Thema rechte Vergewaltigung zu malen oder zu basteln. Oder einen Podcast zu machen. Na, etwas lahm. Auch interessant, dass die Jungs einen echten Alten Meister aus dem westlichen Kanon hinhängen müssen, damit das Gravitas bekommt, andere Kunst machen lassen, nicht ihre eigenen Wichs-Fantasien ausstellen. 

Aber das ist ja Konzeptkunst. Und die Schändung eine Liebeserklärung. Was sich liebt, vergewaltigt sich ja auch, Hauptsache, man liegt oben. Da können wir alle ein Lied von singen.

Aber Gemach. Ihr müsst erst mal das KI-YouTube-Reel angucken, in dem Lord Schimmelkäfer und sein Freund einen Vorschlag für ihren "Venedig-Biennale-Putsch" machen. Liebe Ladys, da poppen euch die Augen aus dem Kopf. Da sieht man Trump als riesigen goldenen Koloss von Venedig, der Europa wegträgt. Die sieht übrigens aus wie Pam Bondi, die Justizministerin der Vereinigten Staaten. 

"Jede Menge dunkle Aufklärung"

Dann kommt Schimmelkäfer und sagt: Die meisten Leute wissen nicht, dass es "jede Menge dunkle Aufklärung auch in der Kunstwelt gibt". Na, ja, wer mal zu der "radikal-provokativen Performancegruppe" Young Boy Dancing Group im Schinkel Pavillon gegangen ist, die gemeinsam mit dem Künstler und Koch Caique Tizzi für die Society von Bridgerton "ein dynamisches, kulinarisches und multi-sensorisches Food Erlebnis" zauberte, während im Sudan und in Gaza die Menschen verhungern, hat schon einen Geschmack dieser Philosophie der Ungleichheit bekommen. Ein symbolisch aufgeladenes Theater über die aktuelle, irgendwie auch sexy Grausamkeit der Welt, Kriege, Hungersnöte, Spiritualität, Fashion, bei dem artisanal fingerfood und Lebensmittel-Skulpturen genibbelt und Fladenbrot von Besserverdienern von den Sitzbänken gepult wird. Aber Schluss mit der Aufklärung, etwas high end fun in diesen schrecklichen Zeiten muss noch drin sein. 

Dann drückt jedenfalls der KI-Trump im Weißen Haus auf seinen lila Regenbogenmädchen-Button, und schon geht ein Dämonen-Glitzerregen auf Venedig nieder, eine gigantische Flutwelle schwappt über die Stadt, alle sind besessen vom MAGA-Teufel, die ganze elitäre Kunstwelt, die Leute auf der LGBTQ-Demo, Laser-Zombies und brennenden Pride-Flaggen. Zoom auf den US-Pavillon, und unter dessen Giebel steht: "SALON DES DEPLORABLES". Oh, Mann, ich hab Gänsehaut, das ist next level shit. 

Das Tolle an diesem Reel ist die Retro-Ästhetik. Das sieht wirklich aus, als sei der evil Geist von MAGA in diese alte linksliberale, Post Concept Art gefahren, die ja eigentlich die Patin dieser neuen Kunstrevolution ist. Ivanka Trump und Jared Kushner standen nicht umsonst auf Richard Prince, auch wenn der sich von ihnen lossagen wollte.

Zynisch und lustig wie beim Meme

Wer braucht schon ein paar fucking Demokostüme, Filzpuppen oder Filzstiftzeichnungen vom Bürgerkrieg im Sudan, wenn man sich dekolonialisierte, surreale Ölmalerei oder eine gepflegte afrofuturistische Großkeramik hinstellen kann? Wer will diese ganze woke Erklärbär-Käthe-Kollwitz-Kunst, wenn's auch zynisch und lustig wie beim Meme geht?  

Letztendlich waren das doch alles Memes: die Appropriation Art von Cindy Sherman und Richard Prince, die Rutschen, Essenswagen, die verrätselte und verschlüsselte Institutionskritik, die sich mit ein paar erlesenen Connaisseusen zum Tee im Museum oder der Privatsammlung traf, den Sammlern identitätspolitische Rätselbilder in die Bude stellte. 

Irgendwo habe ich doch noch die Rakete von Cosima von Bonin, die in den Pauly Sälen von der Wand gefallen ist. Die Mülltonne von Klara Lidén hängt ja noch im Gartenhaus. Irgendwelche Banausen haben sie als Regenschirmständer benutzt.

Ist Sydney Sweeney die neue Brooke Shields?

All das identitäre, sophisticatete Zeug ist jetzt Stoff für die Macho-Konzeptkunst-Memes der dunklen Aufklärung. Andres Serrano, der "Piss Christ"-Künstler, hat auch einen Vorschlag für den US-Pavillon gemacht, ganz in der Tradition der alten Marktkunst. Er hat jahrelang Trump-Souvenirs und Devotionalien für 200.000 Dollar gesammelt und möchte nun einen ironisch-ambivalenten Concept-Store im Pavillon einrichten, der Kritik oder Verehrung demonstrieren könnte. Das wirkt lame gegen die MAGA-Concept-Art. Die scheißt auf eure Kritik und Feinsinnigkeit und steht auf Eugenik, die guten Jeans und die guten Gene von Sydney Sweeney, der neuen, arischen Version von Brooke Shields.  

Die hatte Richard Prince auch appropriiert, als nackte 10-Jährige, in ihrer ersten Filmrolle als Kinderprostituierte in "Pretty Baby" (1978). "Spiritual America" heißt die umstrittene, heute vier Millionen Dollar teure Arbeit von 1983, die 2019, zu woken Zeiten, in der Londoner Tate abgehängt wurde und gerade mit Kontextualisierung in der Langen Foundation in Neuss zu sehen ist. Ich hab' sie noch in meiner Privatkapelle, gleich neben dem Pisse-Jesus. Sie würde doch super in Lord Moldbugs Vergewaltigungspavillon passen, oder?