Im Museum Barberini in Potsdam klingen im Begriff Impressionismus zwei Bedeutungen gleich laut an, die kunsthistorische und die alltägliche. Mit Kopfhörer und App wandelt man in den "Music Walks" durch die spektakuläre Sammlung von Impressionisten, die der Museumsgründer Hasso Plattner über Jahrzehnte erworben hat. Wir sehen Kunstgeschichte und haben dabei Musik auf dem Ohr, die man umgangssprachlich "impressionistisch" nennen könnte, weil ruhig, getragen, ohne strenges Taktmaß. Das ist wie gemacht für die akustische Innenschau, für den Kopfhörer.
Damit es nicht langweilig wird, wechselt die Musik in jedem Raum. Und wenn man umhergeht, macht sie komische Dinge, die man ohne Vorwissen nicht so richtig versteht. Aber das ist egal, denn es fühlt sich ganz angenehm an. Wie in Watte wandelt man von Monet zu Renoir, von Feldern zu Teichen bis Paris und verliert sich in den sichtbaren Pinselstrichen, als wären es Pixel. Der Vibe: retro-psychedelisch. Fördert das die Vertiefung oder lenkt die Musik davon ab? In dieser Frage steckt der Zweifel einer Zeit, die dem Kopfhörer viel anvertraut, aber wenig darüber weiß, was das mit uns macht.
In Potsdam ist die Antwort klar: Der Kopfhörer und die Konzeption dieser "Music Walks" handeln weniger von der Kunst, sondern von der ihnen zugrunde liegenden Technologie. Der DJ und Produzent Henrik Schwarz und der Komponist und Dirigent Zacharias Falkenberg reden im einführenden Podiumsgespräch ausschließlich über Künstliche Intelligenz. Sie erzählen davon, wie sie vier Jahre (!) gebraucht haben, um die KI zu trainieren, bis sie die komplexe Aufgabe lösen konnte. Es funktioniert im Kern so: Es gibt zwei Musiken pro Raum, und je nachdem, wo man steht, erfindet die KI einen neuen Übergang von Musik 1 zu Musik 2. Wie auf einem Schachbrett gibt es 64 Felder, die das Handy orten kann. Wenn man sich von einem Feld zu einem andern bewegt, komponiert die KI neue musikalische Überleitungen.
Mit Musik auf den Ohren gibt es keine schlechten Nachrichten
Technologisch gesehen ist das reizvoll. Aber was ist gewonnen, wenn es zwar irgendwie impressionistisch klingt im Ohr, aber doch nicht halb so gut wie die Originale von Debussy oder Ravel, mit der die KI trainiert wurde? Über die Kunst selbst, die weltberühmten Bilder, verlieren die beiden kein Wort. Das sollte man ihnen nicht persönlich vorwerfen, sie hatten wohl eine andere Aufgabe. Hier erscheint aber ein größeres Problem, oder sagen wir: ein Wandel, wie wir die Welt über den Kopfhörer wahrnehmen und die Öffentlichkeit anders gestalten.
Vor zehn, erst recht vor 20 Jahren wären solche Situationen aufgefallen, in denen Kopfhörer eine zentrale Rolle spielen: an der Supermarktkasse als Kunde nicht ansprechbar sein, auf dem Bürgersteig nicht weichen, wenn sich jemand von hinten nähert, beim Joggen zu nahe an andern vorbeirennen. Für die Jüngeren gehören sie zum täglichen Outfit. Bei den nur schon wenig Älteren leidet aber das Raumgefühl in der Akustikglocke. Sie schätzen die Distanz zu den Mitmenschen schlechter ein, weil das Ohr mitmisst. Auf dem Bahnhof bewegen sie sich wie der Bauer auf dem Acker, als wäre da ganz viel Platz. So verliert die Bewegung im öffentlichen Raum an Eleganz, das städtische Massenballett wirkt fast unmodern plump.
Blickkontakt galt in sozial benachteiligten Stadtteilen schon lange als Provokation. Doch nun hat man auch in durchökonomisierten Zonen das Gefühl, ein Blick von mehr als einer Sekunde könnte übergriffig verstanden werden. Das ist auch nicht abwegig, wenn jemand sich mit dem Kopfhörer in einer abgeschotteten, fast intimen Situation wähnt, und eben nicht in einer öffentlichen. Er schafft es, die unschönen Zeichen der Zeit wegzudrücken wie einen anonymen Anruf. Mit Musik im Ohr gibt es keine Fake News, keine Internet-Bots, keine neuen Kriege, keinen Donald Trump, keine Klimakrise, außer man will sich das von Podcasts alles noch einmal erklären lassen. Auch schön: Es gibt keine kaputte Deutsche Bahn, außer man sitzt gerade in ihr und versucht dank Geräuschunterdrückung die dauernden Durchsagen zu übertönen.
