Ausstellung über Ängste

Leicht gestresste Grüße aus dem Angst-Land

Eine Ausstellung in Leipzig beleuchtet das Phänomen der "German Angst". Aber vor was fürchten wir uns eigentlich? Und wie wird Angst politisch benutzt? Unsere Autorin fand die interessantesten Antworten an überraschender Stelle - in den Gästebucheinträgen 

Ob das Gefühl der Angst eine Nationalität hat, lässt sich sicher diskutieren. Zumindest die englischsprachige Welt verbindet das Phänomen aber so stark mit Deutschland, dass sie das deutsche Wort dafür benutzt. Auch eine Ausstellung im zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig fragt "Angst - eine deutsche Gefühlslage?" 

Mit Sicherheit lässt sich festhalten, dass "die Ängste und Sorgen der Menschen" gerade politische Kampfbegriffe sind. Mit ihnen wird der Rechtsruck in Deutschland erklärt, alle Parteien reklamieren für sich, sie ernst nehmen und anhören zu wollen. Gleichzeitig wird über die Frage gestritten, ob man mit Zuhören und Ernstnehmen und Verstehenwollen nicht antidemokratische und rassistische Haltungen legitimiert.

Die Leipziger Ausstellung konzentriert sich auf vier spezifische Angstfelder: Zuwanderung, Atomkrieg, Umweltzerstörung und Datenschutz. Sie will anhand von hunderten Exponaten zeigen, was kollektive Angst auslöst - und ob sich die Gefühlslage in Ost und West unterscheidet. Auch die Besucher werden immer wieder gefragt, was sie ängstigt. Einige der interessantesten Antworten finden sich überraschenderweise an einem unterschätzten Ort: dem Gästebuch des Zeitgeschichtlichen Forums. Ein fragmentierter Angst-Essay in 34 Einträgen.  
 

1. Ich komme auf jeden Fall wieder. Ich habe das Gefühl, hier eine ganze Menge noch nicht verstanden zu haben, zum Beispiel, was Sie, liebe Ausstellungsmacher*innen, meinen, wenn Sie Angst sagen. (H. aus B.)

2. Was meinen Sie ↑ denn, wenn Sie Angst sagen? (H. aus C.)

3. Ich bin nicht durch die Ausstellung gerast, die Ausstellung hingegen ist, wenngleich sie, und das schwöre ich, fest auf dem Boden stand, an mir vorbeigerast. Diese Ausstellung ist eine Art Hochgeschwindigkeitszug. Ich bin durch Themen und Zeiten gedüst. Ich kam also von 1. Flüchtlingskrise zu 2. Asylkrise zu 3. Atombewaffnung zu 4. Nachrüstung zu 5. Waldsterben zu 6. Tschernobyl zu 7. Volkszählung zu 8. Datenschutz. Ich bewegte mich vom Jahr 2015 zu den frühen 1990er-Jahren, zu den 1950er-Jahren in die 1970er hinein, danach in die 1980er-Jahre und von dort in die Gegenwart. Ich reiste dabei immer zugleich durch die Geschichte zweier deutscher Staaten und die deutsche Gegenwart. Leicht gestresste Grüße. (H. aus D.)


4. Ich habe Ängste erfunden. Ich kann nur dazu raten, neue Ängste zu erfinden. Meine erste neue Angst war die Angst vor der Angst vor der Islamisierung des Abendlandes. Wobei man da nicht wirklich von einer Erfindung sprechen kann. Eher von der Benennung einer Angst, die ich vorher nur als namenlose Angst gehabt hatte und mittlerweile überwunden oder präzisiert habe. Vielleicht lässt sich auch sagen: Meine Angst ist weiter gezogen. Oder meine Angst hat sich spezialisiert. Ich würde auch sagen: Meine Angst hat sich radikalisiert. (H. aus E.)

5. I can't understand German. Please translate. Love (H. from F.)

6. Ich habe Angst. ☺ (H. aus B. bei F.)

7. Die Exponate im ersten Ausstellungskapitel ("Flüchtlingskrise") haben bei mir große Beklemmungen ausgelöst. Und ich möchte Ihnen dafür kein Kompliment machen. Diese Beklemmung ist kein konstruktives oder produktives Gefühl, mit dem ich in dieser Ausstellung oder irgendwo sonst etwas anfangen könnte.


