Bad Bunnys Siegeszug in Trumps USA

"Wenn wir kämpfen, müssen wir es mit Liebe tun"

Bad Bunny gewinnt als erster Künstler mit einem spanischsprachigen Werk den Grammy für das "Album of the Year" – und steht kurz vor dem wohl politischsten Auftritt seiner Karriere. Warum seine Super-Bowl-Halftime-Show weit mehr ist als Pop

Und wieder ein Meilenstein für Bad Bunny: Mit "DeBÍ TiRAR MáS FOToS" gewann am Sonntag in Los Angeles zum ersten Mal ein spanischsprachiges Werk den Hauptpreis "Album of the Year" bei den Grammys. Überhaupt war bislang nur eine Platte mit vollständig auf Spanisch gesungenen Lyrics für den renommiertesten Musikpreis der Welt nominiert: 2023 "Un Verano Sin Ti" – ebenfalls von Bad Bunny.

Der 31-Jährige bricht weiter Rekorde: mit Ticketverkäufen bei seiner Konzertreihe letzten September in seinem Heimatland Puerto Rico sowie der aktuellen Welttour, mit Streamingzahlen (2025 war er zum vierten Mal der meistgehörte Künstler auf Spotify, sein Album das meistgespielte) – und jetzt mit dem Grammy-Triumph. Am kommenden Wochenende wird er zudem als erster rein spanischsprachiger Headliner die Halbzeit-Show des Super Bowl bestreiten. Mehr geht nicht.

Der Auftritt beim Finalspiel der US-amerikanischen Football-Liga NFL am kommenden Wochenende könnte aufgeladener nicht sein: Während sich der Konflikt um die Abschiebung vor allem lateinamerikanischer Migranten durch die US-Einwanderungsbehörde ICE verschärft und die Regierung Donald Trumps mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf Venezuela ganz unverhohlen imperialen Gelüste zeigt, singt der größte Star des Latin-Pop im Herzen eines nationalen Rituals der Vereinigten Staaten. Über 100 Millionen Zuschauer verfolgen jedes Jahr allein in den USA dieses Ereignis.

"Bevor ich Gott danke, sage ich: ICE raus!"

Wie wird Benito Antonio Martínez Ocasio, wie Bad Bunny bürgerlich heißt, auf der Super-Bowl-Halftime-Bühne mit den hohen Erwartungen umgehen? Einen Vorgeschmack lieferte er bereits am Sonntag bei den Grammys: Als er dort auch die Auszeichnungen für das "Beste Música Urbana Album“ und die "Best Global Music Performance" entgegennahm, wurde er sofort politisch. "Bevor ich Gott danke, sage ich: ICE raus!"

Er fuhr fort: "Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Außerirdischen, wir sind Menschen, und wir sind Amerikaner." Die Auszeichnung für das beste Album widmete er später "all den Menschen, die ihre Heimat, ihr Land verlassen mussten, um ihren Träumen zu folgen". "Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe", sagte er. "Deshalb müssen wir anders sein. Wenn wir kämpfen, müssen wir es mit Liebe tun. Wir hassen sie nicht. Wir lieben unsere Leute."


Die Grammy-Statements werden die Kritik rechter Kommentatoren am Super-Bowl-Auftritt neu entfachen; viele nennen die Entscheidung für Bad Bunny "unamerikanisch". Trump griff die Wahl persönlich an: Er erklärte bei Newsmax, er habe "nie von ihm gehört", er wisse nicht, "warum sie das machen, es ist verrückt". Die Ankündigung, ICE-Agenten würden beim Spiel "überall" sein, schürt zusätzlich Ängste. 

Obwohl Bad Bunny als Puertoricaner von Geburt an US-Bürger ist und Lateinamerika schon dem Namen nach zu Amerika gehört, wird die Show zum Symbolkampf um Identität und Zugehörigkeit in den USA. In seinem Eröffnungsmonolog der US-Comedy-Show "Saturday Night Live" im Oktober sagte Bad Bunny denn auch auf Spanisch zur Latino-Community: "Das ist mehr als ein Sieg für mich persönlich, es ist ein Sieg für uns alle."

