Paula Becker hätte sich das wohl nicht träumen lassen. Schließlich durfte sie als Malerin um 1895 nicht an Kunstakademien studieren, musste sich ihr Können privat organisieren, wurde noch als "Malweib" abgetan. Sie verbarg ihre späten, avantgardistischen Porträts sogar vor Freunden – und verschwand lange Zeit hinter ihrem berühmten Dichterfreund Rainer Maria Rilke und ihrem Ehemann Otto Modersohn; sozusagen als Ornament der Worpsweder Künstlerkolonie. Paula Becker, besser bekannt als Modersohn-Becker, hätte also wohl nie erwartet, dass jetzt im Berliner Auktionshaus Grisebach, an einem kalten, hellen Novemberdonnerstag ab 14.14 Uhr, zwei Männer in ein Bietergefecht um ihr "Selbstbildnis nach halblinks" (1906) geraten würden.
Es war wie im Western – einer von ihnen trug sogar Hut. "Die Schätzung von mindestens 250.000 Euro war zügig überwunden, als bei 880.000 Euro knisternde Stille herrschte. Ein nervöses Hüsteln, aber noch kein Ende." So meldete tags darauf der "Tagesspiegel". Wobei in dieser kurzen Schilderung etwas fehlt, nämlich die wichtigen Zwischenschritte. Wie kommt man von 250.000 auf 880.000 Euro? Und dann nochmals auf exakt eine Million Hammerpreis – was für die Bietenden bedeutet, dass sie noch eine lockere Viertelmillion Aufgeld obendrauf legen müssen? Wie sieht er wirklich aus, der soziale und seelische Augenblick des Erfolgs, des Weltrekords?
Ich habe in dem erhitzten Auktionssaal beobachtet, dass sich der Weg dorthin in die Länge zieht. Langsam, schrittweise und unerbittlich stritten die beiden Parteien, ungefähr drei Meter voneinander entfernt, um Modersohn-Beckers nur gut 26,8 mal 21,2 Zentimeter großes "Selbstbildnis", minutenlang, mit atemlosen Pausen, mit mehreren Geboten in letzter Sekunde, kurz bevor der Hammer fiel – während die Anwesenden, zum Publikum geworden, die zum fotografischen Fangschuss erhobenen Handys wieder absetzten.
"Die sensationelle Kraft ihrer letzten Werke"
Man näherte sich der Million, ein Höchstwert nicht nur für Modersohn-Becker, wie man im Saal an den Selterswasser-gespickten Stehtischen schnell besprach, sondern ein Weltrekord wohl überhaupt für alle modernistischen deutschen Künstlerinnen. Nur Hannah Höch hatte 2017 bei Christie's einen ähnlichen, aber nicht ganz so hohen Hammerpreis erzielt.
Modersohn-Beckers "Selbstbildnis" war lange kaum sichtbar. Erst verbarg es die Künstlerin, dann verbannten es die Nazis 1937 in die Ausstellung "Entartete Kunst". Modersohn-Becker war da bereits tot, sie starb 1907 dramatisch früh, mit nur 31 Jahren, rund ein Jahr nach dem Malen dieses Bildnisses und kurz nach der Geburt ihrer Tochter. Das Bild gelangte später in die Sammlung des Unternehmers Walter Bauer, wurde gehütet und in guten Ausstellungen gezeigt.
Heute weiß man um die enorme Bedeutung der Künstlerin und auch um das, was so alles in ihrem "Selbstbildnis" steckt, in diesen wenigen Quadratzentimetern mit Öltempera bemalten Papiers, das der zeitgleichen französischen Avantgarde die Stirn bieten kann und dem deutschen Expressionismus ohnehin. Wie man mit so flächigen Farben und kräftigen Pinselstrichen eine solche emotionale Feinheit erreicht, fragt man sich unweigerlich vor diesem Meisterwerk. Der Moderne-Experte Rainer Stamm hält es für einen "Höhepunkt", schreibt im Begleitkatalog: "Werke wie dieses, die weit über die Worpsweder Kunst hinausweisen und in den zeitgleich in Paris entstehenden Porträts von Picasso und Matisse Parallelen finden, hat Modersohn-Becker selbst ihren engsten Künstlerfreunden vorenthalten. Erst nach ihrem frühen Tod im November 1907 entdecken ihre Weggefährten die sensationelle Kraft ihrer letzten Werke."
Gute Laune, Selfie, Posting
Fast hatte man während des langen Ringens im Auktionssaal genug Zeit, das alles zu recherchieren. Doch schließlich schleppten, drängten, schaukelten die Bietenden sich auf eine Million. Als das "Selbstbildnis" dem letzten Interessenten, der am zähsten durchgehalten hatte, endlich zugeschlagen wurde, gab es Applaus. Bei einer Million und mehr wird gern geklatscht. Bei Weltrekorden ohnehin. Die Leute lächelten sich an, freuten sich kurz. Gute Laune, Selfie, Posting, Prosting mit Selters. Weiter geht’s.
