Horrorfilm "Backrooms"

In der Rumpelkammer der Postmoderne

An den Kinokassen überholt ein 21-jähriger YouTuber mit "Backrooms" Steven Spielbergs Hollywood-Produktion "Disclosure Day". Zu Recht, findet unser Kolumnist: Kane Parsons' Horrorfilm ist ein konsequent durchkomponiertes Kunstwerk

Manche Leute sind so depressiv oder traumatisiert, dass sie sich wünschen, sie würden gar nichts mehr empfinden, wären kein Subjekt mehr, sondern ein Ding, wie ein Möbelstück. Das wünscht sich auch Clark (Chiwetel Ejiofor) in einer der letzten, absolut hysterischen Psychoszenen von Kane Parsons' Horror-Blockbuster "Backrooms", der jetzt in die deutschen Kinos kommt. Als wäre das ein Omen, ist Clark, eine der beiden Hauptfiguren des Films, der bankrotte Besitzer des riesigen, schon halb leergeräumten Möbel-Discounters mit dem bizarren Namen Cap'n Clark's Ottoman Empire, in irgendeiner Mini-Mall im Santa Clara Valley, dem Herz des Silicon Valley. Clark ist Alkoholiker, gescheiterter Architekt, geschieden, jähzornig und gewalttätig, ein toxischer, weinerlicher Mann wie aus dem Bilderbuch, der allen anderen, vor allem den Frauen, die Schuld an seiner Misere gibt.

Es sind die 90er-Jahre, wahrscheinlich kurz vor der Clinton-Ära, dem Technologie-Boom. In den USA geht es rasant bergauf. Doch nicht bei Clark. Um sich zu retten, wirbt er mit billigen Videoclips, in denen er als Möbel-Pirat Cap’n Clark auftritt, mit einem abgebrochenen Stuhlbein, das er sich als Holzprothese anbindet. Clark ist also schon zu Beginn dieses ziemlich grandiosen Films nutzlos, wie die klobigen, mit verwaschenem Blumenmuster bedeckten Fernsehsessel in seinem Laden, in dem er auch schläft: ein Auslaufmodell, ein Ladenhüter.

Und weil er sich so mies fühlt, geht er in Therapie, zu Mary (Renate Reinsve). Auch die fühlt sich mies, weil sie seit ihrer Kindheit völlig traumatisiert ist. Ihre psychisch kranke Mutter hatte sie als kleines Mädchen als Geisel genommen und sich in ihrem Messie-Haus, das abgerissen werden sollte, verbarrikadiert. Mary ist genau genommen keine approbierte Psychotherapeutin, sondern eher eine Art Selbsthilfe-Coach, die ein Buch und Kurse auf Kassette im Selbstverlag herausgebracht hat, mit dem tollen Titel "How to Open the Window Within". Ihr Heilungsmantra ist gleich zu Beginn des Films aus dem Off zu hören: "Wir alle haben unsere Loops. Unsere Gewohnheiten. Muster, die dazu führen, dass wir uns im Kreis bewegen. Immer wieder nach denselben Lösungen zu greifen. Jedes Mal glauben wir, dass sie uns an einen neuen Ort führen werden, doch das tun sie nicht. Und trotzdem ist das für uns der neuronale Pfad des geringsten Widerstands."

Der Teufel steckt im Detail

Wie auch Clark kommt sie nicht aus dem Loop. Sie ist selbst einsam, nur mäßig erfolgreich, schaltet Billigwerbung auf lokalen TV-Stationen. Beide sind Loser im anbrechenden Zeitalter der Selbstpromotion und Selbstoptimierung, in dem jeder sich vermarkten soll wie eine Brand. Mit Clark macht Mary Rollenspiele, in denen sie ihm helfen will, aus dem Loop zu kommen, und nimmt dabei die Rolle seiner Ex-Frau ein, wobei Clark sie (ebenfalls nicht besonders einfallsreich) verbal bedroht. Doch eines Tages wird die Therapie für diese beiden völlig erschöpften, bemitleidenswerten Menschen interessanter. Clark hat wegen eines Wackelkontakts im Untergeschoss einen merkwürdigen Sicherungskasten entdeckt, in dem die Schalter nicht vertikal, sondern horizontal installiert sind.