Um die Reaktionen auf die sogenannte Flüchtlingskrise zu veranschaulichen, präsentieren Sie hate speech in Form von Postings, Plakaten und Mitschnitten. Die Vermittlung und Einordnung bleibt fast vollständig kleinen Täfelchen vorbehalten. Alice Weidel reibt sich im Mitschnitt aus dem Bundestag die Hände. Mir wurde, so könnte man das sagen, eng ums Herz, also ich stand da inmitten von Dingen, die ich zu gut kenne. Dieser komprimierte erste Ausstellungsabschnitt ist ein Gruselkabinett der Gegenwart. Wo bleibt hier der Transfer in handhabbare Informationen? In etwas, das zur Frage der Ausstellung passt?

Ich vermisse die Übersetzungsarbeit. Ich möchte mehr Übersichten oder Tabellen. Anstelle eines Pegida-Plakates würde ich beispielsweise lieber Demonstrationsstatistiken sehen. Wer nimmt an den Demonstrationen teil? Wie viele Menschen nehmen teil? Welchen Schwankungen unterliegen diese Zahlen? Welche Ängste haben die Teilnehmenden? Wirken sich aktuelle Geschehnisse auf die Beteiligung aus? Dieser erste Teil der Ausstellung wirkt, als sei jemand in der Gegenwart verloren gegangen, mitten im Versuch, aus der Überfülle an Zeugnissen, die Fremdenfeindlichkeit zu illustrieren oder zu belegen, die für die Ausstellung relevantesten auszuwählen. Dazu das Pfefferspray in der Vitrine. Daneben ein schwarzes Schäfchen. Schwarz wie die Pfefferspraydose und ebenso hell illuminiert steht es da als Botschafter der Willkommenskultur. Das schwarze Schaf, aha, wirklich? Mit herzlichen Grüßen! (H. aus G.)

8. Mir scheint, das Zeitgeschichtliche Forum hat ausreichend Geld, um seine Ausstellungen üppig auszustatten. Das denke ich ehrlich gesagt bei jeder Ausstellung, die ich hier sehe. Jedes Mal frage ich mich: Wie könnte die Ausstellung aussehen, wenn es weniger Mittel für Bildschirme, Hörstationen, Wanddekoration zur Verfügung stehen hätte. Oder ich frage mich, ob Sie, liebe Ausstellungsmacher*innen hier die Ausstellungen machen, die Sie machen wollen. Soll es so aussehen, wie es aussieht? Und wenn ja: Warum? Und für wen? Und was soll ich aus der Ausstellung mitnehmen? (H. aus I.)

9. Die Ausstellung ist wie eine sehr geschwinde Powerpoint-Präsentation. Der Redner ist gut vorbereitet, er hat ein emsiges Team hinter sich, das ihm Originaldokumente und -requisiten besorgt hat. Aber offensichtlich hat er nicht viel Zeit und muss weiter zum nächsten Termin. Sehr professionell das alles. (H. aus K.)

10. Was in Zeitungen und in der Fernsehberichterstattung oft nicht gelingt, ist die Berücksichtigung der Geschichte beider deutscher Staaten. Viel zu of wird der westdeutschen Geschichte zu Ungunsten der ostdeustchen Geschichte der Vorrang gegeben. Hier hingegen scheint man sehr darauf zu achten, Benachteiligung zu vermeiden. Weiter so! Das ist eine gute Aktion gegen die Unsichtbarkeit und gegen die Angst des Ostens, hinter dem Westen zu verschwinden. Glückwunsch. (H. aus L.)

Motivwagen des Künstlers Jacques Tilly beim Rosenmontagszug 2016 in Düsseldorf
Foto: Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker, © Jacques Tilly

Motivwagen des Künstlers Jacques Tilly beim Rosenmontagszug 2016 in Düsseldorf
 

11. Ich war heute zum zweiten Mal da. Nach dem ersten Mal erinnerte ich mich eigentlich nur an den MDR-Exakt-Bericht über den gewaltsamen Tod des mosambikanischen Gastarbeiters Manuel Diego, der von Neonazis aus einem Zug gestoßen worden sein soll. Auch sah ich noch deutlich den Wandteller mit dem in blauer Farbe gemalten Kernkraftwerk Brokdorf darauf, sah die beiden Wohltätigkeitsschallplatten, eine zur Sammlung von Geld für Flüchtlinge aus Vietnam, eine zur Sammlung von Geld gegen das Waldsterben.

Ich sah das Tetra Pak Milch in einer Vitrine, darauf der Aufdruck: "Entwarnung – Unter ständiger Kontrolle des Instituts für Strahlenschutz". Ich erinnerte das Jeansensemble voller Buttons auf der Jacke aus der westdeutschen Friedensbewegung der 80er Jahre und die von einer DDR-Oppositionsgruppe auf Kinderfotos geschrieben Botschaften und Appelle, die in den Westen geschmuggelt worden waren, um dann von Mitgliedern der Grünen während der Nachrüstungsdebatte im Bundestag verteilt zu werden. "Im Namen aller Kinder der Welt bitte ich Sie, nicht für die Stationierung neuer Raketen in Westeuropa zu stimmen." 