Es herrscht kein Flüsterzwang
Ohne Kopfhörer und die Beruhigungspillen, die auf Spotify & Co per Playlist verabreicht werden, wäre die schlechte Laune in diesem Land vermutlich noch viel schlechter. In Deutschland wird seit dem Pandemiejahr 2020 nach wie vor rund eine Milliarde Euro jährlich für Kopfhörer ausgegeben. Weltweit steigt der Absatz ungebrochen weiter. Im vergangenen Jahr sollen es über 454 Millionen Stück gewesen sein, was ein Wachstum von gut elf Prozent bedeutet. Von den Teenagern, die die Dinger so oft wie Socken verlieren, wollen wir gar nicht reden.
Die Kopfhörer regulieren die Stimmung der Menschheit wie in den Jahrzehnten davor wohl nur Alkohol und Medikamente. Allerdings ohne die verheerenden Nebenwirkungen wie mangelnde Empathie, Beziehungsunfähigkeit, Gewalt, Verwahrlosung und Tod. Kein Grund zum Jammern, oder? Doch gibt es andere Symptome, die noch nicht begriffen sind? In den Künsten selbst?
In der Popmusik wurde in den vergangenen zehn Jahren viel über Streaming geredet und seine dominante Darreichungsform, den Kopfhörer. Wie sich die Musik verändert habe, lautete eine beliebte Frage. Die gehauchten Flüsterstimmen von Lana Del Rey und Billie Eilish kommen unter der intimen Hörmuschel besonders gut zur Geltung. Und wer allein statt in der Gruppe Musik hört, hat weniger Geduld. Weil man nicht erst abwarten muss, was die andern sagen, bis man sich auf ein Geschmacksurteil einigt. So müssen Songs bereits nach zehn Sekunden liefern, um satisfying zu sein. Allein, bereits die Beatles fingen oft schon mit dem Refrain an und reichten die Strophen dann nach (die Rolling Stones in "Satisfaction" übrigens genauso). Und es gibt durchaus laute Stimmen im zeitgenössischen Pop, aktuell etwa Rosalía. Es herrscht kein Flüsterzwang.
Zwischen den Kopfhörern schwimmt ein altersloses Gehirn
Es geht also nicht mehr um die Veränderung der Kunst an sich, sondern um ihre Funktion. Der Walkman wurde ausschließlich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen getragen. Heute sind die Zielgruppe: alle. Zwischen den Kopfhörern schwimmt ein altersloses Gehirn. Eins, das Entlastung, Ablenkung oder einfach ein gutes Gefühl stärker braucht als Konzentration. Es ist nur folgerichtig, dass wir lieber über die Technologie reden, die das möglich macht, als über Kunst oder Musik. Letztere lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Content.
Das führt zu einer scheinbar paradoxen Situation. Der Kopfhörer erweckt den Eindruck, wir würden uns auf eine Sache konzentrieren. Auf die Bilder im Museum etwa, oder auf etwas sehr Wichtiges auf dem Telefon. Wir kennen alle die gefurchten Stirnen all jener, die im Stehen, beim Warten, beim Rauchen vor den Bürohäusern auf die Bildschirme starren, als würden sie die wichtigste Nachricht ihres Lebens lesen oder zumindest arbeiten. Und wir wissen alle, was wir in solchen Situationen wirklich machen. Das Paradox besteht darin, dass es sich beim Kopfhörer ganz ähnlich verhält: Wir haben ihn auf, um uns gerade nicht konzentrieren zu müssen. Ob im Museum oder der Bahn, spielt keine Rolle. Weil alles andere gerade anstrengend genug ist.
Immerhin, wer sich an vollen Museumstagen, zumal in einer Blockbuster-Sammlung wie in Potsdam, am Geschnatter der Besucherinnen und Besucher stört, kann jetzt unbesorgt in die Ausstellung gehen. Unter Kopfhörern spricht niemand auch nur ein Wort, man ist allein unter vielen. Ein Gefühl, wie man es sonst nur von einer andern technologischen Revolution kennt, die den meisten gar nicht mehr auffällt, dem Auto.
Noch einmal Kopfhörerkunst, aber anders
Oder man geht, frisch aus Potsdam am Berliner Hauptbahnhof angekommen, noch eine Stunde in den Hamburger Bahnhof. Dort zeigt die Ausstellung "Off Score" von Annika Kahrs mit drei soundintensiven Videoarbeiten, wie der Kopfhörer durchaus zur Konzentration auf die Kunst beitragen kann. Die Besuchenden erhalten Kopfhörer mit Sendern, vor der jeweiligen Leinwand fließen Töne rundherum, immer geht es um Musik und Sounds im öffentlichen Raum: in einer entweihten Kirche, in einem italienischen Bergdorf nahe Rom und seiner Dorfmusik, in Berliner Einkaufszentren.
Man sollte gut eine Stunde mitbringen, besser anderthalb. Und vermutlich werden die meisten danach für mindestens einen Tag kein Bedürfnis mehr haben, sofort einen Kopfhörer zu tragen. Auch weil es so viel zu besprechen gibt.