Nachdem er daran herumspielt, findet er eine Art Membran in der Wand, die in eine spiegelverkehrte Welt führt, in die Backrooms. Diese menschenleeren, gelblich erleuchteten Räume, Flure, Kammern, die sich unendlich weit erstrecken, sind wie ein Echo, Erinnerungen an die "reale" Welt. Aber diese Erinnerungen sind völlig verkehrt, wie eine Offline-KI mit Glitches, die alles auf eine seelenlose, perverse Weise zusammenbaut. Wie sich herausstellt, spiegeln die Backrooms nicht nur Clarks maroden Möbeldiscounter, sondern wahrscheinlich alle Einrichtungen, Waren und Werbungen der ganzen Welt.

Clark, der sofort merkt, wie grauenhaft falsch diese Versionen sind, fühlt sich dort aber merkwürdig wohl. In der Therapie erzählt er Mary von seiner Entdeckung. Als sie ihn bittet, zu beschreiben, was er da gefunden hat, sagt er: "Stell dir vor, du würdest jemandem, der noch nie einen Hund gesehen hat, einen Hund beschreiben und ihn dann bitten, ihn zu zeichnen. Der Hund wird ähnlich aussehen, aber der Teufel steckt im Detail."

Institutional Gothic 

Mary glaubt ihm nicht. Um sie zu überzeugen, bittet er das ständig bekiffte Pärchen, das in seinem Einrichtungshaus aushilft und seine Videos filmt, mit in die Backrooms zu kommen, um das zu dokumentieren. Das hat, ähnlich wie in "Blair Witch Project", fatale Folgen, wie man auf dem Found Footage in unscharfen und verpixelten Bildern sehen kann. Als Clark nicht mehr zur Therapie kommt, folgt ihm Mary, wie Alice dem weißen Kaninchen ins Wunderland, in dieses von unheimlichen Geräuschen hallende Labyrinth, um selbst zu entdecken, warum der Horror im Detail steckt. Und natürlich ist sie dort nicht allein; es ist noch etwas anderes, Schattenhaftes da, wie die Nachtmahre, die deine Alb- und Verfolgungsträume als Kind bevölkerten.

Eigentlich ist "Backrooms" eine Gothic-Story für das KI-Zeitalter, in dem anstelle des "Haunted House", des verfallenen Herrenhauses, die spätkapitalistische Monokultur tritt: heruntergekommene, merkwürdig menschenleere Lagerräume, Bürokomplexe, Terminals, Schwimmbäder, Shopping-Malls voller endloser Flure, gläserner Besprechungsräume und schmutzabweisender Auslegware. Diese leeren, transitorischen Bereiche, wie leere Flure, Treppenhäuser oder Warteräume, werden als "Liminal Spaces" bezeichnet und rufen ohne menschliche Präsenz nostalgische und zugleich extrem beklemmende Emotionen hervor – vor allem das Gefühl von Unwirklichkeit. Der Liminal Horror ist hell, flackernd, hart.

Sein Schrecken, so auch in "Backrooms", ist die unerklärliche Abwesenheit alles Menschlichen, von Sinn, Funktion, Gemeinschaft, Zukunft. Man ist gefangen in einer zeitlosen Zone. Das verbindet ihn mit den Traditionen des Gothic wie Edgar Allan Poes "Der Untergang des Hauses Usher", H. P. Lovecrafts "Träume im Hexenhaus" oder Shirley Jacksons "The Haunting of Hill House". Immer geht es im klassischen Gothic um Ruinen, gesellschaftlichen Verfall.

