Gruppenschau "Will There Ever Be Days?" in Frankfurt

Momente der Hoffnung in Zeiten der Düsternis

Die Frankfurter Ausstellung "Will There Ever Be Days?" bringt Künstler aus Tel Aviv und Frankfurt zusammen. Zwischen Krieg, Boykott und Krise suchen ihre Werke nach Momenten der Hoffnung – und finden sie in Blumen, Performances und stillen Gesten

Hat die Apokalypse schon stattgefunden? Dieser Gedanke schießt einem durch den Kopf, während man einer Prozession von Frauen und Männern diverser Alter zuschaut, die auf allerlei improvisiert wirkendem Gerät – Krücken und Stelzen, Einräder und Blechdosen – karge Landschaften und Küstenstreifen durchqueren. Die wunderliche Szenerie lässt Wüstenplanet-Assoziationen aufkommen. Ayelet Carmis und Meirav Heimans knapp 15-minütige Videoarbeit "The Israel Trail" zeigt eine Gruppe von etwa 50 Menschen, die Israel auf einem 1000 Kilometer langen Wanderweg von der libanesischen bis zur ägyptischen Grenze durchmessen – ohne den Boden mit den Füßen zu berühren.

Fast möchte man "The Israel Trail" als einen Kommentar zur Lage der von eskalierenden politischen und militärischen Konflikten durchzogenen Region lesen: Kann man das Land mit den eigenen Füßen erspüren, während rundherum Raketen und Geschosse fliegen, Geiseln festgehalten werden und Zivilisten leiden? In Carmis und Heimans Videoarbeit lässt sich aber auch die utopische Botschaft erkennen, die Hoffnung auf ein gemeinsames, besseres Morgen trotz aller unüberwindlich erscheinender Widrigkeiten nicht aufzugeben.

Die verwegene Hoffnung auf humanere Zeiten goss die in Königsberg geborene israelische Dichterin Lea Goldberg in ihr 1943 veröffentlichtes Gedicht "Ha’omnam" (Ist es wahr). "Wird es jemals Tage der Vergebung und der Gnade geben / Und du wirst auf dem Feld wandeln, und du wirst auf ihm wandeln wie ein unschuldiger Wanderer, / Und deine nackten Füße werden das Kleeblatt streicheln / Oder Weizenhalme werden dich stechen und du wirst ihren Stachel versüßen", lauten seine ersten Verse. An Goldbergs Gedicht angelehnt, sucht die Frankfurter Ausstellung "Will There Ever Be Days?" nach künstlerischen Momenten der Hoffnung in Zeiten der Düsternis.

Hoffnung auf ein Ende des Krieges

In den Räumen der Heussenstamm-Stiftung sind Arbeiten von Künstlern aus Frankfurt und Tel Aviv zu sehen. Die beiden Metropolen verbindet eine nunmehr 45-jährige Städtepartnerschaft. In Zeiten lauter Boykottaufrufe und eines mutmaßlich längst praktizierten leisen Boykotts gegen israelische Künstler zeigen sich die Gäste aus Tel Aviv dankbar über die Gelegenheit zum künstlerischen Austausch. Kuratorin Carmit Blumensohn hebt das Engagement der Frauenorganisation WIZO Deutschland und der Stadt Frankfurt ebenso hervor wie Revital Ben-Asher Peretz. Die Kunstberaterin von Tel Avivs Bürgermeister Ron Huldai sieht sich vor allem als Repräsentantin der demokratischen Werte ihrer Stadt und verweist auf die dort regelmäßig stattfindenden Demonstrationen gegen die Kriegsführung des derzeitigen israelischen Kabinetts.

Blumen sind auffällig oft in dieser Ausstellung anzutreffen. Ob in Karim Abu Shakras schon fast intimen Stilllebengemälden, Nurit Yardens auf einen Feiertagsbrauch verweisender Videoserie "Flowers for Shabbat" oder in Dina Shenhavs Installation "Mountain", in der zarte Blüten aus einem schwarzen Kohlehaufen sprießen: Die in Frankfurt vertretenen israelischen Künstler setzen auf die schlichte, mutmachende Poesie des Floralen. Auch der im Iran geborene, in Trier lebende Künstler Ali Anvari setzt auf "Flower Power" und Ornamentales, indem er etwa auf dem Sperrmüll vorgefundene Perserteppiche übermalt.

Einen skeptischeren Zugang zeigen hingegen einige der von Christian Kaufmann, dem Geschäftsführer der Heussenstamm-Stiftung, ausgewählten Frankfurter Künstler. Bei Peter Loewy verliert sich die Hoffnung in einer wilden Hängung von allerlei mit Sand und Straßenstaub bedeckten Spiegeln auf einer Hauswand in Tel Aviv. "Hoffe ich auf ein Ende des Krieges, denke ich an all die Opfer und Toten, die diese Hoffnung bereits gekostet hat", sagt der Fotograf.

Wie viel Hoffnung kann man überhaupt wagen? 

Von einer tastenden Richtungssuche erzählt die Performance "Arrow", die das Künstlerkollektiv TRaG um Stefanie Trojan, Barak Reiser und Snežana Golubović anlässlich der Ausstellung aufführte. Im einheitlichen Schwarz-Weiß-Look durchschritten sie gemeinsam einen zwischen zwei Verkehrsadern eingepferchten Platz in der Frankfurter Innenstadt. Immer wieder wechselte ein Performer spontan die Laufrichtung, einen Richtungswechsel der beiden Künstlerkollegen erzwingend. Wie in Zeitlupe bewegten sich Trojan, Reiser und Golubović auf dem Areal vor dem ehemaligen Dominikanerkloster, umso dröhnender erschien einem die Hektik des Feierabendverkehrs. Ihre Performance fand auf einem Areal statt, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft bis 1938 die (von Max Beckmann malerisch festgehaltene) Börneplatzsynagoge stand. Jahrhundertelang verlief dort zuvor die Judengasse. Heute ist die einstige Bedeutung dieses Ortes für das jüdische Frankfurt nur wenigen bewusst.

Im titelgebenden Pfeil sieht das Künstlerkollektiv TRaG eine "Metapher für die nahe Zukunft, für neue Richtungen". Er stehe "für Vorwärtskommen, Richtungswechsel, Uhrzeiger, aber auch für Verletzungen". Europas Zukunft ist offen, ebenso wie die des Nahen Ostens. Welche Richtung werden die Gesellschaften einschlagen? Wie viel Gemeinsamkeit ist noch möglich? Und wie viel Hoffnung kann man überhaupt wagen? Von diesen Fragen handelt die Ausstellung "Will There Ever Be Days?" auf eine stille und dennoch eindrückliche Weise.