Allerdings, in der "Zeit" wurde ein anderer jüngster Auktionsrekord einer Frau, Frida Kahlos "El sueño (La cama)" für 54,7 Millionen Dollar bei Sotheby's in London, gerade nicht als Triumph gelesen. Sondern als "Rekord der Ungleichheit". Werke von Männern würden schließlich weiterhin signifikant höhere Preise erzielen, siehe gerade Gustav Klimts "Bildnis Elisabeth Lederer" für 236 Millionen Dollar (Sotheby's New York). "Das Genie war immer der Genie, eine Vorstellung, die in den Sammlungen der großen Museen bis heute vorherrscht und sich nachträglich kaum korrigieren lässt", heißt es in der Wochenzeitung. "Es sei denn, dass auf dem Markt für zeitgenössische Kunst endlich dieselben Preise gezahlt würden, für Männer wie für Frauen."
Im Grundsatz nicht falsch, im Detail vielleicht zu differenzieren: "Die Zeit" skizziert hier mit dem Hinweis auf "dieselben Preise" nicht einen Beginn der Gleichberechtigung, sondern das Ziel – egal auf welchem Kunstmarkt. Weil diese Preise allermeist nicht einfach "gezahlt" werden, sondern sich entwickeln müssen; das gilt für Werke aller Geschlechter. Falls man das überhaupt steuern oder manipulieren kann, dauert es lange, kostet Zeit, Arbeit, Investitionen. Und Kahlo hat überhaupt nur einen so guten Preis erzielt, weil zu ihrem Werk schon lange intensiv gearbeitet wurde – gehört sie doch, so dünn ist die Luft nun mal, zu den wenigen Künstlerinnen, die im kollektiven Kulturbewusstsein einen Platz gefunden hatten - noch vor der letzten und bislang wohl wirksamsten Welle des Feminismus.
"Sich in einer Männerwelt zu erfinden, das ist wie ein Einbruch."
Wohin man schaut: Ungerechtigkeit, Trauriges, Schieflagen. Was also tun? Ins Bett legen und Decke über den Kopf? Zu sozialen Banditen werden? Ächzen, stöhnen, weiterarbeiten? Vielleicht aber ließe sich auch einfach die kurze gute Laune aus dem Auktionssaal mitnehmen. Denn man bettet sich doch nicht gleich auf Beruhigungskissen der Regression, wenn man einen klaren Erfolg als Erfolg feiert. Tatsächlich wird die sich schrittweise verändernde soziale Wirklichkeit von Geschmack und Geldflüssen vielleicht noch nicht am Endpreis sichtbar, aber doch im Modersohn-Becker-Bietergefecht: in der knisternden, atemraubenden Choreografie um Schritte von 10.000, 20.000 und 50.000 Euro.
Dazu passt, dass die exquisite Sammlung Bauer, wohl spätestens um 1940 begonnen, durch Diandra Doneckers Gespür und Können zu Grisebach kam, in Zusammenarbeit mit Britta von Campenhausen, Repräsentantin unter anderem in Hessen. Dass Donecker die Leitung des Auktionshauses 2019 als Gesellschafterin mit übernahm, war eben auch so ein kleiner, wichtiger Schritt, der Weiteres möglich machte. Warum nur dauert es so lange, bis vernünftige, gerechte, gute Ideen umgesetzt, bis die richtigen Wege gegangen werden?
Paula Modersohn-Becker war die erste Frau, die nicht nackt gemalt wurde, sondern sich selbst nackt malte – heute weiß man das, feiert es als Meilenstein, so auch die französische Schriftstellerin Marie Darrieussecq in einem der innigsten und originellsten Kunstbücher der letzten Jahre, "Hiersein ist herrlich" (2019). An einer Stelle denkt Darrieussecq darüber nach, wie man die Malerin überhaupt ansprechen sollte: mit dem Geburtsnamen Becker, der ja ihrem Vater gehört; mit dem bei der Hochzeit mit Otto Modersohn entstandenen Modersohn-Becker; oder Becker-Modersohn, wie ihr Bremer Museum anfangs hieß, das erste einer Malerin gewidmete Ausstellungshaus? Fast ein bisschen erschöpft schreibt Darrieussecq: "Sich in einer Männerwelt zu erfinden, das ist wie ein Einbruch."
Aus der Versenkung
Da kann ich als Mann nicht schrecklich viel entgegnen, nur so viel: Die Einbrüche scheinen zu funktionieren, zunehmend auch für moderne Kunst. Hilma af Klint, nach Julia Voss' maßgeblicher Biografie ("Die Menschheit in Erstaunen versetzen", 2020) und großen Ausstellungen beispielsweise im New Yorker Guggenheim, gilt Teilen der Kunstwelt noch vor Wassily Kandinsky und Co. als eigentliche Erfinderin der abstrakten Malerei. Lotte Laserstein, von der Schriftstellerin Anne Stern in "Meine Freundin Lotte" (2021) in der intensiven Beziehung zu ihrem Modell Traute Rose kongenial charakterisiert, von der Berlinischen Galerie und dem Frankfurter Städel umfangreich ausgestellt, ist aus der Versenkung aufgetaucht.
Es ist eine kleine, schöne Genugtuung, dass diese großartigen modernen Künstler, die eben Frauen waren, nun auf ihrem langen Weg immer weiter entdeckt und gepusht werden können – ganz sicher auch zu weiteren Millionen.