Die abgehängte Decke als Symbol für Monokultur

An die Stelle von wahnsinnigen Aristokraten und aussterbenden Blutlinien treten im Liminal Horror seelenlose Tech-Konzerne oder Institutionen, unerbittliche Bürokratien, undurchsichtige, kafkaeske Produktionsabläufe. Die verlassenen Arbeits- oder Konsumstätten werden von verlorenen, nicht eingelösten Zukunftsvisionen des Neoliberalismus heimgesucht. Auch in "Backrooms", so viel sei verraten, ist eine ominöse Corporation mit dem tollen Namen Async Research Institute im Spiel. Für diesen Corporate-Horror gibt es auch schon einen Begriff: "Institutional Gothic".

Chiwetel Ejiofor ("12 Years a Slave") und Renate Reinsve ("Der schlimmste Mensch der Welt", "Sentimental Value") spielen absolut brillant, wie in einem Arthouse-Kammerspiel. Doch natürlich sind die labyrinthischen Räume der eigentliche Star. Es wäre erstaunlich, wenn diese Filmarchitektur keinen Oscar bekäme, für ihre unlogischen, wahnsinnigen Grundrisse, falschen Perspektiven, monochromen Farbpaletten, random Tapeten mit Blumenmustern, Treppen oder Türen mit drei Knäufen, die in Sackgassen, klaustrophobische Gänge, Schwimmbäder führen – oder im Finale in eine monumentale, gefängnisartige Welt, die an die fiebrigen Architekturfantasien von Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) denken lässt.

"Es gibt wohl kein besseres Symbol für diese Art von Monokultur als eine abgehängte Decke", sagt der gerade 21 Jahre alt gewordene YouTuber, Musiker und Regisseur Kane Parsons alias Kane, dessen 2022 begonnene "Backrooms"-Webserie auf YouTube inzwischen 83 Millionen Aufrufe hatte. Er war damals 16 Jahre alt. Und natürlich ist die "Backrooms"-Mythologie mit den Gefühlen der Pandemie, Verschwörungstheorien, Paranoia, dem Versagen "des Systems" und völliger Entfremdung verbunden. "Liminal Horror" basiert auch auf der Vorstellung, dass hinter unseren Wänden, in unseren Kellern, in den Zwischenräumen zwischen Verschalung und Decke eine andere, geheim gehaltene Wirklichkeit, ein anderes System liegt, voller unbewältigter Ängste, Traumata und Erinnerungen, die nur unter der Fassade unbegrenzten Konsums zugedeckt wurden.

Der Arsch der Postmoderne

Doch was da unten, hinter den Wänden im Keller des Möbel-Outlets, auch noch lauert, ist die Rumpelkammer der Postmoderne, einer Ära, in der Hochhäuser aussahen wie Espressokocher und Espressokocher wie Hochhäuser. In der im Westen alle Stile der gesamten Weltgeschichte, aller Länder und Regionen einfach Frankenstein-artig zusammengemixt wurden und man Lampenschirme auf Maschinengewehre pfropfte. Da fragte niemand nach politischer Korrektheit, Kolonialismus oder solchen Sachen. Klamotten, Möbel, Unterhaltungselektronik wurden wie alles andere einfach weggeworfen und neu gekauft. Backrooms, das ist der Arsch der Postmoderne, eine einzige riesige Abstellkammer für Ventilatoren, Stereoanlagen, Sitzgarnituren, Pressspanküchen, die allesamt irgendeinen Twist, ein Motto, irgendwas Zusammengewürfeltes haben.

In dem Keller wartet das Fragmentierte des Poststrukturalismus, die Ideen von Jacques Derrida, Jacques Lacan, natürlich auch von Judith Butler, die einfach alles auseinandernehmen. Dabei wird (Spoiler) die Identität auch nicht ausgespart. Die Backrooms machen daraus so etwas wie einen therapeutischen Karneval, einen Circus of Death für alle Konservativen und Rechten, die da eigentlich wieder hin zurückwollten, in diese Zeit, wo doch alles noch "normal" war.