Ich erinnerte mich an die Fragebögen zu den Volkszählungen und daran, dass wie nebenbei angedeutet wurde, dass es sich beim Waldsterben nicht um eine Tatsache, sondern um eine Fehldiagnose gehandelt habe, aus der jedoch durch große emotionale und gesamtgesellschaftliche Beteiligung ein Umstand geworden sei, der mit größter Dringlichkeit und in größter Öffentlichkeit behandelt werden konnte und musste. Ich erinnerte mich sehr gut an jenen Briefumschlag aus braunem Papier, auf den der Postbote mit Kugelschreiber notiert hatte, dass der Brief "wegen Regen" nicht zugestellt wird. Vielleicht ist diese Angst vor radioaktivem Niederschlag, dem Fallout, die einzige Angst, die ich nachvollziehen kann. Besser gesagt: Dieser handschriftlich markierte Brief, dieser festgehaltene Grund für die Nichtzustellung, diese Begründung für die Nicht-Ausführung einer Handlung veranschaulicht mir Angst deutlicher als jedes andere Exponat der Ausstellung. Danke dafür. (H. aus M.)

12. Bereichernde Ausstellung. Gerade im Abschnitt zum Thema Waldsterben sah man deutlich, dass Umweltschutz nicht erst von Fridays for Future erfunden wurde. (H. aus N.)

13. Unter die vorgedruckte Ankündigung "Meine Weltuntergangsuhr" habe ich einige Postkarten mit den unterschiedlichen Doomsday-Clock-Uhrzeiten bestempelt. 17 vor 12, 4 vor 12, 2 vor 12. Wer möchte Post von mir? (H. aus O.)

14. Die aktuelle Vermächtnisstudie zeigt, dass 86 % der erwachsenen Deutschen Erwerbstätigkeit wichtig ist. Warum geht diese Ausstellung beispielsweise nicht auf die Angst vor Arbeitsplatzverlust, Veränderung der Arbeitswelt und/oder sozialem Abstieg ein? (H. aus P.)

15. Der Titel der Ausstellung fragt, ob Angst eine deutsche Gefühlslage sei. Die Ausstellung illustriert die Angst oder das, was hier als Angst ausgegeben wird, deren Ursachen oder Folgen mit Beispielen aus Deutschland. Wie aber lässt sich die Frage beantworten, wenn Vergleiche aus anderen Ländern fehlen? Wie sahen vergleichbare Angstdiskurse anderer Länder aus? Ich schlage vor, die Ausstellung beispielsweise so zu betiteln: "Angst. Ein emotionsgeschichtlicher Exkurs am Beispiel Deutschlands". (H. aus Q.)

16. Naja, hauptsächlich Fakten, Fakten, Fakten. (H. aus R.)

17. Das Zeitgeschichtliche Forum wirbt mit dem Spruch: "Warnung! Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein." Ich kann in dieser Ausstellung nicht denken. (H. aus S.)

18. Dann bleiben Sie halt dumm. (H. aus T.)

19. Das ist hier kein Ort für Beleidigungen. (H. aus U.)

20. Neben einen Schaukasten mit Briefkasten und Küchenutensilien schreiben Sie: "Angst und Gewalt. Ein verkohlter Briefkasten und Küchenutensilien erinnern an den Brandanschlag in Mölln 1992. Drei Türkinnen sterben." Umgebracht wurden: Yeliz Arslan, Ayşe Yılmaz und Bahide Arslan. Auf demselben Täfelchen neben Briefkasten und Küchenutensilien erwähnen Sie den Mordanschlag von Solingen 1993. Sie schreiben: "Die Bürger der Stadt befürchteten, dass die Gewalt eskaliert." Umgebracht wurden: Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç, Saime Genç, Gürsün İnce. Sie schreiben nicht, wovor sich beispielsweise die fürchteten, die die Anschläge von Solingen und Mölln überlebt haben. Wer darf hier etwas zur Angst als deutscher Gefühlslage beisteuern? Und: Fürchteten sich die Bürgerinnen nicht? (H. aus V.)

Eine aufwändige Imagekampagne soll 1987 die Notwendigkeit einer Volkszählung verdeutlichen.
Foto: Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker

Eine aufwändige Imagekampagne soll 1987 die Notwendigkeit einer Volkszählung verdeutlichen.
 

