Augustas Serapinas auf der Manifesta 16

Die Kunst des Recycelns

Kurz vor ihrer Entweihung wird die Essener Markuskirche selbst zum Material eines Kunstwerks: Augustas Serapinas baut zur Manifesta 16 aus ihren hölzernen Kirchenbänken eine begehbare Turmkonstruktion

Augustas Serapinas ist ein Wiederverwerter. Meist sind die Holzbauten, die er zerlegt und zu Kunstwerken verarbeitet, bereits dem Abriss oder Verfall geweiht. In der Markuskirche in Essen ist das – noch – nicht der Fall. Allerdings werden die hölzernen Bänke im Kirchenraum künftig kaum noch gebraucht: Ende Mai findet hier der letzte Gottesdienst statt, danach wird die Kirche entweiht, die Zukunft ist ungewiss. Serapinas wird die Bänke zerlegen und zu einer begehbaren Turmkonstruktion aufschichten.

Serapinas arbeitet gern mit existierender Architektur – er nimmt Häuser, Dächer oder einzelne Bauteile, oft aus ländlichen Gegenden Litauens, auseinander und versetzt sie in neue Kontexte. Im Jahr 2019 war er bei der Biennale von Venedig Teil der Hauptausstellung "May You Live in Interesting Times". In seiner bisher größten Einzelausstellung im Contemporary Art Centre (CAC) in Vilnius 2025 verwandelte Serapinas die große Ausstellungshalle des Museums in ein vollständig funktionierendes Fitnessstudio, wobei die Hanteln aus Gipsabgüssen ikonischer Skulpturen der Antike und der Renaissance bestanden (ab Juni bei Nottingham Contemporary zu sehen).

Dass er die schweren Bänke in der Markuskirche überhaupt so auseinandernehmen kann, hat mit deren Alter zu tun. Denn der Leim, mit dem das Holz verklebt ist, verlor mit den Jahrzehnten seine Bindungskraft. Wären die Bänke jünger, würde man die Bretter kaum auseinanderbringen. Es hat etwas Symbolisches: Erst muss die Zeit reif sein, damit aus dem Gebrauchsgegenstand ein Kunstwerk wird. 

"Ich respektiere das Geheimnis"

Für Serapinas ist das Auseinanderbauen auch ein Mittel der Erkenntnis: "Ich arbeite mit Holzhäusern und Blockhütten, mit traditioneller Architektur. Dadurch, dass ich sie auseinandernahm, begann ich Architektur als ein Gefüge von Elementen zu begreifen, das sich zerlegen und neu zusammensetzen lässt."

Mit diesem konstruktivistischen Ansatz schafft Serapinas neue Erfahrungen inmitten des Vertrauten. Ziel seiner Intervention in Essen ist, dass die Besucher auf die Plattform steigen und in Kontakt mit der bis zu 13 Meter hohen, holzverkleideten Kirche kommen können. Dort ist die Soundinstallation von Lilli Lake zu sehen und zu hören. Auch der immer funktionslos gebliebene Balkon ohne Treppe kann so auf Augenhöhe betrachtet werden, wenn auch nicht betreten.

Serapinas hat sich schon öfter mit versteckten, unzugänglichen oder geheimen Orten beschäftigt und will den Lost Space im Kirchenschiff deshalb nicht entblößen. "Ich respektiere das Geheimnis", sagt er. "Es wäre dumm, eine Treppe zum Balkon zu bauen."

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