"Dieses Land ist nichts ohne Einwanderer"

Dass dieser Sänger, der vor zehn Jahren noch als Einpacker im Supermarkt gearbeitet hat, einmal eine solche Symbolfigur werden sollte, ließ sich kaum absehen. Genregerecht geht es in seinen aus Reggaeton, Trap, Latin-Pop und Salsa gebauten Tracks oft ums Feiern und um Sex, um die Ablehnung von und gleichzeitig die Sehnsucht nach festen Beziehungen. Doch spätestens seit "Un Verano Sin Ti" thematisiert er in seiner Kunst auch Gentrifizierung in Puerto Rico, Imperialismus, Kolonialismus und eben eine kulturelle Identität, die panlateinamerikanisch verstanden wird. 

"DeBÍ TiRAR MáS FOToS" ist eine Hommage an die Karibikinsel Puerto Rico und seine Menschen. Das Video zu seinem Hit "Nuevayol" von der dominikanisch-amerikanischen Fotografin Renell Medrano zeigt Bad Bunny bei einer Quinceañera-Feier in Marcel Breuers brutalistischen Master Hall in der New Yorker Bronx, dann hisst er eine puertoricanische Flagge auf der Freiheitsstatue und man hört die fiktive Stimme Trumps im Radio: "Ich möchte mich bei den Einwanderern in Amerika entschuldigen. Ich meine die Vereinigten Staaten. Ich weiß, Amerika ist der ganze Kontinent. Ich will sagen, dass dieses Land ohne Einwanderer nichts ist. Dieses Land ist nichts ohne Mexikaner, Dominikaner, Puerto-Ricaner, Kolumbianer, Venezolaner, Kubaner…"


Auch wenn Donald Trump sich nie für etwas entschuldigt, kennt er nun immerhin den Namen des puertoricanischen Superstars. "Bad Bunny übernimmt Amerika", betitelte die "New York Times" am Sonntag ihren "Daily"-Podcast (und meint Nordamerika, weil Lateinamerika doch schon fest in Bunny-Hand ist). 

Nach einer sehr heroischen Übernahme sieht auch ein großformatiges Gemälde des Künstlers Ektor Rivera aus, das in US-Medien bereits große Beachtung fand und Emanuel Leutzes "Washington Crossing the Delaware" neu interpretiert: Holzboote fahren über einen eisbedeckten Fluss, doch George Washington bleibt im Hintergrund, während nun Bad Bunny im Zentrum steht, in Pose des Generals mit einer über die Schultern drapierten puertoricanischen Flagge statt der US-Fahne. Um ihn gruppieren sich prominente Landsmänner und -frauen wie Ricky Martin und Marc Anthony, die hoffnungsfroh nach vorn blicken: Am Horizont ist das Levi’s Stadium in Santa Clara zu erkennen, Schauplatz der Bad-Bunny-Halftime-Show. 


Ob solche pompöse Fan-Art tatsächlich gute Kunst ist, lässt sich bezweifeln. Aber sie drückt aus, was viele gerade empfinden: Bad Bunny wird wie eine Erlöserfigur gefeiert, eine Rolle, die er nicht selbst gewählt hat und die im Kontrast zu seinem niedlichen Künstlernamen und seinen oft ironischen Texten und Auftreten steht. Diese offensichtliche Überzeichnung als Heilsbringer zeigt, wie unterrepräsentiert lateinamerikanische Kultur im US-Mainstream ist, wie groß die Sehnsucht nach Sichtbarkeit. "Von so vielen, nie zuvor gab es einen wie mich", sagte Bad Bunny schon 2023 als erster spanischsprachiger Headliner des berühmten Coachella-Festivals. Aber auch: "Das ist keine Ankunft. Wir waren schon immer hier." 

Wie kein anderer Reggaeton-Star versteht Bad Bunny seine musikalischen und kulturellen Traditionen und das Umfeld, das ihn zu dieser besonderen Kunstfigur gemacht hat. Was immer am kommenden Sonntag im Levi’s Stadium passiert, die Überschrift dazu wird lauten: "Das ist keine Ankunft. Wir waren schon immer hier".