21. Wie hier, vor allem in den ersten beiden Teilen die Ausdrucksformen von Hass und Fremdenfeindlichkeit als Ausdrucksformen und Belege der Angst präsentiert werden, das irritiert mich zutiefst. (H. aus W.)

22. Hier wird vor allem auf die Beanspruchung von Auge und Ohr gesetzt. Man hört eine Klanginstallation aus dumpfen Bässen, leicht treibenden Klängen und einer dreifachen Wiederholung von Angela Merkels "Wir schaffen das" in unterschiedlichen Tonlagen und hört dazu Gespräche von Besucher*innen oder den zu den unterschiedlichsten Videos gehörenden Ton.

Ich höre das Schnarren eines Geigerzählers und eher vom Ende der Ausstellung (Abteilung Datenschutz) kommend "Sledgehammer" oder "I want to know what love is" oder "Born in the U.S.A." Dort steht ein Alexa-Lautsprecher. Zugleich sehe ich nie nur ein Exponat, sondern immer mehrere. Das hängt mit der dichten Platzierung zusammen. Das hat auch damit zu tun, dass sich durch den verwinkelten Ausstellungs-Aufbau Videos und Exponate aus Vitrinen im Glas von Bilderrahmen oder anderen Vitrinen spiegeln. Ich habe den Eindruck, hier wurde zugunsten der Stimulierung von Auge und Ohr auf die Möglichkeit, sich zu vertiefen, verzichtet.

Ich habe auch den Eindruck, dass ich mich in der Ausstellung aufgrund der Vielfalt ihrer Exponate und Verweise lediglich oberflächlich informieren kann. Teilweise ist dies m.E. eine Ausstellung to go. Das heißt, ich habe viele Fotos von Exponaten und den beschreibenden Schildern gemacht, diese zuhause in Ruhe angeschaut und alles nachrecherchiert. Das funktionierte ganz gut, entspricht aber eigentlich nicht meiner Vorstellung von Ausstellungsbesuchen. (H. aus X.)

23. Die Ausstellung hat mich an eine der ersten bewussten Erfahrungen mit Umweltverschmutzung denken lassen. Wenngleich ich in Karl-Marx-Stadt immer schwarzen Ruß ins Taschentuch schnaubte, dachte ich dort erst an Umweltverschmutzung, als ich mit Freundinnen am Waldbach spielte und ein dicker, ungewöhnlich langer grüner Wurm an uns vorbeischwamm.

Ich nannte diesen Wurm "Umweltwurm" und gruselte mich vor ihm. Ich werde diese Ausstellung noch einmal mit meinen Eltern besuchen und sie zu ihren Erfahrungen, ihren Erinnerungen an Tschernobyl und die Volkszählung in der DDR befragen. (H. aus Y.)

24. Mein liebster Moment in der Ausstellung: Als ein Junge im Segment Datenschutz "Alexa, stopp!" sagte. Ich hatte den Eindruck, dass dann kurz alles viel leiser war. (H. aus Z.)

25. Ich hörte eine Frau sagen, dass sie sich mehr Lösungen wünsche. Dass Sie, wenn Sie darüber nachdenke, wie hier alles nur gezeigt werde, richtig wütend werde. Sie kam sich, glaube ich, von der Ausstellung alleingelassen vor, und ich konnte sie sehr gut verstehen. Ich glaube, es fehlen die individuelleren Beispiele, die zeigen, wie sich Einzelne zur Wehr setzten, wie Menschen der Angst, die sie hatten oder die man ihnen machen wollte oder der Ohnmacht oder der Unterdrückung etwas entgegenzusetzen versuchten.

Beziehungsweise gibt es, wenn man versucht, sich in die Migrationsgegner hineinzuversetzen, aus deren Perspektive natürlich genug Beispiele in der Ausstellung, die zeigen, wie sie sich zu wehren versuchen, wie sie vielleicht nicht ihre Angst, aber auf jeden Fall ihre Vorbehalte und ihren Hass zum Ausdruck bringen. (siehe das Pegida-Plakat, siehe das Transparent mit der Aufforderung "Asylflut stoppen", das von einer Brücke in Freital gehängt wurde, siehe der mit "Türken raus" beschriftete Klodeckel aus dem Bonner Haus der Geschichte etc.).

Ich meine eher so etwas, wie die Aktion des Dresdner Künstlers Eberhard Göschel, der 30 abgestorbene Bäume grün bemalt hat. Mehr Beispiele aus der Ausstellung, die vom Widerstand gegen Angst, Angstherrschaft und beider Ursachen berichten, fallen mir, obwohl ich zum zweiten Mal hier bin, leider gerade nicht ein. (H. aus L.)

