Trump hat es nicht gefallen. "Die Super-Bowl-Halbzeitshow ist absolut schrecklich, eine der schlimmsten überhaupt", schrieb der US-Präsident noch vor dem Schlafengehen auf seiner Plattform Truth Social. Der Auftritt von Bad Bunny sei "ein Affront gegen die Größe Amerikas. Niemand versteht ein Wort von dem, was dieser Typ sagt, und der Tanz ist widerlich."
Es wäre seltsam gewesen, wenn Trump und die Anhänger seines MAGA-Todeskultes das, was da am Sonntagabend im Stadion der kalifornischen Stadt Santa Clara in der Pause des American-Football-Spiels zwischen den Seattle Seahawks und den New England Patriots passierte, toll gefunden hätten. Der Rest der Welt allerdings ist aus dem Häuschen.
Der Auftritt von Bad Bunny, dem nach Streamingzahlen erfolgreichsten Künstler weltweit, war schlicht gesagt ein Triumph. Der 31-Jährige performte in 13 Minuten 13 seiner Hits, ausschließlich auf Spanisch, denn es gibt gar keine englischsprachigen Songs dieses Sängers. Politische Slogans wie noch vor einer Woche auf den Grammys brauchte es diesmal nicht, er und Hunderte Performer und Tanzende – darunter Kinder, Senioren, Prominente und sogar ein echtes Brautpaar – führten einfach vor, was die Kernaussage bei den Grammys war: "Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Außerirdischen, wir sind Menschen, und wir sind Amerikaner." Die Halftime-Show war eine großartige Hommage an Bad Bunnys Heimat Puerto Rico und an ganz Lateinamerika, inklusive wunderschön "widerlichen" Perreo-Einlagen und unzähliger anderer Referenzen an das Leben auf den Straßen und Feldern, in den Clubs und kleinen Läden von San Juan, Medellín, Lima, Santiago oder Nueva Yol.
"Wenn wir kämpfen, müssen wir es mit Liebe tun", hatte Bad Bunny bei den Grammys gesagt, in Santa Clara war jede Sekunde der 13 Minuten von Liebe durchtränkt.
"God bless America", rief Bad Bunny, der hier unter seinem bürgerlichen Namen Benito Antonio Martínez Ocasio auftrat, am Ende der Show. Und während er begleitet von Musikern und Fahnenträgern amerikanischer Staaten in Richtung Ausgang lief, zählte er auf: "... sea Chile, Argentina, Uruguay, Paraguay, Bolivia, Perú, Ecuador, Brasil, Colombia, Venezuela, Guyana, Panamá, Costa Rica, Nicaragua, Honduras, El Salvador, Guatemala, México, Cuba, República Dominicana, Jamaica, Haití, Antillas, United States, Canadá, y my motherland, mi patria Puerto Rico." Dann hielt er kurz einen Football in die Kamera, auf dem standen die Worte: "Together, we are America".
Dass Amerika kein Land ist, sondern ein Kontinent, darauf machte Bad Bunny in den vergangenen Jahren immer wieder aufmerksam. In der bildenden Kunst hat Alfredo Jaar diese Message mit seiner bekanntesten Arbeit verdichtet: Mit "A Logo for America" (1987) brachte der chilenische Künstler eine 45-Sekunden-Animation auf eine der leuchtenden Werbetafeln auf dem New Yorker Times Square. Im ersten Bild liegt der Schriftzug "This is Not America" über einer Karte der Vereinigten Staaten; im zweiten Bild "This is Not America's Flag" über dem Bild der Flagge der Vereinigten Staaten; im letzten Bild wurde das einzelne Wort "AMERICA" über das Bild des nord- und südamerikanischen Kontinents gelegt. Wie ignorant, wie arrogant, dass das Wort "Amerika" – auch im deutschen Sprachgebrauch – synonym für die USA steht!
Alfredo Jaar "A Logo for America", 1987
Von Bad Bunnys Halbzeitshow war Alfredo Jaar tief bewegt, wie er am Montagmorgen Monopol sagte: "Ich halte sie für den effizientesten und außergewöhnlichsten Akt des Widerstands gegen das Trump-Regime, den ich bisher gesehen habe." Dass Jaars Botschaft aus der zweiten Reagan-Amtszeit noch dringlicher geworden ist, darauf weist auch ein direkter Bezug eines Reggaeton-Kollegen von Bad Bunny hin: Der puertoricanische Rapper Residente begann vor drei Jahren das Video zu seinem wenig sublimen Song "This is Not America" direkt mit Jaars Meisterwerk:
Und natürlich beharren Alfredo Jaar, Residente und Bad Bunny mit ihren Statements nicht allein auf einem geografischen Fakt, sondern höhlen eine Lesart aus, die zentral ist für die Anhänger der "America First"-Politik. "Make America Great Again", die Umbenennung des Golfs von Mexiko in "Golf of America" in der ersten Woche der neuen Regierung oder eben jetzt Trumps Post vom "Affront gegen die Größe Amerikas": Eine Kritik an kolonialer und imperialistischer Geschichtsschreibung und Ideologie beginnt beim Begriff "America".