Barber/Montserrat Palacios auf der Manifesta 16

Klänge überall

Der Klangkünstler Llorenç Barber bringt zur Manifesta 16 gemeinsam mit Montserrat Palacios vergessene Glocken wieder zum Sprechen – als Einladung zum Zuhören und zur gemeinsamen Erinnerung

Als sich Lambert von Fisenne diese Kirche mit ihren neogotischen und klassizistischen Elementen ausgedacht hat, wusste er vermutlich nicht, was der Begriff der Plurifokalität bedeutet. Ab 1894 wurde die Kirche St. Josef in Gelsenkirchen innerhalb von zwei Jahren erbaut. Und da war die medizinische Erforschung von Tumoren noch nicht so weit. Plurifokalität benutzt man nämlich, um das Vorkommen von mehreren Tumorherden zu beschreiben.

Viel schöner dagegen verwendet Llorenç Barber den Begriff. Der ist Musiker, Komponist, Autor, Forscher, Performer und Klangkunst-Pionier, und in seiner Vorstellung von Plurifokalität sind es anstatt Tumoren mehrere Soundherde, die er erklingen lässt. Und die denkt er ziemlich groß. Schon in den 1980er-Jahren hat er Stadtkonzerte aufgeführt, für die er Glocken zusammen mit Musikkapellen oder Blaskapellen, aber auch Sirenen, Feuerwerkskörper, Kinderchor und Muezzin tönen ließ. So werden für ihn Städte zu ganzen Orchestern. Eine Poetisierung nennt er das.

Zur Manifesta 16 wird Barber (geboren 1948) zusammen mit der mexikanischen Sopranistin und Musikhistorikerin Montserrat Palacios (1973) die Kirche St. Josef bespielen – und nicht nur das. Mit Palacios arbeitet Barber seit vielen Jahren zusammen an Artikeln, Büchern und Ausstellungen. Auch verschiedene Stadtkonzerte haben sie schon gespielt. 2019 ließen sie zum Beispiel Glocken im spanischen Tui erklingen. Mit vollem Körpereinsatz bearbeiteten sie die Instrumente und umliegende Gerätschaften und schickten die Klänge so zu einem Publikum, das nicht empfängt, sondern viel mehr gerufen wird. 

"Ich komponiere für jede Kirche eine eigene Partitur"

Für ihre neue Arbeit "How Long a Clapper’s Shadow Falls" haben die beiden nun mit dem kreativen Vermittler Josep Bohigas eine Soundintervention an zwölf Orten entwickelt, verschiedene Glockentürme im Ruhrgebiet werden dafür in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung koordiniert aktiviert. "Ich komponiere für jede Kirche eine eigene Partitur", sagt Barber. 

St. Josef übrigens, ein katholisches Gotteshaus, ist profaniert: In einem letzten Gottesdienst wurde sie entwidmet und steht nun der profanen, also weltlichen Nutzung offen. Das seit 2023 geschlossene Pfarrhaus der Kirche wird seit Sommer 2025 als Zentrale der Manifesta 16 Ruhr genutzt. Und das macht auch die Glocken dieser Kirche seltsam nutzlos. In dieser Arbeit wird ihnen eine neue Aufgabe zuteil. Palacios und Barber lassen sie zu Instrumenten für die Kommunikation unter den Bewohnern werden. "Durch das Zuhören", so Barber, "entwickeln die Bürger eine neue ästhetische Sensibilität." Denn die Stadt, so der Künstler, sei nicht nur nützlich, sondern auch schön, und sie berge Erinnerungen, die uns entgleiten. 

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