26. Ich bin zum dritten Mal hier und sitze am liebsten vor dem interaktiven Balkendiagramm am Ende der Ausstellung. Das liegt nicht daran, dass mich die über dem Diagramm angebrachte Frage "Was glauben Sie, wovor werden wir 2030 Angst haben?" übermäßig beschäftigt, sondern eher daran, dass dies einer von zwei Orten ist, wo man in dieser Ausstellung sitzen kann und der einzige, an dem man nicht von allen Seiten beschallt wird. (H. aus B.)

27. Bin auch zum dritten Mal hier. Habe festgestellt, dass das Balkendiagramm am Ende jedes Mal anders aussieht. Wird wahrscheinlich jeden Tag resettet. Wovor wir also im Jahr 2030 am meisten Angst haben werden: Platz 1 an Tag 1: Politischer Extremismus, Platz 2: Klimawandel, Platz 3: Digitalisierung. Stand Tag 2: Klimawandel gleich auf mit politischem Extremismus, gefolgt von Krieg. Stand Tag 3 : Klimawandel, politischer Extremismus, Krieg. Würde vorschlagen, diese Veränderungen festzuhalten, also beispielsweise jeden Tag ein Polaroid zu machen. Schade, dass ich nicht schon früher da war und diesen Vorschlag deshalb nicht schon früher machen konnte.  (H. aus K. bei U.)

28. Ich weiß nicht genau, was diese Ausstellung mir sagen möchte. Was möchte mir die Ausstellung sagen? Die Ausstellung möchte kurz vor ihrem Ende mehr über meine Ängste wissen. "Wovor haben Sie heute Angst? Wovor hatten Sie früher Angst? Schreiben Sie hier." Die Antwort schreibt man auf ein vorgelochtes pinkfarbenes oder hellblaues Papierstück und hängt dieses dann auf einen der Nägel an der Wand. Aus den auf Nägeln hängenden Papieren ergibt sich in fünf großen Buchstaben das Wort "Angst".

Die Nägel werfen scharfe Schatten auf die Zettel. Ich glaube, wenn Sie gewollt hätten, dass man hier seine Ängste an den sprichwörtlichen Nagel hängt, dass man also symbolisch handelt und alte und neue Ängste an den Nagel hängt, hätten Sie geschrieben: "Wovor haben Sie heute Angst? Wovor hatten Sie früher Angst? Hängen Sie ihre Ängste an den Nagel". Aber vielleicht täusche ich mich. Ich hänge jedenfalls sehr gern Ängste an den Nagel. Vor allem an den metaphorischen. (H. aus V. Ortsteil U.)

29. Dies ist, halte ich fest, keine angstkritische Ausstellung, dies ist eine andere Ausstellung, nicht wahr. Ich habe auch keine angstkritische Ausstellung erwartet, es fiel mir nur gerade auf. (H. aus Ti.)

30. In Anbetracht der Mühe, die ich mir während der Ausstellung gemacht habe, darüber nachzudenken, ob Angst nun eine deutsche Gefühlslage ist oder nicht oder wenn ja: inwiefern,  finde ich die hier über dem Gästebuch an der Wand befestigte Mitteilung, dass sich die Phänomene der verängstigten Gesellschaft heute in allen westlichen Nationen zeigen, ein bisschen frech. Das hätten Sie mir auch gleich sagen können. (H. aus G.E.)
 

Titel der "Time"  vom 24. August 1981 zur Debatte um den NATO-Doppelbeschluss
Foto: Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker

Titel der "Time"  vom 24. August 1981 zur Debatte um den NATO-Doppelbeschluss
 

31. Mir hat die Ausstellung gefallen. Aber ich habe Angst vor Spinnen und Gewalt. (H. aus Ua.)

32. Ich bin vom Ende der Ausstellung noch einmal zu ihrem Anfang zurück gegangen, habe den Kopf an der dafür vorgesehenen Stelle in die Wand gesteckt, das löste den Schrei einer Frau aus. Ich hatte erwartet, den Schrei durch meinen verweilenden Kopf immer wieder aufs Neue auslösen zu können. Mir war sehr danach. Aber das ging nicht. Ich habe mir stattdessen mindestens zehnmal hintereinander die berühmte Duschszene aus Hitchcocks Psycho angesehen. Die Frau duscht, durch den halbtransparenten Vorhang sieht man die Tür sich öffnen, jemand tritt ein, der Rest ist bekannt. Ich hätte ewig dort stehen können, musste aber los. (H. aus Lo.)

33. Sie kennen meine Ängste nicht. (H. aus Le.)

34. Tschööö. (H. aus Xy.)