Ausfall der Amazon-Cloud

Das Internet ist eine Konzernzentrale

Da ist was schiefgegangen: Fehlermeldung während des Ausfalls von Amazon Web Services am 20. Oktober
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Da ist was schiefgegangen: Fehlermeldung während des Ausfalls von Amazon Web Services am 20. Oktober

Der Ausfall von Amazons Clouddienst AWS hat diese Woche gezeigt, wie abhängig die Welt inzwischen von einer einzigen Tech-Firma ist. Das Internet, das mal dezentral gedacht war, bräuchte dringend einen Neustart

Der große Ausfall beim größten Cloud-Computing-Service der Welt, AWS, am 20. Oktober hat zahlreiche Websites, Online-Plattformen und Apps lahmgelegt. Amazon hüllt sich bisher in Schweigen, wie groß der entstandene Schaden wirklich ist, einige sprechen aber von Milliarden. 

Betroffen waren unter anderem soziale Medien wie Snapchat und Reddit, Kommunikationsplattformen wie Zoom, Gaming-Services wie Epic Games und Fortnite, KI-Plattformen wie ChatGPT und Perplexity, aber auch Produktivitäts-Dienstleistungen wie Airtable. In den USA konnten viele Schüler und Studierende keinen Unterricht wahrnehmen, weil die Software Canva nicht funktionierte. AWS hat mit einem Marktanteil von knapp 35 Prozent die Vorherrschaft in der globalen Cloud-Infrastruktur. Der Vorfall vor wenigen Tagen zeigt, wie fragil so eine Marktdominanz sein kann. 

Interessant sind in dem Zusammenhang die Berichte, die besagen, dass AWS in der jüngeren Vergangenheit rund 40 Prozent des DevOps-Teams entlassen haben soll. Diese Stellen wurden durch KI ersetzt. DevOps sind jene Spezialisten, die Softwareentwicklung (Development) und IT-Betrieb (Operations) miteinander verbinden - und eben für solche Fälle gebraucht werden, wenn plötzliche Probleme in der Infrastruktur auftauchen. Bis hierhin ist das zwar Spekulation, aber die Frage ist gerechtfertigt, ob es überhaupt je zu einem solchen Totalausfall gekommen wäre, wenn ausreichend kompetente Menschen mit der Problemlösung beauftragt gewesen wären.

Das letzte bisschen Hoffnung ist dahin

Das Geld der Tech-Giganten wird schließlich für andere "Projekte" gebraucht. Für viel Erstaunen, wenn nicht sogar Entsetzen, sorgte der Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses in Washington. Donald Trump plant hier für 300 Millionen Dollar einen feudalen Ballsaal. Mit US-Steuergeldern, aber auch den Spenden zahlreicher Unternehmen – und wer ist dabei? Natürlich Amazon, Apple, Google, HP, Meta, Microsoft und Palantir. 

Der letzte Funke Hoffnung, dass die amerikanische Wirtschaft für ein bisschen ethische Standhaftigkeit und Gegenwind gegenüber der kleptokratischen Regierung in den USA sorgt, ist erloschen. Wenigstens von Apple-Boss Tim Cook hätte man erwartet, dass er sich als Homosexueller für die Rechte von Transmenschen und die LGBTIQ+-Community einsetzt. 

Am Ende zeigt sich, dass dem Silicon Valley Demokratie völlig schnurz ist, solange es um Machterhalt und Profite geht. Das alles erinnert doch stark an deutsche Großunternehmen während des Nationalsozialismus. Leider hat die Geschichte aber auch gezeigt, dass Siemens, Krupp, Mercedes-Benz, Boss, Adidas und viele mehr allesamt mit maximal einem blauen Auge davon gekommen sind. 

Wenn die omnipräsente Cloud einfach weg ist

Man will und sollte in der Gemengelage die eigenen vier Wände einfach nicht mehr verlassen. Aber auch hier zeigte der Ausfall von AWS, wie kompliziert der Alltag geworden ist, vor allem, wenn man auf "intelligente" Applikationen setzt. Viele Smart-Home-User konnten ihre Häuser nicht mehr betreten und steuern, weil der Großteil der IoT-Firmen mit AWS arbeitet. An und für sich einfache Geräte wie Wasserfilter funktionierten plötzlich nicht mehr, weil aus irgendwelchen Gründen (es ist natürlich die Kundenüberwachung) die Geräte nur mit Cloud-Anbindung laufen. 

Schlagzeilen machte auch das Unternehmen Eight Sleep, das smarte Bettenauflagen verkauft. Hier beschwerten sich zahlreiche Kunden, dass sich während des AWS-Zusammenbruchs Betten nicht mehr verstellen ließen und die integrierte Heizdecke ständig weiter heizte und sich nicht mehr ausschalten ließ.

Für ein Produkt, das bis zu 5500 Euro (ohne Bettgestell) kostet, könnte man mehr erwarten. Zeigt aber auch, wie leichtfertig Start-ups ihre Produkte entwickeln und unter die Leute bringen, ohne auch nur zu berücksichtigen, was passiert, wenn die vermeintlich omnipräsente Cloud einfach mal nicht präsent ist. 

Das Internet als Oligopol

Was vor allem deutlich wird: Das Internet hat seine Dezentralität weitestgehend verloren. Historisch gesehen, ging es bei der Entwicklung des world wide web im späten 20. Jahrhundert explizit darum, ein Netzwerk zu schaffen, das gegen Ausfälle resilient ist, keine zentralen Kontrollmechanismen hat und interoperabel und modular funktioniert. Das Prinzip des Internets war seine kollektive Selbstorganisation ohne zentrale Autoritäten. Stichwort: Netzneutralität. 

Der Vorfall bei Amazon Web Services hat allerdings gezeigt, dass die Dezentralisierung schon längst einer Rezentralisierung gewichen ist. Hinzu kommt, dass statt menschlicher Kontrolle zunehmend KI damit beauftragt wird, diese Systeme zu steuern und zu reparieren. Man dürfte den Absturz als Vorboten für das sehen, was in Zukunft erst auf uns zukommt. Und als Beweis dafür, wie vulnerabel das Netz der Gegenwart durch seine zentralistische Oligopolisierung geworden ist. Man könnte und müsste das Internet neu erfinden, daran dürften aber die wenigsten Interesse haben. Vor allem nicht Firmen wie Google, Amazon, Apple, Meta, Microsoft und Palantir.