Henrike Naumann und Paul McCarthy auf Trip

Der Knaller ist, dass Parsons das einfach unglaublich gut aussehen lässt, wie tolle Kunst, die Ästhetik von Henrike Naumann oder Paul McCarthy auf Trip, nur noch poppiger, grandioser und böser. "Backrooms" ist als kulturelles Phänomen wie eine Manifestation von "Hauntologie", dem Konzept des britischen Soziologen und Philosophen Mark Fisher. Der sagte eine Gesellschaft voraus, die unendlich recycelt, remixt und vergangene Ästhetiken, Stile, Zitate immer wieder neu recycelt und sampelt. Zu dem Hype um Backrooms gehört auch, dass sich da eine Generation nostalgisch nach einer 80er- und 90er-Vergangenheit zurücksehnt, die gar nicht gelebt wurde. Parsons, der von der Industrie zu Recht wie ein Wunderkind gefeiert wird, war da nicht allein.

Die "Vaporwave"-Videos, die schon vor über einem Jahrzehnt ins Netz gestellt wurden, zeigen leere "Liminal Spaces", die aus Backrooms stammen könnten. Vaporwave ist ein Anfang der 2010er-Jahre entstandenes Kunst- und Musikgenre, das 80er-Jahre-Pop, Lounge-Musik, alte Werbe-Jingles, Muzak, also Fahrstuhl- und Lounge-Musik, sampelt und dabei extrem loopt und verlangsamt. Vaporwave-Design kombiniert die Ästhetik der frühen Internet-Ära, verpixelte Anime-Bilder, leere Shopping-Center, Game-Arcades, Windows-95-Oberflächen und klassische griechische Büsten mit knalligem Neon und Pastellfarben. Schon der Name ist Programm. Er leitet sich von "Vaporware" ab – Hardware- oder Software-Produkten, die mit viel Aufwand angekündigt, aber nie veröffentlicht wurden.

"Backrooms" trifft den Nerv der Zeit, weil wir diesen geisterhaften Stillstand natürlich alle wahrnehmen. Und natürlich ist das irgendwie eine Kapitalismuskritik, die aus der Unterhaltungsindustrie, dem Herzen des Kapitalismus, kommt und wunderschön postmodern verhallt wie ein Echo.

Abrechnung mit der Trauma-Industrie 

Das ist ein Riesenspaß, auch wenn man merkt, dass da ein professioneller Hollywoodautor geschrieben hat und, anders als in der Internetserie, eine Form von Katharsis wollte. Das nimmt immer dann, wenn sie mit ihrem ganz persönlichen "Trauma" konfrontiert werden, kitschige Züge an – gerade weil "Backrooms" auch durchaus komisch mit der performativen, liberalen Traumakultur abrechnet. Man sollte "Backrooms" genießen, während die Industrie jetzt garantiert nach anderen "originellen" You-Tube-Genies sucht, könnte das neue Horror-Genre dadurch auch schnell wieder eintönig werden.

Mary, die "Therapeutin", ist die Vorläuferin der Influencer und Influencerinnen, die in Talkshows und Podcasts Trauma und Therapie monetarisieren und vor allem individualisieren, anstatt nach den sozialen und politischen Ursachen zu fragen. In Backrooms ist von Anfang an klar, dass der innere Zustand der Protagonisten mit den sozialen und ökonomischen Bedingungen zu tun hat, in denen sie leben (und sterben).

Trotzdem gibt es in dieser Retro-Hölle die schlimmste, lustigste und befreiendste "Therapie" oder Familienaufstellung aller Zeiten – das Ende aller alten Therapien, die Mutter aller neuen Therapien für unsere nicht stattfindenden Zukünfte.

Insta-Wertung: 9/10